Lot no. 13
Hermann Max Pechstein (Zwickau 1881 – 1955 Berlin)
Sängerin auf der Bühne. 1910
Farbkreide über Pinsel in Schwarz auf leichtem Karton (Postkarte). 14 × 8,9 cm ( 5 ½ × 3 ½ in.). Rückseitig Nachricht von Max Pechstein, Otto Mueller, Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner an Maschka Mueller. Dort auch der Stempel der National-Galerie, Berlin (Lugt 1969a).
[3395]
Provenienz: Maschka Mueller, Berlin / National-Galerie, Berlin (wohl 1931 in einem Konvolut von 63 „Brücke“-Postkarten von der Galerie Ferdinand Möller, Berlin, erworben und 1937 als „entartet“ beschlagnahmt) / Sofie und Emanuel Fohn, Rom (1939) / Heinrich Robert „Harry“ Fischer, Wien/London / Privatsammlung, Österreich
Literatur und Abbildung: Der Text an Maschka Mueller im Wortlaut:
„Nun die Dritte im Bunde[.] Mit bestem Gruss M. Pechstein
Otto
Auf baldiges Wiedersehen Ihr EH.
Frdl. Gruss ELKirchner“
Bemalte Postkarten – sprechende Zeugen und große Kunst
Es gab Zeiten, da beachtete niemand jene kleinen, flinken Boten, die Künstler an Sammlerinnen und Sammler, Freunde, Verleger, Kunstwissenschaftler, Museumsdirektoren, Journalisten und Galeristen, oft auch untereinander verschickten: Postkarten. Die Vorderseite für die Anschrift und ein paar Zeilen, Grüße. Und dann die Rückseite – ein freies Feld von zirka 90 × 140 Milimeter. Hier versammelte sich – vor allem unter den Händen der Brücke-Künstler und der Maler des Blauen Reiters – ab 1909 ein eigenes munteres, farben- und immer aufschlussreiches Geschehen. Platz für eine Bleistiftzeichnung, ein Aquarell, eine Farbstiftskizze, einige rasche Tusche-Pinsel-Federstriche: bildgewordene Mitteilungen. Für den Empfänger eine persönliche Botschaft, die man aufbewahrte. Für Fräulein Dr. Rosa Schapire, frühes Passiv-Mitglied der Brücke in Hamburg, erklomm der wackere Postbote die Stufen zu ihrer kargen Wohnung im 3. Stock der Osterbek-straße 43 – oftmals. Schließlich drängten sich in einem blauen Kästchen mehr als einhundertzwanzig Kostbarkeiten. Ganz persönlich: „[…] etwas Mondamin erbeten“. Und dann auch die immerwährende Klage: „Fi-nanzen sehr knapp“. Oder der Lockruf: „[…] habe ein paar neue Bilder an den Wänden“.
Aber – wie gesagt – niemand in der Kunstwelt beachtete sie, die am 1. Juli 1870 eingeführten „Correspondenzkarten“. Sie blieben als privates Eigentum beim Empfänger, wanderten über Jahre von Hand zu Hand, durch Generatio-nen. Nur einer erkannte, was hier schlummerte. Nur einer ahnte, welche Kostbarkeiten sich hinter Briefmarke und Stempel, Anschrift und Absendeort, Text und Bild verbargen: Daten, die für die Forschung wichtig werden könnten, vor allem bei Datierungs- und Echtheitsfragen. Es war Gerhard Wietek, der solche Zusammenhänge sah, begriff, ihnen nachging – er allein. Das von ihm geleitete Haus wurde zum Zentrum des übersehenen „Genres“ – bemalte Postkarten als sprechende Zeugen und große Kunst. „Die Sammlung original gemalter Karten […], die das Altonaer Museum in Hamburg besitzt, kann nach Art und Umfang als einmalig bezeichnet werden.“ Dann erschien 1977 sein Buch: „Gemalte Künstlerpost. Karten und Briefe deutscher Künstler aus dem 20. Jahrhundert.“ Auf Seite sechs findet sich der entscheidende Satz: „Das Beste, Inhaltsreichste und Aufklärendste, was über Kunst gesagt wurde, ist von den Künstlern selbst gesagt worden.“ Das trifft die Sache – und an kaum einer Stelle sprudelt diese Quelle so üppig wie auf dem handtellergroßen Karton der Postkarte: Eine authentische Niederschrift auf der einen Seite; eine konzentrierte, in schöpferische Dichte getauchte Zeichnung auf der anderen.
An diesem – wie hier oft noch unentdeckten – Reichtum haben fünf Postkarten Anteil, die Erich Heckel, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff versandten (Los Nrn. 13 bis 17). Diese Postkarten sind authentische Zeugnisse. Als die Berliner Secession 1910 in der Vorbereitung einer Ausstellung siebenundzwanzig Bewerber ausjurierte, schlossen sich diese „Zurückgewiesenen“ zur Neuen Secession zusammen und zeigten ihre Werke vom 15. Mai bis 15. Juli, dann mit Verlängerung bis Ende September 1910 im Kunstsalon Maximilian Macht, Rankestraße 1 (Abb. links). In diesen aufgeregten Wochen lernten Maschka und Otto Mueller die Maler der Brücke kennen. Erste Gemeinsamkeit: Sie ertrugen Kritik und Diffamierung. „Man bespie unsere Bilder, auf die Rahmen wurden Schimpfworte gekritzelt“, schrieb Max Pechstein. Solche Erlebnisse schweißen zusammen. Nur kurze Zeit nach der Finissage sandte Max Pechstein die vorliegende Postkarte an Maschka Mueller (Los Nr. 13, Abb. unten). „Nun die dritte im Bunde.“ Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner schließen sich mit Grüßen an, bitten um ein baldiges Wieder-sehen. Damit ist diese Postkarte ein Dokument aus dem Herbst des Jahres 1910, als die Brücke-Maler Otto Mueller und seine Frau in ihre „Künstlergemeinschaft“ aufnahmen. Gerd Presler
Wir danken Andreas Hüneke, Potsdam, und Sven Haase, Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin, für freundliche Hinweise zur Provenienz.
Hermann Max Pechstein (Zwickau 1881 – 1955 Berlin)
Sängerin auf der Bühne. 1910
Coloured chalk over brush in black on light cardboard (postcard). 14 × 8,9 cm ( 5 ½ × 3 ½ in.). On the reverse a message from Max Pechstein, Otto Mueller, Erich Heckel and Ernst Ludwig Kirchner to Maschka Mueller. There, too, the stamp of the National-Galerie, Berlin (Lugt 1969a).
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Provenienz: Maschka Mueller, Berlin / National-Galerie, Berlin (presumably acquired 1931 at Galerie Ferdinand Möller, Berlin as part of a selection of 63 „Brücke“-postcards and 1937 confiscated as degenerate in 1937) / Sofie and Emanuel Fohn, Rome (1939) / Heinrich Robert „Harry“ Fischer, Vienna/London / Private Collection, Austria
Literatur und Abbildung: Wording of the text: „Nun die Dritte im Bunde[.] Mit bestem Gruss M. Pechstein Otto Auf baldiges Wiedersehen Ihr EH. Frdl. Gruss ELKirchner“
We would like to thank Andreas Hüneke, Potsdam, and Sven Haase, Zentralarchiv of the Staatlichen Museen zu Berlin, for kindly providing additional information regarding the provenance.
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