Lot no. 355
Joseph Heintz d. J. (Augsburg 1600 – 1678 Venedig)
CAPRICCIO DER PIAZZA DI COLONNA TRAJANA MIT S. MARIA DI LORETO UND DER BIBLIOTECA MARCIANA. Um 1625
Öl auf Leinwand. 81 x 123 cm ( 31 ⅞ x 48 ⅜ in.). Auf Keilrahmen rotes Wachssiegel um 1800. Unter Blütenkrone Wappen mit ligierten Buchstaben „AT“.
Wenige alte Retuschen im Himmel. [3571]
Provenienz: Privatsammlung, Berlin
Joseph Heintz war der „pittore di più pennelli“, der Maler der vielen Pinsel. Denn genauso unübersichtlich seine Bilder wegen deren berühmten Menschengewimmel sind, so vielschichtig ist auch sein Œuvre.
Nur wenig weiß man über die Frühzeit des gebürtigen Augsburgers, der kurz nach 1621 auszog, Italien zu erobern.
Die Malerei war Joseph Heintz in die Wiege gelegt, denn sein Vater war Hofmaler am kunstsinnigen Hof Kaiser Rudolfs II. in Prag. Von diesem und seinem ebenso malenden Stiefvater in der Kunst unterrichtet, verließ der knapp 20jährige Deutschland. Über Station bei seinem Berner Vetter, dem Kartographen Joseph Plepp, zog es ihn nach Rom, wo gerade die Riesenbaustelle von St. Peter fertig wurde.
Hier signierte Heintz 1625 sein sorgsam gezirkeltes Vogelschaugemälde des Gartens der Villa Borghese (Sammlung Scipione Borghese). Ebenso wie dieses, kartographisch linientreu und von Passanten und Kutschen sparsam bevölkert, erscheint unser Gemälde, das womöglich aus dieser römischen Frühzeit Heintz’ herrührt, den man von nun an Il Giovane nannte.
Auf der wie eine Theaterbühne konstruierten Piazza mit der Trajansäule versammelt der Maler unter dem luftig hellen Himmel des Südens die große Antike, das geistliche Rom, das Volk der Straße und die maskierte Karnevalsgesellschaft.
Zwei Gruppen von Gauklern vollbringen zur Freude und zum Entsetzen der Passanten Kunststücke und prügeln sich. Eine Wildheit, für die Heintz bekannt werden sollte, als er ab 1626 seine Karriere in Venedig zum Höhepunkt führen sollte. Wie zum Fingerzeig dieses Umzuges arrangierte der Maler unseres Gemäldes links zur römischen Piazza die damals gerade vollendete Fassade der venezianischen Biblioteca Marciana.
Von hier aus gingen Heintz’ alsbald überbordend figurenreiche Bilder der Feste und Umzüge, Zeremonien und Versammlungen der Serenissima in die Welt. Sie ließen seine Werkstatt, die Einkünfte und Ehren wachsen. Immer wieder war der Maler auch „al ambasciate“ in Rom, so für seinen Mäzen Kardinal Francesco Cornano.
Heintz’ venezianische Werkstatt bannte unterschiedliche Qualitäten und Varianten seiner Leidenschaft für vielbewegte profane Szenen auf die Leinwände. In der Regel wohl ohne Vorzeichnungen waren die von verblüffender Individualität virtuos ins Bild gesetzten kleinen Figuren seine Spezialität. Massenszenen wurden Heintz' Markenzeichen. Die Stadtbilder, seine Venedig-Veduten wie auch unser Rom-Bild, waren dabei kein detailgenau abbildender Selbstzweck, sondern Szenerie für eine Schilderung des Lebens und der Bewohner. Als „capriccio“, dem lustvollen Regelverstoß, sollten sie Neugier wecken.
Heintz wirkte damit um 1640 bahnbrechend für die Entwicklung der venezianischen Vedutenmalerei und strahlte auf nachfolgende Generationen aus. Unser Bild dürfte als theatralische Kulisse für die römische Gesellschaft, aber auch als vermeintliches Frühwerk des Künstlers deshalb für Konversationsstoff sorgen ... Das hätte dem Maler der vielen Pinsel und Wildheiten wohl gefallen. (SK)
Daniele D’Anza: Joseph Heintz il Giovane „pittore di più pennelli“; in: Arte in Friuli. Arte a Trieste, Jg. 23 (2004), S.13-26 / Ders.: Pittori e meceanti. Joseph Heintz il Giovane artista dei Corner tra Venezia e Roma; in: Arte Veneta, Jg. 61 (2004), S.97-109
Joseph Heintz the Younger (Augsburg 1600 – 1678 Venice)
CAPRICCIO OF THE PIAZZA DI COLONNA TRAJANA WITH ST MARIA DI LORETO AND THE BIBLIOTECA MARCIANA. Circa 1625
Oil on canvas. 81 x 123 cm ( 31 ⅞ x 48 ⅜ in.). On the stretcher, a red wax signet of circa 1800. Coat of arms under a crown of flowers with the joined letters "AT".
A few historical retouchings in the sky. [3571]
Provenienz: Private collection, Berlin
Daniele D’Anza: Joseph Heintz il Giovane "pittore di più pennelli“; in: Arte in Friuli. Arte a Trieste, vol. 23 (2004), p.13-26 / Ders.: Pittori e meceanti. Joseph Heintz il Giovane artista dei Corner tra Venezia e Roma; in: Arte Veneta, vol. 61 (2004), p.97-109
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