Lot no. 304
Italienisch, wohl Lombardei () Thronende Muttergottes – Maria lactans. Um 1400 Kalkstein; Reste polychromer Fassung. 92 × 59 × 21 cm ( 36 ¼ × 23 ¼ × 8 ¼ in.). Provenienz 1960er Jahre Sammlung des Kunsthändlers Angel Linares Reyes (1905–1999), Madrid – Antigüedades Abelardo Linares, Madrid. Ergänzung der Nasenspitze. [3129] Provenienz: 1960er Jahre Sammlung des Kunsthändlers Angel Linares Reyes (1905–1999), Madrid – Antigüedades Abelardo Linares, Madrid Auf einer Thronbank nach rechts gewandt hält die Gottesmutter mit fürsorglicher Geste den halbnackten Christusknaben umfasst, der an ihrer entblößten Brust saugt. In dem Bildwerk, das sich durch eine hohe künstlerische Qualität auszeichnet, ist ein bis in die Spät-antike zurückreichendes Motiv aufgegriffen: das der stillenden Muttergottes (Maria lactans), das die menschliche Natur des in die Welt gekommenen Gottessohnes eindringlich vor Augen führt. Der Eindruck inniger Nähe, evoziert durch das Umgreifen des Kindes und dessen Einbindung in den Gesamtumriss, wird zusätzlich durch aufeinander bezogene Gefühlsmomente unterstützt: Der Blick des Kindes scheint über die Brust der Mutter hinweg auf ein fernes Ziel fixiert, in den zarten Zügen des Marienantlitzes breitet sich Kummer aus. Die ostentativ betonte Menschwerdung Christi ist offensichtlich von einer Vorahnung des späteren Kreuzestods begleitet. Vielleicht gehörten zu dieser Reliefdarstellung ursprünglich auch flankierende, möglicherweise einen Vorhang haltende Engel. Mehrere Indizien sprechen für eine Entstehung der Skulptur um 1400 in Oberitalien, vermutlich in der Lombardei, und zwar in einer Phase, in der sich Mailand unter Gian Galeazzo Visconti, von 1395 bis 1402 Alleinherrscher und Herzog, zu einem Zentrum des sogenannten Weichen Stils entwickelte und infolge des Neubaus der gotischen Kathedrale ab 1396 zu einem Treffpunkt für Künstler aus ganz Europa wurde. Zu den für den Weichen Stil charakteristischen Hauptbeispielen oberitalienischer sitzender Madonnen zählen jene in den Lünetten des Eingangs zum Campo di San Zaccharia in Venedig und des Portals der Cappella Corner an der Frarikirche, ebenfalls in Venedig, sowie die marmorne Einzelfigur von Jacopino da Tradate im Castello Sforzesco in Mailand. Die hier behandelte Maria lactans unterscheidet sich allerdings von diesen Beispielen dadurch, dass sie sich an einen auf die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zurückverweisenden Typus anlehnt. Die Anlage der Draperie ist hier durch eine Abfolge vertikaler und winklig gebrochener Züge gekennzeichnet, die zu einer tektonischen Verfestigung der Figurenkomposition beitragen. Dem Stil um 1400 entsprechende kurvige Faltenmotive sind hingegen nur reduziert vorhanden. Eine ähnlich retrospektive Haltung war im Oberitalien dieser Zeit keineswegs selten, wie etwa zwei stehende Madonnen in San Marco in Venedig, darunter jene im Retabel der Mascoli-Kapelle, oder die sitzende Marmormuttergottes im Museo della Cattedrale in Ferrara, ein Frühwerk Jacopo della Quercias, belegen. Zur genaueren stilistischen Einordnung der Madonna bedarf es noch einer weiteren Durchsicht der Bauskulptur des Mailänder Doms. Mit zu berücksichtigen sind dabei auch Werke wie die Maria lactans an der Fassade des Visconti-Kastells in Fagnano Olona. Größte Bedeutung kommt in diesem Kontext nicht zuletzt einem Hauptwerk wie dem Schlussstein mit dem in Kupfer getriebenen Antlitz Gottvaters aus dem Mailänder Domchor zu (heute im Museo del Duomo), 1416–25 geschaffen vom Goldschmied Beltramino de Zutti. Vergleichbar sind die fein ziselierten Haarsträhnen und die weit geöffneten, im Blick individualisierten Augen mit betonter Lidrahmung. In der lombardischen Skulptur des 14. Jahrhunderts lassen sich verschiedene Reliefdarstellungen von Madonnen wie hier im Dreiviertelprofil nachweisen, in denen sich das Kind, statt der Mutter, Stiftern oder Heiligen zuwendet – wie bei einem dem „Maestro delle sculture di Viboldone“ zugeschriebenen Sarkophagfragment im Liebieghaus in Frankfurt am Main. Durch die Hinwendung des Kindes zur Mutter sorgt die Maria lactans demgegenüber für eine Intensivierung des Gedankens der Menschwerdung Christi, wie sie dann in den oft in Profilansicht wiedergegebenen Florentiner Madonnenreliefs des Quattrocento fortgeführt wird. Zeitgenössische Relieffiguren im Dreiviertelprofil, die wie die Madonna durch auf Monumentalwirkung angelegte Züge gekennzeichnet sind, finden sich derweil beispielsweise unter den 1385 vollendeten Tugenden der Loggia dei Lanzi in Florenz. Hartmut Krohm – ehemaliger stellvertretender Direktor der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin Vergleichsliteratur: Manfred Wundram: Jacopo di Piero Guidi; in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz Jg. 13 (1968), S. 195–222 /Wolfgang Wolters: La scultura veneziana gotica, Venedig 1976 / James Beck: Jacopo della Quercia, New York 1991 / Laura Cavazzini: Il crepuscolo della scultura medievale in Lombardia, Città di Castello 2005 / Dies.: Il Maestro delle sculture de Viboldone nel precorso del Gotico lombardo; in: Arte lombarda N. S. 172 (2014), 3, S. 78–95 / Arte lombarda dai Visconti agli Sforza, a curo di Mauro Natale e Serena Romano, Ausst.-Kat. Mailand 2015
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06/02/2016
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