Lot no. 30
Karl Schmidt-Rottluff (Rottluff 1884 – 1976 Berlin) „Der Leuchtturm“ (Jershöft, Pommern). 1931 Öl auf Leinwand. 112,5 × 98,5 cm ( 44 ¼ × 38 ¾ in.). Oben links signiert: S Rottluff. Auf dem Keilrahmen mit Pinsel in Schwarz signiert, betitelt und mit der Werknummer bezeichnet: Schmidt-Rottluff „Der Leuchtturm ((317)). Grohmann, S. 300.– [3034] Provenienz: Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. Neue Ölgemälde. Berlin, Galerie Alfred Flechtheim, 1931, Kat.-Nr. 20 / Schmidt-Rottluff. Gemälde. Landschaften aus 7 Jahrzehnten. Hamburg, Altonaer Museum, 1974, Kat.-Nr. 28, ganzs. Abb. S. 97, S. 26 (erwähnt) / Karl Schmidt-Rottluff. Gemälde, Aquarelle, Graphik, Kunsthandwerk aus Privatsammlungen, Detmold, Lippische Gesellschaft für Kunst e.V. im Lippischen Landesmuseum und Schloß Detmold, 1978, Kat.-Nr. 7, Abb. 10 / Karl Schmidt-Rottluff zum 100. Geburtstag. Schleswig, Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloß Gottorf, Reithalle, 1984, Kat.Nr. 60 Wie Karl Schmidt-Rottluff die Bäume als Leuchttürme der Natur in den Himmel ragen lässt Als Karl Schmidt-Rottluff zu Beginn des Sommers 1920, von Berlin kommend, nach langer Bahnfahrt den Fischerort Jershöft erreichte, muss ihm schon bald ein Gebäude aufgefallen sein: der Leuchtturm. Ein fester, unbeugsamer Backsteinriese, 1865 erbaut, 35 Meter hoch. Auf einem seiner ersten Gemälde der nun einsetzenden Schaffensphase erscheint er, hoch aufgereckt, „assistiert“ von einer Windmühle: Haltepunkte in einer Landschaft zwischen Himmel und Horizont (siehe Abb. rechts). Zwölf Jahre lang kam der Maler Sommer für Sommer in das kleine Fischerdorf an der Ostsee – abgelegen irgendwo zwischen Usedom und Danzig, immer den Strand entlang. Unausschöpfbar die Ruhe, die er zum Malen brauchte. Rückzug, sein lebenslanges Thema. Schaffen aus versammelter Stille. Dann, 1931, als der schweigsame Mann ein letztes Mal in Jershöft eintraf, entstand das Gemälde „Der Leuchtturm“ als siebtes Werk des Malsommers. Und wieder ragte die Silhouette des wehrhaften Riesen in den Himmel. Diesmal „assistiert“ von einem Baum, einer Kostbarkeit in dem flachen, vom Wind zerzausten Streifen am Rande der Ostsee. „Man glaubt nicht, was ein einzelner großer Baum in der Landschaft an der Küste bedeuten kann“, schrieb der Maler an einen Freund. Hoch aufragende Gebäude, Türme, Windmühlen in flacher Landschaft hatten den einstigen Architekturstudenten Karl Schmidt aus Rottluff bei Chemnitz schon immer fasziniert: Damals, 1909, als er in Dangast den „Wobicksturm“ („Villa mit Turm“, Städtische Kunsthalle Mannheim) entdeckte, malte, aquarellierte, dreimal in Holz schnitt und auf Postkarten verschickte. 1912, als er den „Petriturm in Hamburg“ aus ekstatisch-aufleuchtendem Grün und Rot gestaltete. Und dann 1922 der „Patroklusturm in Soest“ (Hamburger Kunsthalle), einer alles nach oben reißenden Flamme gleich. Sie durchstießen den Raum, weiteten die Weite, höhten die Höhe. Vor allem aber gaben sie dem Aufbau des Bildes Halt, verstrebten die Komposition zu einem Miteinander von horizontal und vertikal geführten Linien. Ein unerhörter Aufbruch: Karl Schmidt-Rottluff gehörte zu denen, die sich schon gleich nach der Jahrhundertwende – um 1905 – aus dem Zwang lösten, alles „richtig, genau“ wiederzugeben: Keine Wiedergabe! Keine Nachahmung! Es ging um eine neue Sprache, um Farben und Formen, die nicht vor dem schaffenden Künstler lagen, sondern in ihm. Das Bild entstand aus Gesetzen, die im Innern des Schaffenden ruhten. Was die Hand führte, war das, was „unmittelbar und unverfälscht“ hervorbrach. Eine neue, andere Realität. So auch hier: Die architektonische Konstruktion des Leuchtturms folgt nur einem Anlass: Sie weist nach oben. Dieses Geschehen wiederholt sich in zwei Baumstämmen, ebenso in der sammelnden Chiffre eines „Busches“, der sich aus allen Einzelheiten löst und seine Form zu einem „Gerippe“ vereinfacht. Auch die Farben wiederholen nicht die Wirklichkeit. Sie schaffen eine schwebende, ferne „Unwirklichkeit“. Das war nötig. 1931. Er brauchte Abstand. Um den Maler herum tobten mehr und mehr die Zeichen einer anderen Zeit. „Was Kunst ist, ist für ungesetzlich erklärt.“ Zwar konnte der Berliner Galerist Alfred Flechtheim 1931 den „Leuchtturm“ in seiner Galerie zeigen; zwar ernannte die Preußische Akademie der Künste Karl Schmidt-Rottluff zum Mitglied. Dann aber traf schon 1933 ein Brief ein, in dem ihm mitgeteilt wurde, er sei ausgeschlossen. Schließlich als „entarteter“ Künstler diffamiert, verschleppten die neuen Herren 608 seiner Werke aus deutschen Museen. Darunter eine herrliche „Pommersche Mondlandschaft“, Besitz des Schlesischen Museums der bildenden Künste zu Breslau, heute im Saarland-Museum Saarbrücken, gemalt in jenem Jershöft-Sommer 1931, in dem auch „Der Leuchtturm“ entstand (Abb.): Im Bildgefüge vorn links wieder ein zum oberen Bildrand strebender Baum; darüber und daneben, quer eingefugt, akzentuieren weiße Wolken die Horizontale. Gehalten in den großen Volumina des Raumes, aus denen alles Gewaltsame und jede Aufregung herausgenommen sind, fasst Karl Schmidt-Rottluff, nicht interessiert am Tagesgeschehen, jene Schöpfungsruhe, die sich in den bleibenden Zeichen einer unablässig wachsenden und stetig erneuernden Natur findet. Gerd Presler Karl Schmidt-Rottluff (Rottluff 1884 – 1976 Berlin) „Der Leuchtturm“ (Jershöft, Pommern). 1931 Oil on canvas. 112,5 × 98,5 cm ( 44 ¼ × 38 ¾ in.). Signed upper left: S Rottluff. Signed in black brush on the stretcher, there too titled and inscribed with the work number: Schmidt-Rottluff „Der Leuchtturm ((317)). Grohmann, p. 300.– [3034] Provenienz: Private collection, North Rhine-Westphalia Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. Neue Ölgemälde. Berlin, Galerie Alfred Flechtheim, 1931, cat. no. 20 / Schmidt-Rottluff. Gemälde. Landschaften aus 7 Jahrzehnten. Hamburg, Altonaer Museum, 1974, cat. no. 28, full-page ill. p. 97, p. 26 (mentioned) / Karl Schmidt-Rottluff. Gemälde, Aquarelle, Graphik, Kunsthandwerk aus Privatsammlungen, Detmold, Lippische Gesellschaft für Kunst e.V. im Lippischen Landesmuseum and Schloß Detmold, 1978, cat. no. 7, ill. 10 / Karl Schmidt-Rottluff zum 100. Geburtstag. Schleswig, Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloß Gottorf, Reithalle, 1984, cat.-no. 60
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Œuvres Choisies
10719 Berlin - Germany
12/01/2016
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