Lot no. 456
Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 Haina – 1829 Eutin) Frederick Hervey, Bishop of Derry and 4th Earl of Bristol (1730–1803), im Hintergrund das Grabmal der Mamia, Pompeji. März 1790 Öl auf Leinwand. 61,5 × 49 cm ( 24 ¼ × 19 ¼ in.). Mit einem Gutachten von Hermann Mildenberger, Weimar, vom 3. Februar 2011 als „ein eigenhändiges Werk von J.H.W. Tischbein“ / Mit einem Gutachten von Claudia Nordhoff, Rom, vom 7. Mai 2014 als J.H.W. Tischbein.– Doubliert. [3349] Provenienz: Privatsammlung, Schweiz Literatur und Abbildung: Hermann Mildenberger: Tischbein, Pompeji und der „Earl-Bishop“; in: Maren Heun u.a.: Kosmos Antike. Zur Rezeption und Transformation antiker Ideen in der Kunst [Festschrift für Dieter Blume], Weimar 2015, S. 143–157, Abb. 1 / Claudia Nordhoff: Jakob Philipp Hackert, Briefe (1761–1806), Göttingen 2012, S. 394 Auf einer gerundeten Greifenbank rastet Frederick Augustus Hervey, 4th Earl of Bristol der auf einer Steinbank der Alten die historische Landschaft einsieht und sich für das Bild in eben dieser einfindet. Das obere Drittel des Bildes gibt eine weite Aussicht auf die idealtypische Ruinenlandschaft am Golf von Neapel. Der Vesuv qualmt seine erhabene Mahnung und ist für den antikebegeisterten Gentleman schauerlicher Kitzel, lebendige Antikensehnsucht wie erinnerungsbildnerische Ikone. Vor diesem klassischsten aller Grand-Tour-Panoramen portraitierte Johann Heinrich Wilhelm Tischbein den Earl. Das vergleichende Sehen mit Tischbeins berühmtem Goethe-Portrait in der Campagna Romana drängt sich unweigerlich auf: intimer, weniger streng und klassizistisch erscheint uns das vorliegende Portrait im Vergleich zur Goethe-Ikone. Der aus einer hessischen Malerfamilie stammende Tischbein, der 1779 das erste Mal nach Rom reiste, mit Goethe eine Maler-Wohngemeinschaft in der Via del Corso 18 unterhielt und 1789 zum Direktor der Königlichen Kunstakademie in Neapel ernannt wurde, präsentiert uns hier keinen in antikischem Weiß gewandeten Dichter und Maler, sondern einen Briten von Stand, in schwarzer Tracht, dem Alltagshabit eines hohen anglikanischen Geistlichen, gekleidet, nicht verkleidet. Hervey war eine exzentrische Figur der europäischen Kunstszene seiner Zeit: Als anglikanischer Bischof von Derry ließ er Frau und Kinder zurück und bereiste Europa, darunter 1765/66 erstmals auch Italien, wo er als Freund des englischen Gesandten in Neapel, Sir William Hamilton, einem Ausbruch des Vesuv beiwohnte. Fünf weitere Aufenthalte folgten; insgesamt verbrachte er 18 Jahre in Italien, befördert durch den 1779 ererbten Titel (und Güter) des Earls of Bristol. ln der europäischen Kunstszene des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts avancierte er zu einem der exzentrischsten und bekanntesten Sammler und Mäzene. Als die Franzosen 1798 Rom besetzen, verlor Hervey seine umfangreiche Kunstsammlung, wie u. a. der Maler Friedrich Bury an Goethe brieflich mitteilte. Auch wurde der Earl von den Franzosen auf dem Weg von Venedig nach Neapel verhaftet, in die Zitadelle von Mailand verbracht und nach zehn Monaten Haft 1799 entlassen. 1803 starb er in Albano. Ein Teil seiner Sammlung erhielt sich in seinem Wohnsitz, Ickworth House in Suffolk, der Großteil befindet sich heute im Louvre. Von der großzügigen Kunst- und Sammelleidenschaft, die Scharen von Künstlern finanzierte, sprechen zahlreiche Erwähnungen in Briefen und die 800 Künstler, die seiner Trauerfeier beigewohnt haben sollen. Zu Lebzeiten war, wie der Architekt Friedrich Weinbrenner berichtet, vor dem römischen Haus des Lords beinahe kein Durchkommen, da sich eine Unzahl an Künstlern und Händlern postierten, „damit sie der Lord beim Ausgehen sehen sollte“. Die pompejanische Inszenierung des Portraitierten entspricht zwei Fassungen von Tischbeins Portrait „Anna Amalia Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach in Pompeji am Grabmal der Priesterin Mamia“, beide 1789 datiert. Die Herzogin sitzt auf selbiger Steinbank, deren Wangen die Gestalt von Greifenklauen besitzen, vor dem Grabmal der Priesterin Mamia in der Gräberstraße Pompejis. Bereits Goethe adelte die Bank in einem Tagebucheintrag vom 13. März 1787: „Das Grab einer Priesterin als Bank im Halbcirkel, mit steinerner Lehne, daran die Inschrift mit großen Buchstaben eingegraben. Über die Lehne hinaus sieht man das Meer und die untergehende Sonne. Ein herrlicher Platz, des schönen Gedankens werth.“ Anna-Amalia ließ später eine Kopie der Bank in Weimar aufstellen. Während ihrer Italienreise pflegte sie mit ihrer Reisegruppe, zu der auch Tischbein gehörte, intensiven Kontakt mit Hervey. Hier scheint sich der Lord für das pompejanische Herzoginnenportrait begeistert zu haben, das Tischbein bereits von Juni bis November 1789 gemalt hatte. Das Weimarische Pendant beweist Tischbeins Urheberschaft ebenso wie eine Notiz aus seinen Memoiren, „Aus meinem Leben“, Band II, Braunschweig 1861, wo der Künstler einen „jungen Engländer, Mylord Bristol“ erwähnt, den er in Lebensgröße malte. Dies kann auf den 1730 geborenen Earl-Bischof nicht zutreffen, aber womöglich auf einen seiner zwei Söhne und belegt des Malers Kontakt zur Familie. Die Identität des Abgebildeten beweisen zudem zwei physiognomisch schlagend ähnliche Portraits: eines von Hugh Douglas Hamilton (Ickworth House, Suffolk) sowie das Bild „Frederick Hervey, bishop of Derry and 4th Earl of Bristol with his grand-daughter, Lady Caroline Crichton (1779–1856)“ in der National Gallery of Ireland, Dublin. Auch ein Portrait des Earls von Elisabeth Vigée-Lebrun von 1791 (Ickworth House, Suffolk) zeigt gleiche physiognomische Charakteristika und läßt eine Datierung von Tischbeins Bildnis um 1790 zu. Angelika Kauffmann portraitierte den Earl ebenfalls 1790. Das Bild erscheint wegen des offenen Pinselduktus skizzenhaft. Die breiten Pinselspuren treten mitunter selbständig aus dem Bild, so am Greifenfuß oder bei der Gestaltung des Bodens zu Füßen des Earls. Es blieb offenbar unvollendet. Aufgrund einer Aufzeichnung des Architekten Heinrich Gentz erscheint es denkbar, daß das Portrait sich noch zwei Jahre nach der Abreise Herveys aus Neapel in Tischbeins Atelier befand - und auch bei des Bischofs nächsten Aufenthalt 1795 nicht ausgehändigt wurde. Joseph Anton Koch berichtet über den generösen, aber unzuverlässigen Engländer: „Da Lord Plumpsack […] doch oftmals, der enormen Einkäufe halber, sich arm wie Kodrus befand, so nahm er auch manchmal einen Contract zurück, sobald er Reue darüber empfand; zu größerer Sicherheit also mußte man schwarz auf weiß von ihm besitzen.“ Mit dem vorliegenden Gemälde mag uns also eine unfertige Erinnerung aus dem März/April 1790 im Umfeld der Herzogin Anna Amalia überliefert sein, ein Bild, das in seiner Unfertigkeit von hohen Tagen nordischer Kunstpilger kündet. Die Priesterin Mamia stand dem Kult der Venus Pompejana vor - die Gefilde der Liebe als Disposition für ein Portrait dürften dem unkonventionellen „Earl-Bishop“, den eine notorische Schwäche für das weibliche Geschlecht auszeichnete, sicherlich nicht ungelegen gewesen sein. Johann Gottfried Seume schrieb 1802, Hervey lasse auch als alter Pfaffe „kein Mädchen ruhig“. So verbindet diese Greifenbank die Sehnsucht dreier Italienpilger - Goethe, Anna-Amalia und Lord Bristol - und ihre uns verschlossenen Konversationen und Stunden. Das Unabgeschlossene und Offene des Bildes kündet ungewollt von dieser südlichen Nonchalance der Protagonisten. RE Vergleichsabbildung: Johann H. W. Tischbein: Anna Amalia Herzogin von Sachsen-Weimar (1739–1807) an der Schola der Priesterin Mamia in Pompeii, 1789, Öl auf Leinwand, 73 x 56 cm, Klassik Stiftung Weimar (KGe 100530) Vergleichbare Bildnisse Frederick Herveys: Hugh Douglas Hamilton (1739/40–1808): in der Villa Borghese, 1790, Pastel auf Papier, 98 x 118 cm, National Trust Ickworth, Inv.-Nr. NT851985 / mit seiner Enkelin Lady Caroline Crichton (1779–1856), um 1790, Öl auf Leinwand, 224 x 199 cm, National Gallery of Ireland Dublin, Inv.-Nr. NGI.4350 / 1805, Öl auf Leinwand, 100 x 74 cm, National Trust Ickworth, Inv.-Nr. NT 851764 / Elisabeth Vigée-Lebrun: Öl auf Leinwand, 100 x 75 cm, 1790, Inv.-Nr. NT 851764 Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 Haina – 1829 Eutin) Frederick Hervey, Bishop of Derry and 4th Earl of Bristol (1730–1803), in the background the Tomb of Mamia, Pompeii. March 1790 Oil on canvas. 61,5 × 49 cm ( 24 ¼ × 19 ¼ in.). Accompanied by a certificate by Hermann Mildenberger, Weimar, dated 3 February 2011 as "ein eigenhändiges Werk von J.H.W. Tischbein“ ["a work by the hand of J. H. W. Tischbein"] / Accompanied by a certificate by Claudia Nordhoff, Rome, dated 7 May 2014 as J.H.W. Tischbein.– Relined. [3349] Provenienz: Private collection, Switzerland Literatur und Abbildung: Hermann Mildenberger: Tischbein, Pompeji und der „Earl-Bishop“; in: Maren Heun et al..: Kosmos Antike. Zur Rezeption und Transformation antiker Ideen in der Kunst [publication in honour of Dieter Blume], Weimar 2015, p. 143–157, ill. 1 / Claudia Nordhoff: Jakob Philipp Hackert, Briefe (1761–1806), Göttingen 2012, p. 394 Comparable portraits of Frederick Hervey: Hugh Douglas Hamilton (1739/40–1808): in der Villa Borghese, 1790, Pastel on paper, 98 x 118 cm, National Trust Ickworth, inv. no. NT851985 / with his granddaughter Lady Caroline Crichton (1779–1856), circa 1790, oil on canvas, 224 x 199 cm, National Gallery of Ireland Dublin, inv. no. NGI.4350 / 1805, oil on canvas, 100 x 74 cm, National Trust Ickworth, inv. no. NT 851764 / Elisabeth Vigée-Lebrun: oil on canvas, 100 x 75 cm, 1790, inv. no. NT 851764
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