Lot no. 3058
Jacob Isaacksz. van Ruisdael (Haarlem 1628/ 1629 – 1682 Amsterdam)
WASSERFALL MIT EINEM FACHWERKHAUS AUF FELSIGER ANHÖHE. Um 1665
Öl auf Leinwand. 69,8 x 54,5 cm ( 27 ½ x 21 ½ in.). Links unten auf einem Felsen signiert: JvRuisdael (JvR in Ligatur, teilweise überarbeitet) / Auf dem Rahmen rückseitig in roter Kreide: Rohde; in weißer Kreide: 52 / Rückseitig auf dem Keilrahmen Klebeetikett der Papeterie A. Binant, Paris.
Mit einem Gutachten von Wilhelm von Bode, Berlin, vom 25. März 1924, als „sehr sympathisches Werk des Jacob van Ruisdael aus seiner mittleren Zeit (um 1665/70)“ (im Original).–
Doubliert. In einem Rahmen des 19. Jahrhunderts nach englischen Vorbildern des 18. Jahrhunderts (92,5 x 79 cm). [3001]
Provenienz: Sammlung des Architekten Pierre Vigné de Vigny (1690–1772), Paris / 1773–86 Sammlung des Kunsthändlers und Malers Vincent Donjeux (gest. 1793), Paris / 1786 Sammlung Changrand (Marquis de Changrand?) / Kunsthändler Joseph Depret, Paris / 1925 Sammlung Frieda Hinze, Berlin / Sammlung Elisabeth Rohde, Berlin
Quelle Sammlung Rohde-Hinze: Quittung Kunsthändler Joseph Depret, Paris, 21. März 1925, als „Bild Ruysdael“, 4.700 RM
Ausstellung: Gemälde Alter Meister aus Berliner Besitz. Ausstellung in der Akademie der Künste Berlin, Ausst.-Kat. (eingel. von Wilhelm von Bode), Berlin Juli-August 1925, Kat.-Nr. 334
Literatur und Abbildung: Auktionskatalog: Pierre Vigné de Vigny und Jean-Baptiste-Pierre Lebrun, P. Remy, Paris, 1. April 1773, Los 55 (zusammen mit dem Gegenstück, 451 Franc) / Auktionskatalog, Alexandre-Josephe Paille, Paris, 6.-18. Februar 1786, Los 127 und 128 (zusammen mut dem Gegenstück, 624 Franc) / Gemälde alter Meister aus Berliner Privatbesitz, Ausst. Akademie der Künste, Berlin 1925, Nr. 334 / Adolph Donath: Alter Meister aus Berliner Privat-besitz. Die Ausstellung in der Akademie, in: Der Kunstwanderer, Jg. 7 (1925), Nr. 1/2, S. 422-424, S. 424 / Jakob Rosenberg: Jakob van Ruisdael, Berlin 1928, S. 80, Nr. 136 / Seymour Slive: Jakob van Ruisdael. A Complete Catalogue of His Paintings, Drawings and Etchings, New Haven und London 2001, S. 248, Nr. 303 mit Abb
Auf suggestive Wirkung bedacht, hat Ruisdael das Naturschauspiel auf hochgestelltem Format frontal in Szene gesetzt. Vom erhöhten Mittelgrund aus stürzt Wasser hinunter auf das niedrige Plateau des Vordergrundes, trifft dort auf einen mächtigen Gesteinsbrocken, vor allem auf eine bizarr zerklüftete Felsskulptur, von der es in grell-weißlich aufleuchtenden Schüben aus Gischt stufenweise herabströmt. Der Betrachter erlebt das Geschehen unmittelbar, wenn auch aus sicherer Distanz mit dem Blick von oben herab.
Die wie mit dem Lineal gezogene Fallkante des Wassers fungiert als Pseudo-Horizont, verdeutlicht die Augenhöhe. Bilateral eingestellte Kulissen - links eine Gruppe mit Eichen, rechts, etwas zur Tiefe verschoben, ein steiles Felsmassiv mit einem Fachwerkhaus auf der Höhe - engen den Blickwinkel ein, schirmen den Vordergrund gegen den weiteren Verlauf der Landschaft weitgehend ab. Vom Gewässer, das im Mittelgrund von der oberen Etage aus den Wasserfall speist, ist nicht viel zu sehen. Es zeigt keinerlei Bewegung, scheint nicht zu fließen. Die Oberfläche bleibt glatt und widerspiegelt in zart bläulichen und silbrigen Werten das weich nuancierte Grauweiß und Blau des bewölkten Himmels. Die ockerfarbenen Höhungen, die das Licht rechts auf das Steingrau des Felsmassivs setzt, sind ein weiterer Beleg dafür, daß dieser Bezirk als ein Stück „heiler“, friedlicher Natur aufzufassen ist, ein Gedanke, den die pastorale Staffage unterstreicht. Rechts hinten führt ein Hirte, begleitet vom Hirtenjungen und einem Hund, Schafe durch das seichte Wasser, und auf der Höhe darüber gehen zwei Figuren auf das Haus zu. Die aufgewühlten Wassermassen vorn zeigen dagegen die andere Seite der Natur, ihre elementare, existenzbedrohende Gewalt. Das fächerartig ausladende Ast- und Laubwerk der Eichen beschattet die Zone, mindert ihren Anteil am milden Licht des Himmels.
Zwischen 1650 und 1651 bereiste Ruisdael in Begleitung seines Malerfreundes Nicolaes Berchem das deutsch-niederländische Grenzgebiet. Auf den Flachländer hat die anders geartete Natur der Gegend einen tiefen Eindruck gemacht. Er bewunderte dort die Anhöhe mit Schloß Bentheim oder sah anderes baumbestandenes Hügelland, von unregelmäßigen Wasserläufen durchzogene Täler und dichte Wälder mit knorrigen Baumriesen, Motive, die er zeitlebens gestaltete und die auch Eingang fanden in seine Darstellungen von Wasserfällen. Das Verdienst, das Thema aufgegriffen und zur Spezialität gemacht zu haben, gebührt jedoch Allart van Everdingen (1621–1675), der Anfang 1645 von einem Aufenthalt in Skandinavien nach Holland zurückgekehrt war, sich in Haarlem niederließ und das auf der Reise erarbeitete Motivrepertoire sogleich malerisch auswertete. Seine Schilder-ungen der nordischen Bergwelt, darunter Bilder mit Wasserfällen, entstanden von 1646 an.
Der für das Große und Erhabene in der Natur empfängliche Ruisdael hat sich vermutlich mit den Gebirgsszenerien seines Malerkollegen befaßt, obschon die eigenen Wasserfälle, die er anfangs schuf, einen eher westfälischen denn nordischen Charakter aufweisen. Breitere Beachtung fand die Aufgabenstellung ohnehin erst nach seiner Übersiedlung nach Amsterdam, wo inzwischen auch Everdingen mit Erfolg tätig war. Von einer erneuten Auseinandersetzung mit dem „Konkurrenten“ ist auszugehen, denn Ruisdaels Wasserfälle der Jahre von etwa 1660 an sehen nun in der Tat skandinavisch aus, ohne daß er je selbst vor Ort gewesen wäre. Die Erinnerung an die „Wanderjahre“ ist freilich wach geblieben. Fachwerkhäuser zählen zur Ausstattung unseres Gemäldes wie auch des vermeintlichen Gegenstücks, in dem zudem Landschaften dargestellt sind, die einem Mittelgebirge eher ähneln als der mächtigen Bergwelt des Nordens.
Seymour Slive weist die Gemälde den 1660er Jahren zu, wobei die tradierte, von Jakob Rosenberg geteilte Auffassung, sie seien als Pendants zu bewerten, nicht zu bestätigen ist. Die zeitweilig gemeinsame Provenienz bietet hierfür kein Indiz, auch nicht der stilistischen Bezug, der genauso für andere Werke dieser Jahre gelten würde. Zwar ist die Abmessung der Leinwände deckungsgleich, aber wohl deshalb, weil hier ein vom Maler bevorzugtes Standartformat Verwendung fand.
Ruisdaels Landschaften entstanden „naer ’t leven“ (nach dem Leben), führen aber über die Wiedergabe des bloß Sichtbaren hinaus. Bereits Goethe charakterisierte den Maler in seinem Essay „Ruisdael als Dichter“ (1816) als „denkenden Künstler, ja als Dichter“, dessen Absicht es gewesen sei, „im Gegenwärtigen das Vergangene sichtbar“ zu machen. Das Gebot des memento mori im Bewußtsein zu halten war eine zentrale Aufgabe der Kunst jener Tage, auch der Landschaftsmalerei. Abgestorbene Bäume, Stämme, die halb vermodert auf dem Waldesgrund liegen, Ruinen oder stürmisches Wetter waren geläufige, durch Bildtradition, Bibel und Emblematik verbreitete Symbole der Vergänglichkeit, die Ruisdael ständig, geradezu in repertoiremäßiger Wiederholung eingesetzt hat. Hierzu zählt auch der Wasserfall als Zeichen des verfließenden Lebens, das - wenn es sich so fügt - auch unvermittelt abbrechen kann, gleich dem stillen Wasser eines Weihers, das ohne Übergang zur Tiefe hin abstürzt.
Jan Kelch, Berlin
Literatur zum Künstler: Arnold Houbraken: De groote schouburgh der Nederlantsche kunstschilders en schilderesse, 3 Bde., Amsterdam 1718–21, Bd. 3 (1721), S. 65–66 / Johann Wolfgang von Goethe: Ruysdael als Dichter, in: Goethes Werke, Hamburg 1963, Bd. 12, S. 138–142
Gegenstück: Traditionell als Gegenstück zu Ruisdaels „Wasserfall", Öl auf Leinwand, 68 x 52 cm, ehem. Sammlung Alfred und Jacob Rosenbaum, München, angesehen (Rosenberg 1928, Nr. 196a / Slive 2001, Nr. 238)
Jacob Isaacksz. Van Ruisdael (Haarlem 1628/ 1629 – 1682 Amsterdam)
WATERFALL WITH A HALF-TIMBERED HOUSE ON A ROCKY OUTCROP. Circa 1665
Oil on canvas. 69,8 x 54,5 cm ( 27 ½ x 21 ½ in.). Signed on the rocks lower left: JvRuisdael (JvR joined, partly worked over) / on the frame on the reverse in red chalk: Rohde; in white chalk: 52 / On the reverse on the stretcher a label of the stationer A. Binant, Paris.
Accompanied by a certificate by Wilhelm von Bode, Berlin, dated 25 March 1924, where described as a "sehr sympathisches Werk des Jacob van Ruisdael aus seiner mittleren Zeit (um 1665/70)“ (in the original).–
Relined. In a 19th century frame after 18th century English examples (92,5 x 79 cm). [3001]
Provenienz: Collection of the architect Pierre Vigné de Vigny (1690–1772), Paris / 1773–86 collection of the art dealer and painter Vincent Donjeux (died 1793), Paris / 1786 collection Changrand (Marquis de Changrand?) / art dealer Joseph Depret, Paris / 1925 collection Frieda Hinze, Berlin / collection Elisabeth Rohde, Berlin.
Source, collection Rohde-Hinze: receipt, art dealer Joseph Depret, Paris, 21 March 1925, as "Bild Ruysdael“, 4.700 RM
Ausstellung: Gemälde Alter Meister aus Berliner Besitz. Ausstellung in der Akademie der Künste Berlin, exh. cat. (with an introduction by Wilhelm von Bode), Berlin July-August 1925, cat. no. 334
Literatur und Abbildung: Auction catalogue: Pierre Vigné de Vigny and Jean-Baptiste-Pierre Lebrun, P. Remy, Paris, 1 April 1773, lot 55 (together with the companion piece, 451 Francs) / Auction catalogue: Alexandre-Josephe Paille, Paris, 6-18 February 1786, lots 127 and 128 (together with the companion piece, 624 Francs) / Gemälde alter Meister aus Berliner Privatbesitz, exhibition, Akademie der Künste, Berlin 1925, no. 334 / Adolph Donath: Alter Meister aus Berliner Privat-besitz. Die Ausstellung in der Akademie, in: Der Kunstwanderer, vol. 7 (1925), no. 1/2, p. 422-424, p. 424 / Jakob Rosenberg: Jakob van Ruisdael, Berlin 1928, p. 80, no. 136 / Seymour Slive: Jakob van Ruisdael. A Complete Catalogue of His Paintings, Drawings and Etchings, New Haven and London 2001, p. 248, no. 303 with illustration
Literature regarding the artist: Arnold Houbraken: De groote schouburgh der Nederlantsche kunstschilders en schilderesse, 3 vols., Amsterdam 1718–21, vol. 3 (1721), p. 65–66 / Johann Wolfgang von Goethe: Ruysdael als Dichter, in: Goethes Werke, Hamburg 1963, vol. 12, p. 138–142.
Companion piece: traditionally considered a companion piece to Ruisdaels "Wasserfall", oil on canvas, 68 x 52 cm, formerly collection Alfred and Jacob Rosenbaum, Munich (Rosenberg 1928, no. 196a / Slive 2001, no. 238)
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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