Lot no. 35
Karl Hofer (Karlsruhe 1878 – 1955 Berlin)
„Nähendes Mädchen“. 1937
Öl auf Leinwand. 76,5 × 62 cm ( 30 ⅛ × 24 ⅜ in.). Unten rechts monogrammiert und datiert (in die nasse Farbe geritzt): CH37. Auf dem Keilrahmen Etiketten zu den Ausstellungen Winterthur 1939 und Berlin/Karlsruhe 1956.
Wohlert 1295.–
[3442]
Provenienz: Oskar Reinhart, Winterthur / Privatsammlung, Schweiz
Ausstellung: Karl Hofer zum 60. Geburtstage. Winterthur, Kunstverein, 1939, Kat.-Nr. 27 / Karl Hofer. Gedächtnisausstellung. Konstanz, Kunstverein, im Wessenberghaus, 1955, Kat.-Nr. 27 / Gedächtnis-Ausstellung für Karl Hofer. Berlin, Hochschule für bildende Künste, und Karlsruhe, Badischer Kunstverein in Verbindung mit der Staatlichen Kunsthalle, 1956/57, Kat.-Nr. 84 / Karl Hofer, 1878–1955. Berlin, Staatliche Kunsthalle, und Karlsruhe, Badischer Kunstverein, 1978, S. 173, Kat.-Nr. 116, Abb. S. 137 / Karl Hofer. Selm, Schloss Cappenberg, 1991, S. 184, Abb. S. 116
Karl Hofers Leben war geprägt von großen politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Umbrüchen. Im Kaiserreich geboren, erlebte er dessen Untergang nach dem Ersten Weltkrieg. In den Zwanzigerjahren gelang ihm der Durchbruch als Maler. Den „Tanz auf dem Vulkan“, das Leben zwischen Krisen und Aufschwung in der Weimarer Republik, beobachtete der eher zurückhaltende Mensch Hofer aus der Distanz. Der Gegenwart mit ihrer Zerrissenheit und Hybris stellt Hofer ein Menschenbild entgegen, das von Ruhe, Innerlichkeit und dem Wunsch nach Schönheit dominiert wird. In der Zeit des Natio-nalsozialismus blieb dem als „entartet“ gebrandmarkten Künstler nur der Rückzug ins Atelier, wo er trotz der Isolation unaufhörlich gegen Terror und Verfall anmalte. Mit seiner Kunst verfolgte Hofer nur einen Zweck: die Verteidigung des Humanen gegen die Barbarei. Seine Figuren, oft junge Frauen, sind groß gesehen und bei aller kraftvollen Präsenz dennoch stets anmutig. Sie wirken beseelt, obwohl sie oft in kargen Räumen gefangen sind. Die Melancholie, ja Traurigkeit seiner Figuren bezeugt, dass Hofer sich keinen Illusionen hingab: Er malte keine Idyllen, sondern erkannte, wie sehr der Mensch sich selbst gefährdete.
Die junge Frau, die diesem Bild den Titel gibt, sitzt auf einem Stuhl, in ihren Händen eine Näharbeit. In die Tätigkeit vertieft, die Augen fast geschlossen, nimmt sie keinen Kontakt mit dem Betrachter auf. Ungewöhnlich für Hofer ist die auffällige Bekleidung der jungen Frau. Über einer hellblau-weiß gestreiften Bluse mit weiten Ärmeln trägt sie eine dunkelblaue Weste. Um den Hals ist locker ein grüner Schal mit gelben Streifen geschlungen. Dazu trägt sie einen rotbraunen Rock. Der Maler widmet sich mit großer Malfreude dem Faltenwurf der Kleidung. Mit welcher Meisterschaft nur gibt Hofer die samtige Textur des Rockes wieder! Die heitere Farbigkeit der Textilien steht in einem reizvollen Kontrast zur Konzentration, mit der das Mädchen seiner Aufgabe nachgeht.
Seine Versunkenheit betont Hofer noch zusätzlich mit dem im Anschnitt erkennbaren Bild im Bild. Die dort dargestellte Frau mit offenem Haar und einem roten, ihre Schultern unbedeckt lassenden Kleid wirkt fast wie ein Gegenentwurf zu seinem Modell. Hofer eröffnet uns damit verschiedene Möglichkeiten der Deutung. Eine davon scheint besonders evident: Spricht nicht das ganze Gemälde von der Sehnsucht einer jungen Generation nach einem unbeschwerten Leben außerhalb dieser dunklen und gefährlichen Zeit? OH
Karl Hofer (Karlsruhe 1878 – 1955 Berlin)
„Nähendes Mädchen“. 1937
Oil on canvas. 76,5 × 62 cm ( 30 ⅛ × 24 ⅜ in.). Monogrammed and dated lower right (incised into the wet paint): CH37. On the stretcher labels of the exhibitions Winterthur 1939 and Berlin/Karlsruhe 1956.
Wohlert 1295.–
[3442]
Provenienz: Oskar Reinhart, Winterthur / Private Collection, Switzerland
Ausstellung: Karl Hofer zum 60. Geburtstage. Winterthur, Kunstverein, 1939, cat. no. 27 / Karl Hofer. Gedächtnisausstellung. Constance, Kunstverein, in the Wessenberghaus, 1955, cat. no. 27 / Gedächtnis-Ausstellung für Karl Hofer. Berlin, Hochschule for bildende Künste, and Karlsruhe, Badischer Kunstverein in Verbindung with der Staatlichen Kunsthalle, 1956/57, cat. no. 84 / Karl Hofer, 1878–1955. Berlin, Staatliche Kunsthalle, and Karlsruhe, Badischer Kunstverein, 1978, p. 173, cat. no. 116, ill. p. 137 / Karl Hofer. Selm, Schloss Cappenberg, 1991, p. 184, ill. p. 116
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