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Lot no. 190
Ludwig Meidner (Bernstadt 1884 – 1966 Darmstadt) Selbstbildnis mit herausgestreckter Zunge. 1914 Bleistift auf Papier. 35,1 × 32,7 cm ( 13 ⅞ × 12 ⅞ in.). Unten rechts signiert und datiert: LMeidner 1914. Rückseitig unten rechts mit dem silberfarbenen Nachlassstempel und der mit Bleistift eingetragenen Registriernummer: II/112. [3410] Provenienz: Nachlass des Künstlers, Wilhelm Loth, Darmstadt / Rolf Deyhle, Stuttgart (bis 2006) Literatur und Abbildung: Auktion 146: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 9. Juni 2006, Kat.-Nr. 165 Zwei Selbstportraits Ludwig Meidners. Das eine entstand 1914, das andere 1925 (Kat.-Nr. 194). Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. War hier derselbe Künstler am Werk? Wurde derselbe Mensch gezeichnet? Faktisch ja, im Wesen(tlichen) nein und doch wiederum ja, denn es ist derselbe Künstler, und es ist dieselbe Person, die dargestellt wird. Das wiederum heißt nichts, denn jeder von uns ist derselbe und zugleich ein anderer. Viele andere. „I am not what I am“, lässt Shakespeare im „Othello“ (I, 3) den Intriganten Jago sagen, der eben nicht nur und letztlich doch Bösewicht war. Wie gute, gar große Literatur oder zutreffende Analysen, hat auch große bildende Kunst mindestens einen doppelten Boden. Auch das machen diese beiden Selbstportraits Meidners sichtbar. Was Shakespeare uns durch Worte, Wortbilder oder die Psychologie gedanklich einsehen lässt, macht Meidner bildnerisch sichtbar. Hochkonzentriert, erkennbar skeptisch, misstrauisch, erschreckt, fast alarmiert, beunruhigt, bisweilen erbost betrachtet Meidner 1914 sein Draußen. War es vor oder nach Kriegsbeginn? Einerlei, denn geradezu Apokalyptisches zeigten seine Städtebilder bereits deutlich früher. Der Kriegsausbruch dürfte diese Befürchtungen nur bestätigt haben. Gerne wird die Vorhersagekraft von Künstlern „prophetisch“ genannt. Das ist viel zu hoch gegriffen, denn – was Wunder? – Künstler sind auch nur Menschen und ihre politische Durchschau- und Vorschaukraft ist nicht selten naiv. Auch Meidner war kein Prophet, aber er spürte beunruhigt die „Kommenden Dinge“ (Walther Rathenau). Hierin war er wahrlich nicht einzig. Künstlerisch hat er es auf seine Weise, zeichnerisch, wenngleich nicht einzigartig, so doch großartig dargestellt. Michael Wolffsohn, München Wir danken Winfried Flammann, Karlsruhe, für freundliche Hinweise. Ludwig Meidner (Bernstadt 1884 – 1966 Darmstadt) Selbstbildnis mit herausgestreckter Zunge. 1914 Pencil on paper. 35,1 × 32,7 cm ( 13 ⅞ × 12 ⅞ in.). Signed and dated lower right: LMeidner 1914. Silver estate stamp and registry number inscribed in pencil on reverse lower right: II/112. [3410] Provenienz: Estate of the artist, Wilhelm Loth, Darmstadt / Rolf Deyhle, Stuttgart (until 2006) Literatur und Abbildung: Auction 146: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 9 June 2006, cat. no. 165 We would like to thank Winfried Flammann, Karlsruhe, for kindly providing additional information.
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
About the sale
Live
10/26/2018
Offered by Grisebach
0049 30 885 915 0

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