Lot no. 427
Ludwig Emil Grimm (Hanau 1790 – 1863 Kassel) „Die fünfjährige Ideke (Friederike) Grimm, die Tochter des Künstlers im roten Kleid mit einem Vogel, Profilbildnis“. 1839 Aquarell über Bleistift auf Papier. 22,1 × 16 cm ( 8 ¾ × 6 ¼ in.). Unten rechts auf dem Stuhl signiert und datiert: L. GRIMM 1: May 1839 ad viv. Koszinowski/Leuschner P 365 („Besitzer unbekannt“).– Links unten am Rand eine vom Künstler ausgebesserte Partie. [3275] Literatur und Abbildung: Wilhelm Praesent: Ludwig Emil Grimm. Ein deutsches Bilderbuch. Kassel, Bärenreiter-Verlag, o. J. (1939), hier 2. Aufl. 1942 Immer wieder hat Ludwig Emil Grimm seine Tochter Friederike, genannt Ideke, gezeichnet. 1833 geboren, dürfte sie auf dem vorliegenden Blatt etwa sechs Jahre alt sein. Ideke war das einzige Kind des Künstlers, da ein Sohn schon vier Wochen nach der Geburt gestorben war. Grimm hat sein kleines Kind in allen Lebenslagen mit dem Zeichenstift begleitet und ihre Handlungen wie beiläufig notiert. So gibt es Ideke lesend, Handarbeiten verrichtend oder mit einem Hasen spielend. Dem vorliegenden Aquarell eignet im Gegensatz zu den zumeist in Bleistift ausgeführten Skizzen geradezu ein offizieller Charakter, indem althergebrachte Würdeformeln der Porträtmalerei bemüht werden. Im adretten Kleidchen mit altdeutschem Kragen und geflochtenen Zöpfen hat sich Ideke wie eine Erwachsene im Profil postiert. Ein kostbar wirkender Vorhang schließt das Kind schützend vor der Außenwelt ab, eröffnet aber auf der linken Bildhälfte den Blick in eine parkartige Waldlandschaft. Innen und außen, Natur und Innenraum werden hier miteinander kombiniert. Der liebevolle Blick des Vaters auf sein Kind verrät sich wieder im Detail: Obgleich Ideke sich im roten Kleid wie zurechtgemacht präsentiert, hat sie nackte Füße, als wolle sie gleich aufstehen und in die Natur fortlaufen. Doch hält ein weiteres Bilddetail ihre Aufmerksamkeit gespannt. Es ist der Vogel, der sich vertraut auf ihren Knien niedergelassen hat und mit dem sie ein Zwiegespräch führt. Bei dem Vogel handelt es sich zweifellos um einen Grünfink (Chloris Chloris), einen noch heute verbreiteten Gartenvogel, der vor Inkrafttreten der EU-Vogelschutzrichtlinie gern auch im Käfig gehalten wurde, in der Hoffnung, dass er seinen dem Kanarienvogel nicht unähnlichen Gesang ertönen lässt. Der Ikonologe wittert hier eine tiefere Bedeutung, doch schweigt sich schon der Physiologos über die etwaige Symbolik des Grünfinks aus. In der Kunstgeschichte hat er keine bleibenden Spuren hinterlassen. Mag sein, dass auf Jagdstillleben des Barock auch einmal ein Grünfink unter einem Berg von Rehen, Hasen und Enten herumliegt, aber das lässt sich kaum mit mehr als dem Hinweis auf die Vergänglichkeit alles Irdischen erklären. Zwar singen Lennon/ McCartney explizit von einem grünen Vogel: „You say you‘ve seen seven wonders and your bird is green / But you can‘t see me, you can‘t see me.“, doch führt auch von dort kein Weg zur spezifischen Bedeutung des Grünfinks auf unserem Blatt. Also erscheint der Vogel hier zunächst als eine gewitzt vom Maler angebrachte Naturstudie, die das Porträt zweifellos belebt. Minutiös gezeichnet und in seinem Wesen nach leicht bullig daherkommend, dabei sein Einheitsgrün durch einen frech gelben Flügelstreif durchbrechend, hat der Vogel auf Idekes Knie Platz genommen. Grimm hat das Blatt auf dem Stuhl präzise auf den 11. Mai 1839 datiert: Der kaum noch lesbare Zusatz „ad viv(um) “ ist hier mehr als eine Floskel der Naturwahrheit der Kunst. Es ist ebenjener geliebte zahme Singvogel, Idekes ganz persönlicher Grünfink, der hier in das Bild gesetzt wurde. Ludwig Emil Grimm hat den Zusatz „ad vivum“ häufig auf seine Bildnisse, gerade auf die seiner Tochter, gesetzt, so als wolle er gegen die Vergänglichkeit des Kindseins anarbeiten und den Augenblick, so wahr wie die Natur, ins Bild bannen. Für die Porträtästhetik der Romantik ist der Zusatz zugleich eine Güteformel, deutet er doch darauf, dass nicht Verstellung und Rollenspiel, sondern Treue zum Naturvorbild vom Zeichner eingelöst wurden und die ‚Wahrheit’ im konkreten Kunstwerk aufscheine. Michael Thimann Ludwig Emil Grimm (Hanau 1790 – 1863 Kassel) „Die fünfjährige Ideke (Friederike) Grimm, die Tochter des Künstlers im roten Kleid mit einem Vogel, Profilbildnis“. 1839 Watercolour over pencil on paper. 22,1 × 16 cm ( 8 ¾ × 6 ¼ in.). Signed and dated on the chair lower right: L. GRIMM 1: May 1839 ad viv. Koszinowski/Leuschner P 365 („Besitzer unbekannt“).– Section repaired by the artist lower left edge. [3275] Literatur und Abbildung: Wilhelm Praesent: Ludwig Emil Grimm. Ein German Bilderbuch. Kassel, Bärenreiter-Verlag, o. J. (1939), here 2. Aufl. 1942
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