Lot no. 289
Hermann Glöckner (Cotta bei Dresden 1889 – 1987 Berlin)
Ohne Titel (Heller Mond). 1965
Collage mit Papier und Besenhaar, Bleistift auf Papier, vom Künstler auf braunen Unterlagekarton montiert. 21,6 × 15,2 cm ( 8 ½ × 6 in.). Unten auf dem Karton mit Kugelschreiber in Schwarz signiert, datiert und mit der Uhrzeit versehen: Glöckner 280565 / 17.00.
[3410]
Provenienz: Nachlass Gerhard Altenbourg / Privatsammlung, Sachsen (bis 2012) / Galerie Döbele, Dresden (2012)
Hermann Glöckner hat knapp hundert Jahre in Dresden gelebt und gearbeitet. Sein Studium begann er in der Kunstgewerbeschule. Nach dem Ersten Weltkrieg, den er als Soldat erlebte, setzte er seine Ausbildung an der Dresdner Kunstakademie fort. In der Literatur wird er – seiner malerischen und skulpturalen Faltungen wegen verständlich – als „Konstruktivist“ bezeichnet. Aber das greift, wie der „Helle Mond“ aufs Schönste belegt, zu kurz. In Wahrheit hat Hermann Glöckner experimentiert, mit Skulpturen, Zeichnungen, Zufallsarbeiten, die an die „écriture automatique“ erinnern. Stets ist er seinen ganz eigenen – von Schulen freien – Weg gegangen, und der gefiel den Mächtigen nicht. Im Dritten Reich galt seine Kunst als „entartet“, er konnte weder ausstellen noch verkaufen. Dann hoffte er, sein künstlerisches Glück in der DDR zu finden, bis die stalinistische Kunstdoktrin erkannte, dass er den sozialistischen Aufbau der DDR mit seinem Werk nicht beförderte. Es hat lange gedauert, bis man seine Bedeutung wahrgenommen hat!
Erst im Jahr 2006 hat seine Heimatstadt Dresden eine neu angelegte Straße nach ihm benannt. Die ersten Arbeiten, die ich von ihm erwerben konnte, wurden aus der DDR geschmuggelt! Dieser „Helle Mond“ entstand 1965 in der kunstfeindlichsten Zeit der DDR. Wie trotzig, unsentimental sitzt der Mond auf diesem Blatt! Alles Romantische ist ihm fremd. Diese „Mondcollage“ entzaubert, verfremdet Glöckner mit Besenhaar, als würde der Mond in ein Gestrüpp leuchten, das Dunkle erhellen wollen. Auch setzt Glöckner den Mond keineswegs in eine sternenbestückte Himmelslandschaft. Er ist einfach da. Von welchem Ort aus er sein helles Wirken entfaltet, bleibt unklar. Mitten im „Wonnemonat Mai“ entsteht diese Arbeit, um 17.00 Uhr (wie er auf dem Blatt mit Kugelschreiber festhält): Da geht kein Mond auf, da geht kein Mond unter. Nicht die Natur strahlt uns an, sondern ein durch die applizierte Papiercollage auch noch gestörter Lichtkegel. Licht im Dunkeln, Licht trotz der Dunkelheit. Ein Meisterwerk.
Peter Raue, Berlin
Hermann Glöckner (Cotta near Dresden 1889 – 1987 Berlin)
Ohne Titel (Heller Mond). 1965
Collage with paper and broom fibres, pencil on paper, mounted on brown mount cardboard by the artist. 21,6 × 15,2 cm ( 8 ½ × 6 in.). Signed, dated and inscribed with the time in black ballpoint pen at the bottom on the cardboard: Glöckner 280565 / 17.00.
[3410]
Provenienz: Estate of Gerhard Altenbourg / Private Collection, Saxony (until 2012) / Galerie Döbele, Dresden (2012)
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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