Lot no. 23
Ludwig Meidner (Bernstadt 1884 – 1966 Darmstadt)
Berliner Straße bei Nacht. 1913
Tuschpinsel und -feder und Deckweiß auf Papier. 42 × 50,6 cm ( 16 ½ × 19 ⅞ in.). Unten links signiert und datiert: L Meidner 1913.
Leicht stockfleckig. Kleine Farbverluste. [3250]
Provenienz: René Schickele, Badenweiler/Sanary-sur-Mer
Ausstellung: Europäische Meisterzeichnungen und Aquarelle. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1978/79, Kat.-Nr. 124
In seiner vom Pathos des Expressionismus durchtränkten „Anleitung zum Malen von Großstadtbildern“ (1914) hat Meidner in eine Forderung gekleidet, was in Wahrheit eine sehr präzise Beschreibung seiner eigenen Arbeitsweise war: „Malen wir das Naheliegende, unsere Stadt-Welt! Die tumultuarischen Straßen, die Eleganz eiserner Hängebrücken, Gasometer, welche in weißen Wolkengebirgen hängen, die brüllende Koloristik der Autobusse und Schnellzugslokomotiven, die wogenden Telephondrähte, die Harlekinaden der Litfaßsäulen [...].“
Meidner interessierte sich für die wahrnehmungspsychologischen Phänomene der modernen Großstadt, ihre Gestalt, die neue Stilmittel von der Kunst forderten, wenn es um eine wirklich zeitgenössische Spiegelung gehen sollte. Die nervöse Metropolen-Hektik versuchte Meidner in einem stenografischen, bewusst überreizten Zeichenstil festzuhalten. Für das Erleben der Stadt wählte Meidner, angeregt vor allem durch die Geschwindigkeitsbilder der Futuristen, bisher ungebräuchliche Ausdrucksmittel. Vermutlich hat er auch die Erfahrung von Momentfotografie und Film verarbeitet, denn in manchen Zeichnungen erscheinen Verwischungen und Verzerrungen, wie sie nur die bewegte Kamera erzeugt. Straßenfronten lösen sich auf, Häuserfassaden taumeln in hoffnungslose Schieflagen. „Sind nicht unsere Großstadtlandschaften alle Schlachten von Mathematik? Was für Dreiecke, Vierecke, Vielecke und Kreise stürmen auf den Straßen auf uns ein. Lineale sausen nach allen Seiten. Viel Spitzes sticht uns. Selbst die herumtrabenden Menschen und Viecher scheinen geometrische Konstruktionen zu sein“, so Meidner im erwähnten Text von 1914. Die geometrischen Elemente beginnen bei Meidner zu tanzen, sie drehen sich und stürzen wie berauscht. Mit gutem Instinkt hat Meidner einem Werk von 1913 den Titel „Betrunkene Straße“ gegeben. Er hat Berlin auch in Gemälden festgehalten. Aber viel radikaler als im farbigen Ölbild kam Meidners Prinzip in den Zeichnungen zur Geltung.
1913, als unsere Zeichnung entstand, lebte Meidner in äußerster materieller Bedrängnis in der deutschen Hauptstadt. Aus einer bescheidenen jüdischen Bürgerfamilie Bernstadts (Schlesien) stammend, war er gegen den Willen seiner Eltern Künstler geworden. 1906 hatte er sich in Paris mit Amedeo Modigliani befreundet. Sein entscheidendes Bildungserlebnis aber wurde die Begegnung mit dem italienischen Futurismus, dessen Botschaften seit 1910 durch Herwarth Waldens Zeitschrift „Der Sturm“ verkündet wurden. Meidner gehörte zum Freundeskreis des „Sturm“ und des literarischen Expressionismus und hat selbst bemerkenswerte expressionistische Prosatexte verfasst. In die Mythen-geschichte der Avantgarde eingegangen ist Meidner durch seine prophetischen Bilder, in denen er, parallel zu den düsteren Ahnungen expressionistischer Lyriker, schon vor 1914 eine Kriegs-Apokalypse weissagte. CS
Ludwig Meidner (Bernstadt 1884 – 1966 Darmstadt)
Berliner Straße bei Nacht. 1913
Brush and pen and India ink and opaque white on paper. 42 × 50,6 cm ( 16 ½ × 19 ⅞ in.). Signed and dated lower left: L Meidner 1913.
Slight foxing. Minor paint losses. [3250]
Provenienz: René Schickele, Badenweiler/Sanary-sur-Mer
Ausstellung: Europäische Meisterzeichnungen und Aquarelle. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1978/79, cat. no. 124
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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