Lot no. 3033
Jan Brueghel d.J. und Frans Wouters (Antwerpen 1601 – 1678 Antwerpen / Lier 1612 – 1659 Antwerpen)
PARADIESLANDSCHAFT MIT DEM SÜNDENFALL. 1634/35
Öl auf Eichenholz. 66,4 x 105,6 x 1,0 cm ( 26 ⅛ x 41 ⅝ x 1,0 in.). Rückseitig Prägungen: Turm [Steuerzeichen Antwerpens]; Hände [Zunftzeichen Antwerpens]; LS (ligiert) [Monogrammstempel des Paneelherstellers Lambert Steen, nachweisbar 1608-1638] / Rückseitig in schwarzer Tinte: Nr 15.
Mit einem Gutachten von Klaus Ertz, Lingen, vom 19. Januar 2015 (im Original).–
Nicht parkettiert. Gerahmt. [3001]
Provenienz: Sammlung der Familie Nicholson of Balrath, Balrath Bury House (Country Meath, Irland) / Sammlung Gilbert de Poulton Nicholson of Balrath (1835–1899), Coburg / Dessen Sohn Gilbert William de Poulton Nicholson (1878–1949) / 1924 Sammlung Kurt Rohde, Berlin / 1938–43 als Depositum an Elisabeth Berbig, Dresden / Sammlung Elisabeth Rohde, Berlin
Quelle Sammlung Rohde-Hinze: Annotierter Auktionskatalog: Sammlung Gilbert de Poulton Nicholsen. Gemälde Alter Meister, Rudolph Lepke’s Kunst-Auctionshaus, Berlin, Katalog 1918, Los 56, Abb. Tafel 2, 8. April 1924 (6.600 RM) (als Jan Brueghel d. Ä. und Hendrick van Balen) / Lagerbuch Nr. 146, als „Gemälde“
Auf einem groß angelegten „Erdzwickel“, der links im Vordergrund beginnt und sich schräg nach rechts zum rechten Bildrand zieht, „spielt“ sich die Verführungsszene des Alten Testamentes ab, in der die stehende, nackte Eva dem links von ihr am Boden sitzenden, ebenfalls nackten Adam die verbotene Frucht des Apfelbaumes reicht. Hinter den beiden Figuren wächst nach rechts zum oberen rechten Bildrand ein gewaltiger, Früchte tragender Apfelbaum, dessen Krone vom oberen Bildrand überschnitten wird. Um seinen Stamm oberhalb des Hauptes von Eva hat sich die Schlange gewunden. Rechts daneben am Boden balgen sich zwei Leoparden, davor ein vom Bildrand überschnittenes Rind und ein Pferd, darüber ein Rosenbusch mit vielen rosafarbenen Blüten. Vor Adam und Eva am Boden links zwei Meerschweinchen, ein Äffchen, ein Stacheltier, zwei Hasen und ein Zweig mit Äpfeln. Links daneben ein Löwenpaar.
Ein kahler Baum steht am Ende des Erdzwickels, am Ufer eines Baches, der sich vom linken Vordergrund in den Mittelgrund zieht. Auf den kahlen Ästen des nach links sich neigenden Baumes sitzen neben einem blau-gelben und einem rot-blauen Ara weitere exotische Vögel. Im Fluß vorn zwei Schwäne und zwei Enten, weiter links am Ufer jeweils ein Paar Hunde, Pfauen, Ziegen, Rehwild, Rinder und Schafe.
Der linke Teil des Bildes führt von einer Grasebene in einen dichten Wald. Die kahlen Äste des linken Vordergrundbaumes heben sich markant vor hellem Himmel ab.
Frühestens 1634 mit Erlangen der Meisterwürde kann Frans Wouters daran gegangen sein, die in dieser Form traditionelle Verführungsszene in rubensschen Formen und mit den meist nach unten gesehen wie aufgebläht wirkenden Nasen in den Gesichtern auf eine entweder noch leere oder nur in einem ersten vorläufigen Landschaftsentwurf vorhandene erste Malschicht aufzutragen. Damit war sein Teil der Zusammenarbeit erledigt.
Die Tafel ging dann an Jan Brueghel d.J., der seine Landschaft um die Figuren malte. An den Konturen der Figuren ist gut zu erkennen, wie die gelb-braune Farbe an die Figuren heran- und teilweise darübergemalt worden ist. Eindeutig auch die später auf die Körper gemalten Blätter, die die Scham von Adam und Eva bedecken. Alle Motive, seien es Tier-, Baum- oder Fruchtmotive, sind dem vom Vater Jan Brueghel d. Ä. für das Thema „Paradieslandschaft“ angelegten Vorrat, der in Form von Zeichnungen, Gemäldeskizzen oder fertigen Gemälden im Hause Jan Brueghel vorhanden gewesen sein muß und der dem jüngeren Jan nach Übernahme des Ateliers nach dem Tode des Vaters uneingeschränkt zur Verfügung stand, verpflichtet.
Jedes einzelne Motiv hat seine eigene Geschichte, die in Auswahl am Beispiel der bedeutendsten Paradies-Sündenfall-Szene der Kunstgeschichte, der aus der Zusammenarbeit Peter Paul Rubens’ und Jan Brueghels d.Ä. entstandenen Tafel „Paradieslandschaft mit Sündenfall“, nachverfolgt werden kann. Typische Rubens- Motive, die sich im Den Haager „Paradies“ wiederfinden lassen und zum Zeitpunkt des Entstehens des zu begutachtenden Gemäldes gegen Ende der 1630er Jahre zum allgemein verfügbaren Motivformgut für Tierdarstellungen in Landschaft sozusagen popularisiert waren, sind z. B. das Löwen- und Tigerpaar, das Pferd mit wehender Mähne rechts, das vom Bildrand überschnittene Rind – Motive, die wir im Werk von Rubens selbst immer wieder in verschiedener Verwendung finden können.
Am Blattwerk des Apfelbaumes rechts vorn läßt sich die weniger detailgenaue Handschrift des jüngeren Jan mit den schwungvoll bewegten Bandrändern gut erkennen. Einen sich aus der Summe von gröberen Pinselstrichen ergebenden Gesamteindruck von Baumrinde wie in dieser Darstellung wird man beim älteren Jan nicht finden: Dieser malt jeden Quadratzentimeter Rinde minutiös, in winzigen Pinselstrichen so lange aus, bis der Betrachter glaubt, das Stück Rinde greifen zu können. Dieses Bestreben der Realität bis aufs Äußerste mit dem Pinsel nahezukommen, die „Augen des Betrachters“ nach Möglichkeit so zu täuschen, daß er versucht ist, die Malerei selbst für die Realität zu halten, was letztlich zu einer eigenen Bildgattung, der Trompe-l’œil-Malerei führte – das ist dem Schöpfer dieser Paradiesdarstellung fremd. Mit seinen Möglichkeiten schafft Jan Brueghel d.J. ein sehr gutes Stück flämischer Malerei, das für seine Zeit nicht typischer sein könnte.
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist es besonders in Flandern absolut üblich, daß sich mehrere Spezialisten verschiedener Bildgattungen zusammentaten, um ein gemeinsames Werk zu schaffen. Da die meisten dieser Künstler in Antwerpen in einem Viertel nahe beieinander wohnten, wurden die Bilder von einem zum anderen gebracht.
Obwohl man in vielen Museen Gemälden von Wouters begegnen kann, so ist dessen Werk doch immer noch nicht eingehend erforscht. Die Themen dieses Rubens-Mitarbeiters sind hauptsächlich der antiken Mythologie entnommen, was nicht verwundert, war ihm doch die Darstellung des weiblichen nackten Körpers besonders lieb. Er gehört neben Hendrick van Balen, Hendrick de Clerck oder Frans Francken d.J. zu den wichtigsten Malern, die diese Tradition der vielfigurigen, mythologischen oder auch christlichen Aktdarstellungen übten.
Wegen der beschriebenen Stilmerkmale ist meiner Meinung nach diese Landschaft mit alttestamentarischer Szene eine Gemeinschaftsarbeit von Jan Brueghel d.J. mit Frans Wouters, bevor letzterer nach Wien ging.
Aus dem Gutachten von Klaus Ertz, Lingen
Zur Provenienz: Das Bild dürfte aus dem Besitz der irischen Familie Nicholson of Balrath stammen, von wo es im 19. Jahrhundert an deren Sproß Gilbert de Poultron Nicholson (1835–1899) ging. Dieser Sammler Alter Meister war in Dublin geboren, wuchs auf dem Stammsitz Balrath Bury House (Country Meath) auf und lebte spätestens ab 1880 in Frankfurt (Westendstr. 44) und im sogenannten Poulton Hall in Coburg. In Gerichtsakten wurde Nicholson 1888 als Privatier bezeichnet (vgl. Staatsarchiv Coburg, StACO + Min L + 13 (Staatsministerium, Lokat L: Justizgewalt). Aus der Ehe mit Minna Anna Bertha Bruxwitz ging Gilbert William de Poulton Nicholson (1878–1949) hervor, der ein bekannter Mediziner war und die Bildersammlung seines Vaters 1924 verkaufte. (SK)
Vergleichswerke von Jan Brueghel d.J. und Frans Wouters: Satyrn belauschen Dianas schlafende Nymphen, Ende 1630er Jahre, Kupfer, 27,9 x 38,1 cm, Privatsammlung / Der trunkene Herkules zwischen Nymphen und Satyrn, Beginn 1640er Jahre, Kupfer, 61 x 80,5 cm, Privatsammlung
Sonstige Vergleichswerke: Jan Brueghel d.J.: Einzug in die Arche Noah, 1630er Jahre, Kupfer, 56 x 88 cm, Madrid, Museo del Prado, Inv.-Nr. 1407 / Frans Wouters: Die Zeit enthüllt die Wahrheit, 1637, Holz, 42 x 46,5 cm, 1637, Mauerbach-Auktion in Wien, 29.10. 1996, Los 63
Wir danken Canon Nigel Nicholson, USA, für Hinweise zur Provenienz, Hans Vlieghe, Rubinianum Antwerpen, und Bettina Werche, Weimar, für Hinweise in Verbindung mit der Zuschreibung der Figuren.
Wir danken Klaus Ertz, Lingen, für die Bestätigung der Authentizität anhand des Originals.
Jan Brueghel d.J. And Frans Wouters (Antwerp 1601 – 1678 Antwerp / Lier 1612 – 1659 Antwerp)
PARADISE LANDSCAPE WITH THE FALL OF MAN. 1634/35
Oil on oak. 66,4 x 105,6 x 1,0 cm ( 26 ⅛ x 41 ⅝ x 1,0 in.). On the reverse the following marks: tower [tax mark of Antwerp]; hands [guild mark of Antwerp]; LS (joined) [monogram stamp of the panel maker Lambert Steen, identifiable as from 1608-1638] / on the reverse in black ink: Nr 15.
Accompanied by a certificate by Klaus Ertz, Lingen, dated 19 January 2015 (in the original).–
Not inlaid. Framed. [3001]
Provenienz: Collection of the Nicholson Family, Balrath, Balrath Bury House (Country Meath, Ireland) / collection Gilbert de Poulton Nicholson of Balrath (1835–1899), Coburg / his son Gilbert William de Poulton Nicholson (1878–1949) / 1924 collection Kurt Rohde, Berlin / 1938–43 deposited with Elisabeth Berbig, Dresden / collection Elisabeth Rohde, Berlin.
Source, collection Rohde-Hinze: annotated auction catalogue: Sammlung Gilbert de Poulton Nicholsen. Gemälde Alter Meister, Rudolph Lepke’s Kunst-Auctionshaus, Berlin, catalogue 1918, lot 56, ill. plate 2, 8 April 1924 (6.600 RM) (as Jan Brueghel the Elder and Hendrick van Balen) / book inventory no. 146, as "Gemälde“
Comparable works by Jan Brueghel the Younger and Frans Wouters: Diana's sleeping nymphs observed by satyrs, late 1630s, copper, 27,9 x 38,1 cm, private collection / The drunken Hercules between nymphes and satyrs, beginning of the 1640s, copper, 61 x 80,5 cm, private collection.
Other comparable works: Jan Brueghel the Younger: Entry into Noah's Arc, 1630s, copper, 56 x 88 cm, Madrid, Museo del Prado, inv. no. 1407 / Frans Wouters: Die Zeit enthüllt die Wahrheit, 1637, wood, 42 x 46,5 cm, 1637, Mauerbach-Auktion in Vienna, 29.10. 1996, lot 63.
We would like to thank Canon Nigel Nicholson, USA, for kindly providing additional information regarding provenance, and Hans Vlieghe, Rubinianum Antwerp, and Bettina Werche, Weimar, for kindly providing additional information in connection with the attribution the figures. We would like to thank Klaus Ertz, Lingen, for confirming the authenticity from the original.
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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