Lot no. 383
Hendrik van Soest (Antwerpen 1659 – nach 1716 Antwerpen) „Grand bureau de la Chine“ – Schreibkabinett mit Boulle-Marketerie in Première partie. Um 1700 Boulle-Marketerie in rotgefärbtem Schildpatt, Messing, Zinn, Perlmutt, Kupfer und Palisander; Korpus und Schübe in Eiche und Nadelholz, zum Teil in Palisander furniert; gedrechselte Füße in Ebenholz; Kapitelle und Basen aus vergoldeter Bronze; Schreibfläche mit Leder bezogen. 100 × 65 × 149 cm ( 39 ⅜ × 25 ⅝ × 58 ⅝ in.). Rückseitig Klebeetikett mit Feder: 116 [oder „M.“] Simon. Schlüssel vorhanden. Lederschreibfläche erneuert. [3452] Provenienz: Seit 2011 Privatsammlung, Paris Literatur und Abbildung: Auktionskatalog: Beaussant Lefèvre, Paris, 2. Dezember 2011, Los 183 / Auktionskatalog: Koller, Zürich, 21. März 2013, Los 1131 An Materialvielfalt und Kunstfertigkeit kaum zu überbieten, spiegelt sich der Luxus barocker Möbelkunst wohl am sinnfälligsten in jenen Prunkmöbeln, deren kontrastreiche glänzende Oberflächen mit ornamentalen Marketerien aus Schildpatt und Metallen dekoriert sind. Die Verarbeitung von Schildpatt, Messing und Zinn zu kunstvollen Einlegearbeiten wird zumeist mit André Charles Boulle (1642–1732), dem berühmten Hofebenisten Ludwigs XIV., in Verbindung gebracht. Aktiv durch den französischen König gefördert, perfektionierte Boulle die Herstellungstechnik, gab den Möbeln ein unverwechselbares Erscheinungsbild und wurde dadurch zum Namensgeber dieser Dekorationsform. Paris war jedoch keineswegs das einzige Zentrum für die Fertigung von Luxusmöbeln dieser Art. So florierte gegen Ende des 17. Jahrhunderts auch am Hof Kaiser Leopolds I. in Wien ebenso wie in den traditionsreichen, auf die Fertigung von Schildpattkabinetten spezialisierten Tischlerwerkstätten Antwerpens die Herstellung reich marketierter Möbel in Boulle-Technik. Unter den zahlreichen Kunsthandwerkern der niederländischen Handelsmetropole zählte der Ebenist Hendrik van Soest wohl zu den bedeutendsten und einflussreichsten Protagonisten der Antwerpener Möbelkunst. In seiner Werkstatt, die dem Wesen nach einer Manufaktur glich, waren bis zu fünfzig hochspezialisierte Kabinetttischler, Intarsienschneider, Graveure, Bildhauer und Vergolder an der Herstellung der luxuriösen Auftragsarbeiten beteiligt. Als „maître ébéniste“ und „marchand-mercier“ war van Soest Kunsttischler und Kunsthändler zugleich. Den größten Erfolg erzielte er mit der Herstellung von Schreibmöbeln. Bestimmungsorte seiner kunstvollen Möbel waren die Höfe Europas. Unser Schreibtisch mit Aufsatz reiht sich in eine konsistente Gruppe höfischer Schreibmöbel ein und lässt sich aufgrund mehrerer, nahezu identischer Prunkmöbel der Werkstatt Hendrik van Soests zuschreiben. Ein Aufsatzschreibtisch im Bayerischen Nationalmuseum in München aus dem Besitz Kurfürst Max Emanuels von Bayern sowie sein Gegenstück in Schloss Schleißheim zeigen den gleichen Aufbau eines auf geschweift konturierter Sockelplatte und vier Balusterbeinen ruhenden Tischkastens mit Schublade und Schreibfach. Die konisch zulaufenden Beine mit Kapitellen und Basen aus Bronze lassen sich dabei durch Holzgewinde vom Korpus abschrauben. Da die meisten Möbel der Soest-Werkstatt von Beginn an für den Export bestimmt waren, mussten sie transportabel und zerlegbar sein. Die innere Aufteilung des Schreibfaches mit zwei seitlichen und vier rückwärtigen Schüben, die sich um die lederbezogene Schreibfläche ordnen, findet sich wie auch der wohlproportionierte Aufsatz mit seiner durch Vor- und Rücksprünge rhythmisierten Fassade, dem gesprengten Giebel und den darin versteckten Geheimfächern bei allen drei Exemplaren wieder. Die Anordnung der zentralen Tür und der in drei Reihen übereinanderliegenden zwölf Schubladen entspricht hingegen einem weiteren prominenten Schreibmöbel, das Hendrik van Soest an Kurfürst Max Emanuel lieferte: dem Prunkschreibtisch mit Aufsatz in der Münchner Residenz. Ein Markenzeichen der Möbel aus der Werkstatt Hendrik van Soests waren die in Boulle-Technik ausgeführten Marketerien aus rot untermaltem Schildpatt, Messing und Zinn, gelegentlich auch aus Perlmutt und Kupfer. Bei ihrer Herstellung wurden die Materialien zusammen mit der Ornamentvorlage übereinandergelegt und mit höchster Präzision in einem Arbeitsgang ausgesägt. Durch das anschließende gegenteilige Ineinanderfügen entstanden Marketeriebilder in unterschiedlichen Farbkombinationen, wobei jenes mit dem höchsten Anteil an Schildpatt als Première partie, jene mit Messing- und Zinnfond hingegen als Contrepartie bezeichnet wurden. Wegen des hohen Materialwerts stellten Möbel mit Marketerien in Première partie, zu denen auch unser Aufsatzschreibtisch zählt, stets die begehrteste, zugleich aber auch die teuerste Ausführung dar. Die erhaltenen Archivalien der Werkstatt Hendrik van Soests führen mehrere mit Schildpatt furnierte Schreibmöbel unter der Bezeichnung „grand bureau de la Chine“ oder „bureau de marquetrie les figures à la chinoises“ auf. Inspiriert durch die Illustrationen zeitgenössischer Berichte über Reisen in fernöstliche Länder komponierte van Soest in den szenischen Marketerien eine exotische Bildwelt mit dem Kaiser von China, der von Gauklern und Jahrmarktsgestalten, brahmanischen Mönchen und Bauern bei der Papayaernte umgeben ist. Die druckgraphischen Vorlagen lieferten ihm dabei die Werke von Athanasius Kircher (1602–1680), Joan Nieuhof (1618–1672) und Olfert Dapper (1635–1689), die mit ihren kulturgeschichtlichen Schilderungen Chinas und Indiens maßgeblich zur Verbreitung der Chinoiserie um 1700 beitrugen. Als Antwort auf die enorme Faszination, die von der China-Mode ausging, entstanden phantasievoll-bizarre Schlossbauten und Interieurs, wie das unter August dem Starken erbaute Schloss Pillnitz bei Dresden oder die unter Kurfürst Max Emanuel errichtete Pagodenburg im Schlosspark von Nymphenburg. Im Kontext solcher hochfürstlichen Raumschöpfungen muss auch unser Aufsatzschreibtisch gesehen werden, dessen schillernde Materialien und exotische Darstellungen ihn zu einem Paradebeispiel der chinoisen Möbelkunst und des aufs Höchste verfeinerten Luxushandwerks des Barock machen. Lucas Nierhaus, Berlin – Experte für Möbel in der Boulle-Technik Vergleichsobjekt: Aufsatzschreibtisch, Bayerischen Nationalmuseum München, Inv.-Nr. R 3362 / Das Gegenstück mit passender Contrepartie, Schloss Schleißheim, Inv.-Nr. SNS. M 170 / Prunkschreibtisch mit Aufsatz, Münchner Residenz, Inv.-Nr. Res. Mü M 148 / Schreibkabinett, 1995 Kunsthandel Jean-Louis Picard, Paris / Aufsatz eines Schreibkabinetts, Grassi-Museum für Angewandte Kunst Leipzig Vergleichsliteratur: Brigitte Langer: Die Möbel der Münchner Residenz, Bd. II, München 1996 / Dies.: Die Möbel der Schlösser Nymphenburg und Schleißheim, München 2000 / Kerstin Frost: Ein Antwerpener Schreibkabinett aus der Werkstatt des Hendrik van Soest. Technologische Untersuchungen und konservierende Maßnahmen; in: Rolph Bothe: Möbel. Uhren. Reliefintarsien, Berlin 2001 / Jacques Toussain: Un cabinet, un roi, une ville: een kunstkast voor Willem III, Namur 2004 / Thibaut Wolvesperges: Henry van Soest. Marchand ébeniste anversois, banquier et pouvoyeur de l’électeur de Bavière à Paris; in: Revue belge d’archéologie et d’histoire de l’art, Bd. LXXIII (2004) / Renate Eikelmann (Hrsg.): Prunkmöbel am Münchner Hof. Barocker Dekor unter der Lupe, München 2011
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Orangerie. Objets Choisies
10719 Berlin - Germany
06/02/2016
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