Lot no. 3031
Jan Brueghel d.J. (1601 – Antwerpen – 1678) WEITE LANDSCHAFT MIT PLANWAGEN UND PFERDEKARREN. Kurz nach 1626 Öl auf Holz. 50,5 x 80,5 cm ( 19 ⅞ x 31 ¾ in.). Rückseitig in roter Kreide: 6404. Mit einem Gutachten von Gustav Glück, Wien, vom 13. April 1926 als „für eine durch seine Stimmung und gute Färbung ausgezeichnete, völlig eigenhändige, charakteristische Arbeit des Jan Brueghel des Älteren“ (im Original). Mit einem Gutachten von Hermann Voss, Berlin, vom 8. Juni 1929 als „besonders fein empfundenes, stimmungsvolles und malerisches Werk des Jan Bruegel d. A. („Sametbruegel“), das eine völlig eigenhändige Arbeit von hohem Charakter des Meisters ist“ (im Original) / Mit einem Gutachten von Klaus Ertz, Lingen, vom 31. Januar 2015 (im Original).– Parkettiert. [3001] Provenienz: 1920er Jahre Galerie Sanct Lucas, Wien / Sammlung des Lysoform-Fabrikanten Dr. Walter Heilgendorff (1882–1945), Berlin / Familienbesitz Heilgendorff-Kuckei / Sammlung Frieda Hinze, Berlin / Sammlung Elisabeth Rohde, Berlin Quelle Sammlung Rohde-Hinze: Handschriftlicher Vermerk „Heilgendorff“ auf der Abschrift der Expertise von 1926 Literatur und Abbildung: Klaus Ertz: Jan Breughel der Jüngere. Die Gemälde mit kritischem Œuvrekatalog, Freren 1984, Kat.-Nr. 22*, S. 304, Abb. S. 305 Mit dieser gut erhaltenen Ölmalerei auf Holz nimmt der Sohn Jan Brueghels d.Ä. einen vom Vater entwickelten Kompositionstyp auf, der von uns als „Von der Hügel- zur Flachlandschaft“ beschrieben wird. Dieser Typ geht aus von der „Flachlandschaft“ des Prado zu Madrid aus dem Jahre 1603 über den „Dresdner Rohrdommeljäger“ von 1605, die „Weite Landschaft mit Reisenden auf der Landstraße“ des Art Museum Saint Louis, um 1610 entstanden, bevor im Jahr 1610 das Ziel in einer Miniatur auf Kupfer („Reisende auf der Landstraße“) erreicht ist. In Antwerpen, nicht in Holland, entsteht die früheste wirklich rein niederländische Flachlandschaft in Miniaturgröße. Im Jahr 1611, im Gemälde von Jan d.Ä., ist das Ziel erreicht und die perfekte Flachlandschaft in der Malerei für die Zukunft etabliert (ehem. Galerie de Jonckheere, Paris). Mit seiner Interpretation der wallonischen Hügellandschaft im zu begutachtenden Gemälde „Weite Landschaft mit Planwagen und Pferdekarren“ setzt Jan Brueghel d.J. an einem um 1605 vom Vater erreichten Kompositions-Entwicklungsschritt ein, indem er in einer Variation eine bisher weitgehend vernachlässigte Facette der Wirkungsmöglichkeiten einer weiten Landschaft schärfer formuliert. Durch die Gestaltung des Hintergrundes und des Himmels in bisher so nicht gesehenen Rosa-Gelb-Tönen, motivisch begründet durch eine untergehende Sonne, die den gesamten Hintergrund in ein dunstiges, geheimnisvolles Licht taucht, vermittelt er Stimmungsmomente, wie sie beim Vater allenfalls in „Zum Sonnenaufgang“ von 1611 angelegt waren. Dieses Original des Vaters, das dem des Sohnes am nächsten steht, hat ihn vermutlich sehr stark beeinflußt. Unser Gemälde ist meiner Meinung nach etwa 15 Jahre später entstanden, wohl direkt nach der Übernahme des väterlichen Ateliers 1626, zu einer Zeit, als der junge Brueghel gerade aus Italien zurückkehrte und noch völlig unter dem väterlichen Einfluß stand. Hinzu kommen auch die in den Details sehr fein und genau ausgeführten Pinselstriche, die sich eng an die Handschrift des Vaters anlehnen. Bevor sich der persönliche Stil des jüngeren Jan in eigenständigen Kompositionen, die ab Mitte der Dreißigerjahre des 17. Jahrhunderts zu beobachten sind, ausdrückte, arbeitete er in der so erfolgreichen Art des Vaters weiter. In den bisherigen Forschungen, die sich mit dem Maler Jan Brueghel d. J. beschäftigt haben, wurde immer wieder die Nähe zum Vorbild des Vaters festgestellt. Heute darf als gesichert gelten, daß Jan d.J. dessen Werk am intensivsten und auf dem höchsten Niveau fortgeführt hat, was unser Gemälde ebenfalls deutlich macht. Erst in späteren Jahren entwickelt er einen Malstil, der sich eher an Malern wie David Teniers d.J. oder Daniel Seghers orientiert. In dem zu begutachtenden Gemälde jedoch ist er noch ganz der Wahrer des väterlichen Erbes. Landschaftsbilder mit Planwagen und reisenden Wanderern waren besonders beliebt. Viele andere Künstler neben den Brueghels haben sich dieser Kompositionsform verschrieben. Zu ihnen gehören in erster Linie Josse de Momper, dann Pieter Gysels, Adriaen van Stalbemt oder Kerstiaen de Keuninck, die beispielhaft für viele andere stehen. Diese hügeligen Hochebenen werden vom Vorder- bis zum Hinter-grund durch eine Vielzahl von Wegen erschlossen. Das Licht einer fast immer von oben links scheinenden Sonne, die von Wolken verdeckt wird, nimmt eine bedeutsame Rolle ein, da sie einzelne Landschaftsteile mehr ausleuchtet als andere und dadurch eine Dreidimensionalität erreicht, die durch die Figuren im Vordergrund, die zum Mittel- und Hintergrund immer kleiner werden, unterstützt wird. Diese Landschaftsform ist typisch für den Beginn der „modernen Landschaft“, die von Jan Brueghel d.Ä. in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts geprägt worden ist und die sich von der „manieristischen Weltlandschaft“ gegen Ende des 16. Jahrhunderts gerade einmal ein paar Jahre entfernt hat. Daß Jan Brueghel d.J. diese Komposition gegen Mitte der 1620er Jahre wieder aufgreift, zeigt, daß die „Brueghel-Mode“ zu dieser Zeit noch nicht vorbei war. Obwohl das Gemälde wie so viele seiner Art vom Künstler nicht signiert ist, habe ich an der Zuschreibung des Bildes an Jan Brueghel d.J. keinen Zweifel. Zur Bekräftigung der Zuschreibung verweise ich auf andere Werke des Künstlers, die in Komposition, Handschrift und Datierung vergleichbar sind und diesem nahestehen. Das zu begutachtende Gemälde ist den Vergleichsbildern in Datierung, Komposition und Farbigkeit anzuschließen. Die an der Malweise des Vaters geschulte Pinselführung, die in unglaublicher Akribie den Details nachspürt und in vielem an die Bilder des Vaters erinnert und dessen Kompositionen nachempfindet, deutet auf einen geringen zeitlichen Abstand zum Werk des Vaters hin, was nach meiner Kenntnis der Gemälde von Jan Brueghel d.J. und der allgemeinen landschaftlichen Entwicklung der flämischen Malerei des 17. Jahrhunderts durchaus schlüssig ist. Aus dem Gutachten von Klaus Ertz, Lingen Vergleichswerke von Jan Brueghel d.J.: Weite Landschaft mit Windmühle, späte 1620er Jahre, Holz, 41 x 62 cm, München, Alte Pinakothek, Inv.-Nr. 830 / Straße bei einem Wald, später 1620er Jahre, Holz, 46 x 75 cm, Madrid, Museo del Prado, Inv.-Nr. 1427 / Der Rohrdommeljäger, Späte 1630er Jahre, Holz, 46 x 75 cm, Bourg-en-Bresse, Musée de l’Ain, Inv.-Nr. 853.13 Vergleichswerk Jan Brueghel d.Ä.: Zum Sonnenaufgang, Kupfer, 17,8 x 28 cm, Paris, ehem. Gal. de Jonckheere, Kupfer (signiert: BRVEGHEL 1611). Wir danken Klaus Ertz, Lingen, für die Bestätigung der Authentizität anhand des Originals. Jan Brueghel d.J. (1601 – Antwerp – 1678) BROAD LANDSCAPE WITH COVERED WAGONS AND HORSE-DRAWN CARTS. Shortly after 1626 Oil on panel. 50,5 x 80,5 cm ( 19 ⅞ x 31 ¾ in.). On the reverse in red chalk: 6404. Accompanied by a certificate by Gustav Glück, Vienna, dated 13 April 1926, where described as "für eine durch seine Stimmung und gute Färbung ausgezeichnete, völlig eigenhändige, charakteristische Arbeit des Jan Brueghel des Älteren“ (in the original). Accompanied by a certificate by Hermann Voss, Berlin, dated 8 June 1929, where described as "besonders fein empfundenes, stimmungsvolles und malerisches Werk des Jan Bruegel d. A. ("Sametbruegel“), das eine völlig eigenhändige Arbeit von hohem Charakter des Meisters ist“ (in the original) / Accompanied by a certificate by Klaus Ertz, Lingen, dated 31 January 2015 (in the original).– Inlaid. [3001] Provenienz: 1920s Galerie Sanct Lucas, Vienna / collection of the Lysoform manufacturer Dr. Walter Heilgendorff (1882–1945), Berlin / family collection Heilgendorff-Kuckei / collection Frieda Hinze, Berlin / collection Elisabeth Rohde, Berlin. Source, collection Rohde-Hinze: handwritten note "Heilgendorff“ on the copy of the 1926 expertise Literatur und Abbildung: Klaus Ertz: Jan Breughel der Jüngere. Die Gemälde mit Œuvrekatalog, Freren 1984, cat. no. 22*, p. 304, ill. p. 305 With this well-conserved oil painting on wood, the son of Jan Breughel the Elder takes up a type of composition developed by his father, that we describe as "From a hill toward a flat landscape". This type begins with the "Flat Landscape" (1603) in Madrid's Prado, then "Tern Bird-hunters of Dresden" (1605), followed by "Wide Landscape with Travelers on the Highway" (1610) in the Art Museum of St. Louis, reaching its climax in a miniature on copper, "Travelers on the Highway" (1610). Not in Holland, but in Antwerp, is the earliest truly genuine Dutch landscape painted in miniature. It's in 1611, Jan Breughel the Elder attained the goal: the perfect flat landscape exists and sets the standards for the future (former Gal. de Jonckheere, Paris). With his interpretation of the Walloon hilly landscape in the painting "Wide Landscape with Covered Wagon and Horsecart" Jan Breughel the Younger goes one step beyond the compositional development of his father (1605). He employs a variation of a facet, until then largely neglected, of the possible effect of a broad landscape, more sharply formulated: by presenting the background and the heavens in a tone never before seen--a rosy yellow, caused by the setting sun. The entire background is bathed in a hazy, mysterious light, providing a harmonious "moment" which his father achieved perhaps best in "At Sunrise" (1611). This original of the father, which is most proximate to his son's, no doubt influenced the son. Our painting was completed, in my opinion, approximately 15 years later, in fact directly after Jan Breughel the Younger took over his father's atelier in 1626, a time when the younger Breughel had just returned from Italy and was still thoroughly under the influence of the Elder. Moreover, the brushstrokes in the details are very finely and exactly executed, following closely the father's painting techniques. Before the young Jan developed a personal style in his own compositions, which one can observe starting in the middle of the 1630's, he worked in the so successful manner of his father. In the research to date on Jan Breughel the Younger, his proximity to the example of his father has been clearly outlined. Today it may be claimed as certain that Jan Breughel the Younger continued the work of his father on the highest and most intensive level, which our painting clearly shows as well. Not until his later years did he develop a style of painting that was oriented rather toward painters like David Teniers the Younger or Daniel Seghers. In the painting we are examining, however, he is still the keeper of his paternal heritage. Landscape painting with covered wagons and travelers were especially sought after. Many other artists besides the Brueghels were devoted to this composition form. Included were, first of all, Josse de Momper, then Pieter Gysels, Adriaen van Stalbemt or Kerstiaen de Keuninck, who were examples among many. These hilly plateaus appear accessible via multiple paths from the foreground to the background. The light comes almost always from the upper left side, where the sun, partly covered by clouds, plays the major role in thus illuminating individual sections of the landscape more than others. This achieves a three dimensionality which is supported by the figures which become smaller as they recede into the distance. This landscape form is typical for the beginning of the "modern landscape" which Jan Breughel the Elder characterized in the first years of the 17th century. This was just a few years after the "mannerist world landscape" at the end of the 16th century. The fact that Jan Breughel the Younger picked up this composition form again in the mid 1620's shows that the "Breughel Manner " was still valid at the time. Although this painting, like so many others of its kind, was not signed by the artist, I have not a doubt that it is by Jan Breughel the Younger. To strengthen this attribution, I allude to other works of the artist which are comparable in composition, painting techniques and date. The painting we are examining fits closely in its composition, coloring and dating to the aforementioned comparable paintings. The touch of the brush, trained in the father's manner, unbelievably exact, tracing details and bringing to mind the father's paintings and composition, indicate a short interval of time from the period of influence of the father, which according to my knowledge of Jan Breughel the Younger's paintings and the general development of landscape painting in Flemish painting of the 17th century is conclusive. Comparable works by Jan Brueghel the younger: Weite Landschaft mit Windmühle, late 1620s, wood, 41 x 62 cm, Munich, Alte Pinakothek, inv. no. 830 / Street near a Forest, later 1620s, wood, 46 x 75 cm, Madrid, Museo del Prado, inv. no. 1427 / The Bittern Hunter, late 1630s, wood, 46 x 75 cm, Bourg-en-Bresse, Musée de l’Ain, inv. no. 853.13. Comparable work: Jan Brueghel the Elder: Sunrise, copper, 17,8 x 28 cm, Paris, formerly Gal. De Jonckheere, copper (signed: BRVEGHEL 1611). We would like to thank Klaus Ertz, Lingen, for confirming the authenticity from the original.
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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Catalog
07/03/2015
Offered by Grisebach
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