Lot no. 117
Johann Christian Reinhart (Hof 1761 1847 Rom)
DER SÄCHSISCHE PRINZENRAUB (AUCH: ALTENBURGER PRINZENRAUB). 1785
Öl auf Bütten. 36,5 x 46,5 cm ( 14 ? x 18 ¼ in.). Unten links signiert und datiert (mit dem Pinselstiel in die feuchte Farbe geritzt): C. Reinhart fec. 1785. Auf der ehemaligen, hölzernen Rückwand des Rahmens ein alter, mit Feder in Braun beschrifteter Aufkleber zur Ausstellung Meiningen 1904.
Feuchtmayr G 37 bzw. G 50.
[3093]
Provenienz: Ehemals Sabine Keyssner, Witwe des Hofdruckereibesitzers Karl Keyssner, Meiningen (1904)
Ausstellung: Meininger Pastellgemälde. Neue Beiträge zur Geschichte des deutschen Altertums (= Katalog der Meininger Gemälde-Ausstellung i. J. 1904 nebst Übersicht über Meiningens Maler und plastische Künstler). Meiningen, Hennebergischer altertumsforschender Verein, 1904, Kat.-Nr. 10
Aus den frühen Jahren des seit 1789 in Rom wirkenden deutschen Landschaftsmalers des Klassizismus, Johann Christian Reinhart (Abb.1), war bislang trotz zahlreicher dokumentarischer Nachweise nur eine einzige, in Böhmen entstandene Ölstudie aus dem Jahr 1785 bekannt (Abb. 2). Mit dem vorliegenden, auf Papier gemalten und eigenhändig C. Reinhart 1785 bezeichneten Ölbild haben wir ein weiteres Zeugnis der Malerei Reinharts vor Augen. Dargestellt ist das Schloß Nossen bei Dresden in Sachsen bei Mondschein. Die Komposition beruht eindeutig auf einer vor Ort von Reinhart skizzierten Zeichnung aus dem Jahr 1784 (Abb. 3).
Die vom Mond beschienene Architektur zeigt bei näherem Hinsehen unterhalb zweier hell erleuchteter Fenster des Schlosses einige kleine Figuren. Es scheint, daß Diebe mit einer langen Holzleiter zum Fenster einsteigen wollen. Diese Deutung der Staffage findet ihre Entsprechung in einer von dem frühen Biographen Andreas Andresen überlieferten Notiz zu einem frühen Gemälde Reinharts mit dem Titel Schloss Nossen bei Dresden in Mondschein, Diebe steigen zum Fenster hinein, eine der ersten Arbeiten in Oel. Als Besitzer wird der Assessor Keyssner in Hildburghausen genannt.
Im Werkverzeichnis von Inge Feuchtmayr taucht dieses Bild 1975 unter den verschollenen Werken der Dresdner Jahre 1783/84 auf: Schloß Nossen bei Dresden im Mondenschein / Diebe steigen zum Fenster hinein. Eine der ersten Arbeiten in Öl ehemals bei Assessor Keyssner in Hildburghausen. Betrachtet man die nächtliche Räuber-szene genauer, so kann man ebensogut zu der Erkenntnis gelangen, daß keine Diebe hineinsteigen, sondern in dem Sack, den einer der Männer am Boden auf dem Rücken trägt, jemand aus dem Schloß getragen bzw. entführt wird. Und in der Tat ist bei Inge Feuchtmayr ein zweites, ebenfalls verschollenes Gemälde des Künstlers erwähnt, das des Rätsels Lösung herbeiführt: Der Prinzenraub / Ölgemälde in Meininger Privatbesitz (
). Das Bild soll sich noch in Meiningen befinden es ist mir nicht bekannt, ob es signiert oder Reinhart nur zugeschrieben ist möglicherweise stammt es aus Reinharts Meininger Zeit. Feuchtmayr nennt als Quelle für den Prinzenraub einen Meininger Ausstellungskatalog von 1904. Dieser bringt endgültigen Aufschluß. Im Werkverzeichnis von 1975 wurden zwei verschiedene Gemälde angenommen, es handelt sich jedoch nur um eines, nämlich das hier vorliegende Bild. Im Ausstellungskatalog Meininger Pastellgemälde findet sich unter der Besitzernummer 62 bzw. der Katalognummer 10 der Hinweis auf ein damals präsentiertes Gemälde Reinharts mit dem Titel Prinzenraub und der Besitzerangabe Frau Sabine Keyssner, Hofbuchdruckereibesitzers-Witwe, Meiningen. Daß das vorliegende Gemälde in der Meininger Ausstellung von 1904 zu sehen war, beweist ein rückseitiger Klebezettel, auf dem der Name Reinhart, der Titel Sächsischer Prinzenraub mit der entsprechenden Katalognummer 10 sowie der Besitzervermerk ?S. Keyßner zu lesen sind.
Um 1904 war das Bild demnach im Besitz der Witwe des Meininger Hofbuchdruckereibesitzers Keyssner (d. i. Karl Keyssner). Der bei Andresen um 1866 genannte Assessor Keyssner in Hildburghausen war wohl Friedrich Emil Traugott Keyssner verwandt sicher mit dem Hofbuchdruckereibesitzer Ernst Christoph Keyssner in Hildburghausen, ein Freund Friedrich Sicklers Ernst Christoph Keyssner wurde am 8. Oktober 1829 zum zweiten Assessor in Hildburghausen ernannt. Wie das Bild als Geschenk oder im Erbgang innerhalb der Familie Keyssner ein halbes Jahrhundert später an Sabine Keyssner gelangte, ist ohne genealogische Forschungen in Hildburghausen und Meinigen nicht zu rekonstruieren.
Der sächsische oder nach dem Ort des Geschehens auch Altenburger Prinzenraub ist ein Ereignis in der Geschichte Sachsens und Thüringens, genauer gesagt des Sächsischen Bruderkriegs, bei dem der Ritter Kunz von Kauffungen in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 die erst 14- und 15-jährigen Prinzen Ernst und Albrecht, die Söhne des Kurfürsten Friedrichs des Sanftmütigen, aus dem Altenburger Schloß entführte. Kunz von Kauffungen wollte so gegenüber dem Kurfürsten auf dessen Bitten er in den Krieg gezogen war, gefangengenommen wurde und nur gegen Lösegeld wieder in Freiheit gelangte seinen Entschädigungsforderungen für verlorene Ländereien Ausdruck verleihen. Zuvor hatte ein Gerichtsurteil zugunsten des Kurfürsten entschieden. Kunz von Kauffungen entführte die Prinzen, wurde aber nach einigen turbulenten Verwirrungen gestellt und nur fünf Tage nach der Tat zum Tode verurteilt. Im späten 18. Jahrhundert wurde der legendäre Prinzenraub z. B. 1781 von Bernhard Rode illustriert, was ein gewisses Interesse in der Zeit an diesem Ereignis dokumentiert, das auch Reinhart mit der Wahl seiner Staffage bediente.
Reinharts Ölmalerei beweist mit diesem Frühwerk erstaunlich hohe technische Fertigkeiten, wie sie die böhmische Studie aus demselben Jahr bereits erahnen ließ. Die Komposition dieser Mondscheinlandschaft, deren als Staffage beigegebenes historisches Ereignis der Künstler erstaunlicherweise kurzerhand einfach von Altenburg nach Nossen verlegte, steht noch unter dem Eindruck der Malerei seines Dresdner Lehrers Johann Christian Klengel, dem Reinhart zweifellos in diesen frühen Lehrjahren viel verdankte. Doch geht Reinharts Komposition in ihrer Kombination der wunderbar erfaßten Mondscheinlandschaft mit der angedeuteten historischen Szene weit über Klengels spätbarocke Landschaften hinaus.
Andreas Stolzenburg
"Johann Christian Reinhart (Hof 1761 1847 Rome)
DER SÄCHSISCHE PRINZENRAUB (AUCH: ALTENBURGER PRINZENRAUB). 1785
Oil on laid paper. 36,5 x 46,5 cm ( 14 ? x 18 ¼ in.). Signed and dated lower left (with the brush handle incised into the wet paint): C. Reinhart fec. 1785. On the former, wooden back board of the frame an old label, inscribed in pen in brown, from the exhibition Meiningen 1904.
Feuchtmayr G 37 and G 50.
[3093]
Provenienz: Formerly Sabine Keyssner, widow of Karl Keyssner, the owner of the court printing works, Meiningen (1904)
Ausstellung: Meininger Pastellgemälde. Neue Beiträge zur Geschichte des deutschen Altertums (= catalogue of the 1904 Meiningen paintings exhibition together with an overview of the painters and sculptors of Meiningen). Meiningen, Hennebergischer altertumsforschender Verein, 1904, cat. no. 10
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