Lot no. 189
Lovis Corinth (Tapiau/Ostpreußen 1858 – 1925 Zandvoort)
„Liegender weiblicher Rückenakt“. 1887
Öl auf Leinwand. Doubliert. 64 × 174 cm ( 25 ¼ × 68 ½ in.). Unten rechts signiert und datiert: LOVIS CORINTH 1887.
Berend-Corinth/Hernad 53.–
Retuschen. [3273]
Provenienz: W. Becker, München / Dr. J. Deutsch, München / Dr. Paul Reusch, Direktor der Gutehoffnungshütte, Oberhausen (gest. 1956 auf Schloss Katharinenhof bei Backnang) / Privatsammlung / Privatsammlung, Österreich
Literatur und Abbildung: Sammlung Dr. J. Deutsch, München. München, Galerie Hugo Helbing, 12.5.1931, Kat.-Nr. 16 („Weiblicher Akt, 1883“) / Horst Uhr: Lovis Corinth. Berkeley-Los Angeles-Oxford, University of California Press, 1990, S. 50 und S. 51, Abb. 27 / Versteigerungskatalog: Deutsche und Österreichische Malerei und Zeichnungen nach 1800. München, Sotheby´s, 23.6.1997, Kat.-Nr. 132
Zur Lage der Frau um 1887: Wie Lovis Corinth in Frankreich lernte, dass nur in der Horizontalen malerische Höhenflüge möglich sind
Bitte schauen Sie auf diese linke Hand! Wie sie nach oben über den Ellenbogen des rechten Armes schaut, dabei diesen kaum wahrnembar verdunkelnd und selbst ins Licht auftauchend, in dieser einmaligen Haltung vollkommener Entspannung. Diese Hand ist das subtile Zentrum des Bildes, die Finger scheinen wie im Schlaf auf der Klaviatur der Stimmungen und Gefühle und Farben zu spielen und eine Melodie anzustimmen, die ganz leise beginnt, um sich dann wie in einem Wasserfall über das Bild zu ergießen wie die schwarzen Haare der liegenden Frau. Die andere, rechte Hand ist so kraftvoll wie lässig ins türkisblaue Kissen gestützt, hier beginnt jene Kraftlinie, die sich von links über den ganzen Körper der Frau nach rechts bis zum äußersten Bildrand, bis zu den Zehenspitzen des ausgestreckten Beines erstreckt.
In diesen beiden Händen also ist bereits alles angedeutet, was dieses ungeheure Bild des jungen Lovis Corinth ausmacht: die vitalisierende Wirkung eines Zustandes zwischen Spannung und Entspannung, die lauernde Erotik, die sich selbst genügende Sinnlichkeit dieser reifen Frau. Bevor man also damit beginnt, auf die kunsthistorischen Referenzen zu verweisen, die Corinth beeinflusst haben bei diesem musealen Bild, bevor man also droht, zu theoretisch zu werden, sei ganz praktisch angemerkt: Der Hauptgrund für dieses Bild ist natürlich die Frau gewesen, die sich für Lovis Corinth auf dem weißen Laken räkelt. Es ist nicht Charlotte Berend, die wir hier sehen, also jene Frau seines Lebens, die 1901 sein Modell wird und 1904 seine Frau. Aber auf unserem Gemälde ist genau derselbe Frauentypus zu sehen, sinnlich, reif, genießerisch, das dunkle, üppige Haar geöffnet.
Es ist eine Französin, die wir hier sehen, ein unbekanntes Modell, das Corinth in den letzten Monaten seines Aufenthaltes in Paris malte. Er war 1884 in die französische Hauptstadt gekommen, um an der berühmten privaten Académie Julian zu studieren. Im sogenannten „Kleinen Atelier“ der Akademie, in der 48, rue du Faubourg -Saint-Denis arbeitete Corinth, und hier war es auch, wo er jenes üppiges Arrangement entwarf aus dem weißen Laken, dem pflaumenfarbenen Kissen und dem perlmuttenen Damastvorhang im Hintergrund. In Paris lernte Corinth, die Frauen zu lieben – und zu malen, wie er in seinen Memoiren bekennt. Und wie man diesem überwältigenden, lebensgroßen Bildnis ansieht.
Corinth hatte zwei Lehrer an der Akademie: William Bouguereau und Tony-Robert Fleury, beides Salonmaler von Gnaden, die in ihrer eigenen Malerei jene Spur Süßlichkeit haben, die Corinth immer verweigert, die aber doch vor allem famose Handwerker waren – und Liebhaber der Frauen. Und vergleicht man unseren Akt mit Corinths früheren Frauendarstellungen, dann ist zu spüren, wie genau er seine Körperwahrnehmung in der Lehrzeit bei den beiden großen Meistern geschult hat: Dass dieser Körper so überzeugend hingegossen ist, das liegt eben auch daran, dass Corinth im vollen Bewusstsein über die Muskeln, die Sehnen, die Knochen, die Schatten in der Wirbelsäule und in der Armbeuge am Werk ist. Erotik entsteht hier aus der tief verstandenen, selbstverständlichen Körperlichkeit. Gerade Fleury hatte eine große Vorliebe für den weiblichen Akt, in seinen monumentalen Werken konnte Corinth sehen, welche Magie aus dem hingestreckten Frauenkörper entstehen kann.
Und natürlich gibt es einen zweiten großen Lehrmeister, ohne den Corinth nie denkbar ist: Courbet. Anders als seine beiden offiziellen Lehrer ist der ein Maler durch und durch, in der Farbe und mit der Farbe lebend, hingezogen zum „Ursprung der Welt“ und einer anderen, tieferen, uninszenierten Weiblichkeit. Seine „Frau mit dem Papagei“ ist das große Kompositionsvorbild für all die liegenden Frauengestalten der Kunst in Paris, ihr Bei-sich-Sein, ihr Sich-selbst-Genießen, ihre Selbstvergessenheit. All dies atmet auch Corinths großer Akt, aber in einem kühnen Zugriff dreht er das Modell auf die Seite. Statt der aufreizenden Vorderseite wie bei Courbets Dame demonstriert Corinth, wie man auch in der Darstellung des Rückens eine Sehnsuchtslandschaft entwerfen kann. Und dieses Drehen lenkt den Blick am Schluss auch auf ein besonderes Detail, das nur auf diese Weise sichtbar werden kann: die Fußsohlen. Denn so scheinbar mondän das Interieur mit dem Damast im linken Bildraum wirkt, an den Füßen macht Corinth deutlich, dass er über seine Lehrer Bouguereau und Fleury in ihrer adorierenden, verklärenden Frauensicht hinauswächst. Sein Modell zeigt selbstbewusst, dass es barfuß geht, dass der Schmutz an seinen Sohlen hängt, dass es also den Boden der Wirklichkeit kennt. Das ist dann ein kleiner Gruß des Berliner Malers in Paris nach Rom, hinüber zu dem großen Caravaggio und seiner malerischen Wirklichkeitsrevolution, den dreckigen Füßen seiner Madonnen und Könige und Pilger. Und es ist vielleicht dieses kleine Detail, das, neben der hinreißenden Souveränität in der Abstuftung der Hauttöne, der Gelbtöne, der Sicherheit des Strichs, schon in diesem Frühwerk demonstriert, um welchen eigenständigen Meister es sich bei Lovis Corinth handelt. Es ist Malerei, die immer mit beiden Beinen auf der Erde steht. Florian Illies
Lovis Corinth (Tapiau/East Prussia 1858 – 1925 Zandvoort)
„Liegender weiblicher Rückenakt“. 1887
Oil on canvas. Relined. 64 × 174 cm ( 25 ¼ × 68 ½ in.). Signed and dated lower right: LOVIS CORINTH 1887.
Berend-Corinth/Hernad 53.–
Retouchings. [3273]
Provenienz: W. Becker, Munich / Dr. J. Deutsch, Munich / Dr. Paul Reusch, director of the Gutehoffnungshütte, Oberhausen (died 1956 at Schloss Katharinenhof near Backnang) / private collection / private collection, Austria
Literatur und Abbildung: Sammlung Dr. J. Deutsch, München. Ölgemälde des XIX. und XX. Jahrhunderts. Munich, Galerie Hugo Helbing, 12.5.1931, cat. no. 16 („Weiblicher Akt, 1883“) / Horst Uhr: Lovis Corinth. Berkeley-Los Angeles-Oxford, University of California Press, 1990, p. 50 and p. 51, ill. 27 / Auction catalogue: Deutsche und Österreichische Malerei und Zeichnungen nach 1800. Munich, Sotheby's, 23.6.1997, cat. no. 132
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