Lot no. 6
Lesser Ury (Birnbaum/Posen 1861 – 1931 Berlin)
„Hochbahnhof Bülowstraße bei Nacht“. 1922
Öl auf Leinwand. Doubliert. 70 × 100,5 cm ( 27 ½ × 39 ⅝ in.). Unten links signiert und datiert: L. Ury 1922.
Mit einem Gutachten (in Kopie) von Dr. Sibylle Groß, Berlin, vom 27. Oktober 2010. Das Gemälde wird aufgenommen in das Werkverzeichnis der Gemälde, Pastelle, Gouachen und Aquarelle von Lesser Ury von Dr. Sibylle Groß, Berlin (in Vorbereitung).–
Kleiner, restaurierter Riss. [3556]
Provenienz: Nelly Frank, Berlin/Genf (erworben um 1928/29, in Familienbesitz bis 1988) / Privatsammlung, Hamburg (1988 bis 2010) / Privatsammlung, Schweiz
Ausstellung: Lesser Ury, Zauber des Lichts. Berlin, Käthe-Kollwitz-Museum, 1995/96, Kat.-Nr. 35, Abb. S. 138
Literatur und Abbildung: Auktion Nr. 178: Lesser Ury. Werke aus einer Hamburger Privatsammlung. Berlin, Grisebach, 26.11.2010, Kat.- Nr. 12, m. Abb
Man sieht nichts – und erkennt doch alles: Allein der Titel des Gemäldes lässt den Berlin-Kenner aufmerken und in seinem Gedächtnis nach einer nächtlichen, regennassen Erinnerung suchen. Lohnt es sich, noch loszulaufen, um die gerade in den Bahnhof einfahrende Hochbahn zu erreichen? Und verblüfft registriert der Betrachter bei einem zweiten Blick, dass das Gemälde knapp 100 Jahre alt ist. In diesem Nachtstück schrumpft die Zeit. Das Werk ist Stimmungsbild par excellence und zugleich ein malerischer Geniestreich. Durch das nächtliche Schwarz bleibt alles im Ungefähren: Die wenigen Passanten suchen Schutz vor dem Regen unter dem Viadukt der Hochbahn; durch einen Pfeiler blicken wir auf die erleuchteten Scheiben einer Bar. Auf die Besucher welches Vergnügungsetablissements in der Potsdamer Straße warten die zahlreichen, hintereinander aufgereihten Taxen? In den 1920er-Jahren war das nächtliche Berlin genauso geheimnisvoll und alles versprechend, wie es die Stadt in unserer heutigen Zeit ist. Die Szene ist flüchtig, denn hält nicht ein Lastwagen direkt auf den mitten auf der Straße stehenden Maler und somit auch auf uns zu? Also fort zu neuen Eindrücken und Abenteuern.
Lesser Ury kommt das Verdienst zu, als Erster die moderne Großstadt zum alleinigen Thema seiner Arbeiten erkoren zu haben. Niemand vermochte wie er, die Lichteffekte auf regennassen Straßen in Malerei umzusetzen. Unser Gemälde gehört zu Urys schönsten Regenbildern. Der Maler hat hier mit besonderer Sorgfalt gearbeitet, was sich auch in der Verdopplung seines sonst üblichen Bildformats ablesen lässt. Die gesamte Szenerie wird ausschließlich durch elektrisches Licht erhellt. Geisterhaft fliegt die erleuchtete Hochbahn auf ihrem kaum erkennbaren Viadukt dahin, die Straßenlaternen der Bülowstraße führen weit in die Tiefe des Bildraumes. Die Scheinwerferpaare der Automobile werfen lange, orangegelbe Lichtstreifen auf den nassen Asphalt. Die Malerei der Lichtstreifen ist grandios: Einige sind mit kräftigem Pinselstrich lang gezogen, andere durch trockene Stellen auf der Fahrbahn unterbrochen. Die suggestive Malerei Urys zieht auch heute noch den Betrachter vollständig in ihren Bann. OH
Lesser Ury (Birnbaum/Poznań 1861 – 1931 Berlin)
„Hochbahnhof Bülowstraße bei Nacht“. 1922
Oil on canvas. Relined. 70 × 100,5 cm ( 27 ½ × 39 ⅝ in.). Signed and dated lower left: L. Ury 1922.
Accompanied by a certificate (in copy) from Dr. Sibylle Groß, Berlin, dated 27 October 2010. The painting will be included in the catalogue raisonné of the Paintings, Pastels, Gouaches and Watercolours of Lesser Ury by Dr. Sibylle Groß, Berlin (in preparation).–
Small, repaired tear. [3556]
Provenienz: Nelly Frank, Berlin/Geneva (acquired circa 1928/29, in family collection until 1988) / Private Collection, Hamburg (1988 until 2010) / Private Collection, Switzerland
Ausstellung: Lesser Ury, Zauber des Lichts. Berlin, Käthe-Kollwitz-Museum, 1995/96, cat. no. 35, illustration p. 138
Literatur und Abbildung: Auction no. 178: Lesser Ury. Werke aus einer Hamburger Privatsammlung. Berlin, Grisebach, 26.11.2010, cat. no. 12, with illustration
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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