Lot no. 176
Lovis Corinth (Tapiau/Ostpreußen 1858 – 1925 Zandvoort)
Selbstbildnis. 1921
Kreide auf chamoisfarbenem Bütten. 30,5 × 25,5 cm ( 12 × 10 in.). Oben links signiert und datiert: Lovis Corinth 25 Juni 1921; darunter mit Bleistift beschriftet (und versucht auszuradieren): 10,000 M Halbportrait.
[3413]
Provenienz: Heinrich Müller, Hamburg (bis 1973)
Ausstellung: Lovis Corinth. Gemälde, Aquarelle, Handzeichnungen und Grafik. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1973, Kat.-Nr. 26, S. 16, Abbildung S. 2 (Leihgabe) / Lovis Corinth 1858-1925 - Aquarelle, Gemälde, Pastelle, Zeichnungen. Bielefeld, Kunsthalle, 1974, Kat. Nr. Z 63 / Lovis Corinth - Handzeichnungen und Aquarelle 1875-1925. Bremen, Kunsthalle, 1975, Kat.-Nr. 150 / Europäische Meisterzeichnungen und Aquarelle. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1978/79, Kat.-Nr. 23, S. 3, Abbildung S. 31 / Lovis Corinth and his Times. London, Goethe Institut, Abbildung auf der Einladungskarte / Musen, Maler und Modelle. Kampen, Galerie Pels-Leusden, 1996, Kat.-Nr. 19, S. 28/70, mit Abbildung (Leihgabe) / Lovis Corinth am Walchensee. Späte Bilder. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 2002, Kat.-Nr. 17, S. 10/45, Abbildung S. 11 (Leihgabe)
Das Verständnis der Kunst Corinths ist kaum zu trennen von dem tiefen Konflikt, den die Erfahrung eines im Jahr 1911 erlittenen Schlaganfalls bei diesem außerordentlich vitalen, dem sinnlichen Leben zugewandten Menschen auslösen musste. Aus diesem Umstand heraus mag sich auch die auffallend hohe Zahl von Selbstbildnissen Corinths in Malerei, Zeichnung und Druckgrafik in den folgenden Jahren erklären.
Die hier vorliegenden, um 1921/1922 entstandenen Beispiele (Kat.-Nr. 176–178) geben trotz relativ geringer Formate einen eindringlichen Einblick in Corinths künstlerisches Naturell. Sie machen, jenseits ihrer unterschiedlichen Entstehungszeiten, Corinths anhaltende Bewunderung für Rembrandt spürbar.
Das erste Blatt vom 25. Juni 1921 zeigt einen fragenden Blick des Künstlers in den Spiegel aus traurigen Augen, die ihre Richtung verloren haben. Dabei geben die Hände, die Blatt und Stift zu halten scheinen und die dem Körper nahe, doch kaum mit ihm verbunden sind, einen Hinweis auf den nachdenklich schreibenden oder zeichnenden Künstler.
Ein Jahr später, im Oktober 1922, wiederholt Corinth die gleiche Komposition (Kat.-Nr. 177), allerdings wirkt es so, als ob der Prozess einer mentalen Verdüsterung fortgeschritten sei. Er schreibt und modelliert wiederum in weicher Kreide, aber der Duktus ist schwerer, vehementer geworden, die Gestalt massiver, der Ton tiefer im Sinne einer schwermütigen Emotionalisierung.
In ähnlichem zeichnerischem Stil, aber noch eindringlicher ist die dritte Version (Kat.-Nr. 178) ausgeführt, die der inhaltlichen Bedeutung des Selbstportraits eine neue Wendung gibt. Die zentrale Gestalt ist wieder Corinth, der Künstler, der allerdings dem Betrachter so den Rücken kehrt, dass dieser sich fast abgewiesen fühlt. Corinth sitzt mit dem Zeichenblock bei der Arbeit. Er ist und bleibt die Hauptfigur, die nun eine neue Orientierung erfährt. Am linken Bildrand ist eine Zeichnung zu sehen, die dem Betrachter zu bestimmen überlässt, ob es sich hier um ein Bild, eine gerahmte Zeichnung oder einen Blick in den Spiegel handelt. Auf der rechten Seite des Blattes erscheint, nur angedeutet, aber deshalb nicht weniger erschreckend, die Gestalt des Todes. Den Schlüssel zum Verständnis der Zeichnung gibt Corinth selbst. 1922 publizierte er in der grafischen Mappe „Totentanz“ die Radierung „Tod und Künstler“. Dort sitzt er zeichnend am Tisch, hinter ihm erscheint das Skelett und die Uhr an seinem Arm bedeutet: „Es ist Zeit“.
Margret Stuffmann, Frankfurt a.M.
Lovis Corinth (Tapiau/East Prussia 1858 – 1925 Zandvoort)
Selbstbildnis. 1921
Chalk on buff-coloured laid paper. 30,5 × 25,5 cm ( 12 × 10 in.). Signed and dated upper left: Lovis Corinth 25 Juni 1921; inscribed (and attempted erasure) with pencil underneath: 10,000 M Halbportrait.
[3413]
Provenienz: Heinrich Müller, Hamburg (until 1973)
Ausstellung: Lovis Corinth. Gemälde, Aquarelle, Handzeichnungen und Grafik. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1973, cat. no. 26, p. 16, illustration p. 2 (loan) / Lovis Corinth 1858-1925 - Aquarelle, Gemälde, Pastelle, Zeichnungen. Bielefeld, Kunsthalle, 1974, cat. no. Z 63 / Lovis Corinth - Handzeichnungen and Aquarelle 1875-1925. Bremen, Kunsthalle, 1975, cat. no. 150 / Europäische Meisterzeichnungen und Aquarelle. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1978/79, cat. no. 23, p. 3, illustration p. 31 / Lovis Corinth and his Times. London, Goethe Institut, Invitation on the invitation card / Musen, Maler and Modelle. Kampen, Galerie Pels-Leusden, 1996, cat. no. 19, p. 28/70, , illustration (loan) / Lovis Corinth am Walchensee. Späte Bilder. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 2002, cat. no. 17, p. 10/45, illustration p. 11 (loan)
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