Lot no. 150
Honoré Daumier (Marseille 1808 – 1879 Valmondois)
„Scapin et Géronte“. Um 1860–1865
Crayon Conté auf Bütten (Wasserzeichen: Wappen mit HP und dem Schriftzug HALLINES). 34,3 × 29,3 cm ( 13 ½ × 11 ½ in.). Unten links signiert (schwach lesbar): Daumier. Rückseitig: Halbfigur eines sitzenden Mannes und zwei weitere Skizzen. Tuschfeder. Figurenskizzen in Crayon Conté. Unten signiert: Daumier.
Maison 472 / Daumier Register 10472.–
[3223]
Provenienz: Roger Marx, Paris / Claude Roger-Marx, Paris / Privatsammlung, Hessen
Ein auf beiden Seiten mit zusammenhanglosen Motiven bedecktes Papier – das ist nichts Seltenes bei Daumier, dem frisches Beginnen mehr lag als geduldiges Vollenden und der gern nach einiger Zeit auf eine angefangene Zeichnung zurückgriff, ohne der ursprünglichen Idee weiter nachgehen zu wollen. Stattdessen förderte die Schubkraft des alten Entwurfs neue, nicht im Mindesten zugehörige Einfälle zutage, mit denen sich die frei gebliebenen Flächen füllten. Um das schon Vorhandene besser zu ignorieren, wurde das Blatt gedreht, schließlich auch gewendet.
So auch in dieser Zeichnung. Schon die Vorderseite will aufmerksam gelesen werden. Einem wirren Geflecht fadendünner, zittriger, hundertmal neu ansetzender, sich verschlingender Linien des scharf gespitzten Crayon Conté – eines schwarzen Kreidestifts – entwachsen schattenhaft zwei Gestalten. Das schreckhaft Erstarrte der einen, das theatralische Renommieren ihres Partners erklären sich dank einer Gruppe von drei kleinen Ölbildern in Zürich, Cambridge/Mass. und im Musée d’Orsay. Die eingeführten Titelvarianten (Scène de comédie, Un Scapin, Scapin et Géronte) verweisen auf Molières Komödie „Les Fourberies de Scapin“ . In der 11. Szene des dritten Akts versetzt der verschlagene Diener Scapin den geizigen Géronte mit einer erfundenen Schreckensmeldung in Panik, um von ihm Geld zu erpressen und zum guten Ende dessen Sohn zu verheiraten.
Die Zeichnung kann helfen, die Entstehungsfolge der drei briefbogengroßen Kompositionen zu sichern. Während die skizzenhafte Züricher Fassung Scapin in noch ganz unbestimmter Haltung und auf der linken Bildseite zeigt, stimmt die Pariser in der Anordnung – Géronte links, Scapin rechts – mit der Zeichnung überein, jedoch nicht in der Kopfhaltung des Scapin, der von seinem Partner wegblickt. Erst die dritte Fassung (in Cambridge) übernimmt die in der Zeichnung angelegte starke Rückwendung zu Géronte hin, der sich jedoch, aus der frontalen Erstarrung gelöst, mit pathetisch erhobenen Armen abwendet. Das ist ein entschiedener Schritt über die Kreideskizze hinaus, die demnach punktgenau zwischen der zweiten und der dritten Variante vermittelt: Sie muss dem Künstler deutlich gemacht haben, dass eine stärkere Rückwendung des Scapin-Kopfes auch eine dramatischere Reaktion des Gegenspielers erforderte.
Wahrscheinlich etwas älter sind zwei, möglicherweise drei zeichnerische Varianten der Géronte-Figur (in Maisons Verzeichnis der Zeichnungen Daumiers Nr. 470 und 471, vielleicht auch 473). Alle gehörten zusammen mit dem hier besprochenen Blatt dem Kunstschriftsteller Roger Marx, berühmt als Verteidiger Rodins, Redons, Gauguins, der Schule von Nancy, als Förderer der grafischen Künste und großer Sammler: Ihm gehörten rund 200 Daumier-Zeichnungen.
Ganz unerwartet und willkürlich mischt sich in die Scapin-Komposition ein neues Motiv, das nur viel später hinzugekommen sein kann, so unbedenklich lässt es das schon Vorhandene außer Acht. Der Zeichner hat sein Blatt um neunzig Grad gedreht, um zwischen den beiden Köpfen und über deren Umriss hinweg die Kontur eines Profilkopfes einzusetzen. Der Stift ist jetzt viel kräftiger und härter geführt, wohl auch um sich gegen die ursprünglichen Protagonisten durchzusetzen, und dennoch wird nach wenigen Strichen der Plan aufgegeben. Gerade erkennt man noch das schematische Profil eines nach vorn gebeugten Mannes, der sich in ganzer Gestalt auf der Rückseite des Blattes zu erkennen gibt, sehr verwischt, sehr schemenhaft, und doch ist auch er, kaum verkennbar, aus Daumiers Ölmalerei in drei Varianten bekannt (Maison I-135 bis I-137; die bekannteste im Musée du Petit Palais, Paris): Es ist der „Amateur d’estampes“, der Grafikliebhaber, der sich bei einem Bilderhändler über eine große Mappe beugt. In den Ölbildern steht die Figur allerdings seitenverkehrt.
Größerer Aufmerksamkeit bedarf es, der rechten Hälfte des Papiers, die mit der linken in keinem Zusammenhang steht, ihr Geheimnis zu entlocken. Immerhin, die nach vorn stürmende Gestalt erinnert an das späte Bild einer flüchtenden Mutter: in seiner aufgelösten, panischen Pinselsprache ein Spätwerk (Schweizer Privatsammlung, Maison I-241). Und nicht genug damit, dass ein einziges Blatt auf drei unterschiedliche Werkgruppen, drei Aspekte der Kunst Daumiers verweist: Dreht man das Papier wieder in die Senkrechte, treten die beiden blassen, mit weicherem Stift angedeuteten Gestalten zurück hinter die mit sehr spitzer Feder leichthin angedeutete Halbfigur eines barhäuptigen Mannes im Halbprofil, eines jener daumiertypischen Gesichter mit breiter Nase und kräftigen, gefurchten Zügen, denen man in den Lithografien der späteren Jahre öfter begegnet.
Wann könnte demnach das Blatt zur Hand genommen worden sein? Für fast alle Daumier-Bilder können die Entstehungszeiten nur grob vermutet werden. Für das Scapin-Bild hat man den Zeitraum zwischen 1858 und 1865 erwogen, und damit wäre auch für unsere Zeichnung, die so deutlich in den Wandel der Bildidee eingebunden ist, der plausibelste Zeitraum gegeben. Dazu fügen sich auch die gegen 1860 und 1862 gemalten Grafikliebhaber. Das Bild der flüchtenden Mutter dürfte um 1873 entstanden sein; da jedoch die entsprechende Figur auf der Zeichnung in einem Zug mit dem gebeugten Herrn skizziert zu sein scheint, wird man sie wohl nur als einen tastenden Vorgriff hinnehmen müssen.
Claude Keisch
Honoré Daumier (Marseille 1808 – 1879 Valmondois)
„Scapin et Géronte“. Circa 1860–1865
Crayon Conté on laid paper (watermark: crest with HP and the lettering HALLINES). 34,3 × 29,3 cm ( 13 ½ × 11 ½ in.). Signed lower left (faintly legible): Daumier. On the reverse: half-length figure of a seated man and two further sketches. Pen and India ink. Sketches of figures in Crayon Conté. Signed at the bottom: Daumier.
Maison 472 / Daumier Register 10472.–
[3223]
Provenienz: Roger Marx, Paris / Claude Roger-Marx, Paris / private collection, Hesse
Pictures credits: Contact organization
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