Lot no. 222
Martin Brandenburg (Posen 1870 – 1919 Stuttgart) Sommertag. (Vor) 1904 Öl auf Leinwand. 180 × 283 cm ( 70 ⅞ × 111 ⅜ in.). Unten rechts monogrammiert: M Br. Rückseitig Etiketten der Berliner Secession (s.u.), des Kunstsalons Banger in Wiesbaden und des Salon de la Société des Beaux-Arts (Paris). [3123] Ausstellung: Katalog der neunten Kunstausstellung der Berliner Secession. Berlin, Ausstellungshaus der „Berliner Secession“, 1904, Kat.-Nr. 25, m. Abb Literatur und Abbildung: H. (d. i. Emil Heilbut): Aus der neunten Ausstellung der Berliner Secession. In: Kunst und Künstler. S. 391-411, hier S. 398, Abb. S. 399 Es ist eigentlich nicht zu fassen, dass Martin Brandenburg lange so vergessen war. Geliebt von Thomas Mann, war Brandenburg der mit Abstand exzentrischste Künstler des Berliner Fin de Siècle. Es ist bis heute eine Freude zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit er in seiner Kunst das Surreale mit dem Realen verbindet – wie also die Elfen mit ihren Schmetterlingsflügeln durch diesen Frühlingsbaum tanzen, der zugleich genauso am Ufer des Sacrower Sees stehen könnte. Natürlich hat er sein Handwerk in Paris gelernt, die Galanterie seiner Personen erzählt davon, auch die Gesten des Tanzes, die sein ganzes Œeuvre durchziehen. 1895 kehrt er nach Berlin zurück, gehört drei Jahre später zu den Gründungsmitgliedern der Berliner Secession. Seine Kunst ist so ungewöhnlich, dass das selbst in offiziellen Urkunden vermerkt wird: 1914 erhält er den Ehrenpreis der Stadt Berlin für sein „eigenartiges künstlerisches Schaffen“. Wie gern würde man die Eigenart unseres Gemäldes entschlüsseln. Es heißt „Sommertag“, und man scheint leise, feine Musik zu hören, eine Dame tänzelt über den Weg, scheint von den Faunen zu träumen, die links über den Hügel tollen, und von den Feen, die sich oben in der Baumkrone über die Äste hangeln. Was für eine romantische Anti-Utopie im Berlin um 1900, was für ein trotziges Bild in der explodierenden Millionenstadt, die von Arbeitermassen, Armut, Industrialisierung, Geschwindigkeit, Moderne beherrscht ist. Karl Scheffler, der größte Kenner unter den Berliner Kunstkritikern der Jahrhundertwende, nannte Brandenburg einen „Poeten des Bizarren, Dämonischen und Geheimnisvollen“. Doch er war dennoch eng verwoben mit der Kunst seiner Zeit, Hans Baluschek, der scheinbar so andere Bilder eines neuen Berlins schuf, war sein engster Freund, mit Lovis Corinth lehrte er gemeinsam. Und doch griff er nicht zum Naturalismus oder zum Expressionismus, um von seiner Welt zu erzählen, sondern zum Märchenton. Er tat dies aber mit einer solchen künstlerischen Virtuosität, mit solch einer Besessenheit, dass aus seinen Werken eben tatsächlich die ganze Poesie, aber auch die ganzen Untiefen der Grimmschen Märchen aufleuchten. Aber nach ersten düsteren Bildern heiterte sich Brandenburgs Gemüt und Palette immer mehr auf. Und wenn Willy Pastor in seiner Rede zum Tod von Martin Brandenburg im Jahr 1919 davon spricht, dass er „seinen Elfenreigen aufführt in tanzenden Lichtern wie ein Sonnenmaler, so tagesfroh und frühlingsselig wie nur ganz wenige neben ihm“, dann dürfte er genau dieses Bild vor Augen gehabt haben, dass nun, nach über hundert Jahren, endlich wieder an die Öffentlichkeit gekommen ist: unser „Sommertag“. Florian Illies Martin Brandenburg (Poznań 1870 – 1919 Stuttgart) Summer day. (before) 1904 Oil on canvas. 180 × 283 cm ( 70 ⅞ × 111 ⅜ in.). Monogrammed lower right: M Br. On the reverse labels of the Berliner Secession (see below), of the Kunstsalons Banger in Wiesbaden and of the Salon de la Société of the Beaux-Arts (Paris). [3123] Ausstellung: Catalogue of the ninth art exhibition of the Berliner Secession. Berlin, exhibition building of the „Berliner Secession“, 1904, cat. no. 25, with ill. Literatur und Abbildung: H. (d. I. Emil Heilbut): Aus der neunten Ausstellung der Berliner Secession. In: Kunst and Künstler. P. 391-411, here p. 398, ill. p. 399
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Drawings, watercolours and pastels
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Art du XIXe siècle
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11/29/2017
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