Lot no. 4
Heinrich Vogeler (Bremen 1872 – 1942 Karaganda/Kasachstan)
„König und Schäferin“. Um 1907
Öl auf Karton. 56,8 × 46,2 cm ( 22 ⅜ × 18 ¼ in.).
Werkverzeichnis: Noltenius 74.–
Zweites von drei Märchenbildern. Kleine Retuschen. [3459]
Provenienz: Privatsammlung, Norddeutschland (1975 von der Galerie Gunzenhauser, München, erworben, seitdem in Familienbesitz)
Literatur und Abbildung: Ausstellungskatalog: Es wird einmal sein … Märchendarstellungen von Heinrich Vogeler, Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker. Wertheim, Grafschaftsmuseum in Zusammenarbeit mit dem Haus im Schluh, Worpswede, und dem Otto Modersohn Museum in Fischerhude, 2007/08, Abb. S. 25 (nicht ausgestellt)
König und Schäferin in einem Hain, das ist auf den ersten Blick ein Motiv, welches um 1907 völlig aus der Zeit gefallen scheint. Doch Heinrich Vogeler, Mitglied der Künstlerkolonie Worpswede und als Künstler des Jugendstil ein beeindruckend fantasiebegabter Allrounder der Gestaltung, hat daraus das Symbolbild einer idealen Welt gemacht. Die Gesichtszüge der blonden Schäferin gehören Martha Vogeler, der Frau und Muse des Malers. Das lange Kleid, das sie trägt, ist typisch für die Reformbewegungen dieser Jahre.
Seit sie sich kennengelernt hatten, war Martha das bevorzugte Modell ihres Gatten. Martha „ist auf allen seinen Bildern. Er zeichnete sie schon, als sie noch zur Schule ging. […] Jetzt […] lebt [sie] sich tief hinein in den Geist seiner Kunst. Sie sitzt lang in seinem Atelier und er zeichnet sie unaufhörlich“, berichtete die befreundete Malerin Paula Modersohn-Becker im Oktober 1898 (Tagebucheintrag v. 18.10.1898, zit. nach: Günter Busch (Hg.), Paula Modersohn-Becker in Briefen und Tagebüchern, Frankfurt a. M. 2007, S. 163).
Unser Werk „König und Schäferin“ zählt zu einer Gruppe von sechs Märchenbildern, die Heinrich Vogeler für die gemeinsamen Töchter Mieke, Martha und Bettina anfertigte. Drei der Bilder ergeben dabei eine zusammenhängende Gruppe. „König und Schäferin“ ist das zweite dieser Dreiergruppe, zu der auch die Gemälde „Der König“ und „Königsminne“ gehören (Noltenius 73 u. 75). Es knüpft thematisch an frühere Werke Vogelers an, wie etwa die 1895 entstandene Radierung „Märchen (Die Hirtin)“, die ebenfalls einen König und die junge Martha in langem Kleid mit einer Rute in der Hand wiedergibt. Mit seiner Vorliebe für derlei Motive stand der Künstler unter den Worpswedern im Übrigen nicht allein. Um das Jahr 1901 hatte auch Otto Modersohn eine Reihe von Märchenbildern geschaffen.
Seitdem hatte sich auf dem Barkenhoff viel geändert. Als Vogeler „König und Schäferin“ malt, ist die fast paradiesische Anfangszeit dort lange vergangen. Inzwischen überschlagen sich die Ereignisse auf zum Teil dramatische Weise: Im selben Jahr stirbt Paula Modersohn-Becker im Wochenbett. Martha und Heinrich Vogeler haben sich allmählich entfremdet. Er wird Mitbegründer des Deutschen Werkbundes und beginnt, sich politisch zu interessieren. Mit dem Bild „König und Schäferin“ lässt Vogeler noch einmal die von ihm auf dem Barkenhoff geschaffene, märchenhafte Lebensutopie aufleben – zurückholen kann er das Idyll nicht mehr, das weiß er selbst nur zu gut. GK
Heinrich Vogeler (Bremen 1872 – 1942 Karaganda/Kazakhstan)
„König und Schäferin“. Circa 1907
Oil on cardboard. 56,8 × 46,2 cm ( 22 ⅜ × 18 ¼ in.).
Catalogue raisonné: Noltenius 74.–
Second of three fairy tale pictures. Minor retouchings. [3459]
Provenienz: Private collection, Northern Germany (acquired 1975 at Galerie Gunzenhauser, Munich, thence by descent to the present owner)
Literatur und Abbildung: Exhibition catalogue: Es wird einmal sein … Märchendarstellungen von Heinrich Vogeler, Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker. Wertheim, Grafschaftsmuseum in cooperation with the Haus im Schluh, Worpswede, and the Otto Modersohn Museum in Fischerhude, 2007/08, ill. p. 25 (not exhibited)
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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