Lot no. 637
Max Beckmann (Leipzig 1884 – 1950 New York)
„SELBSTBILDNIS MIT STEIFEM HUT“. 1921
Kaltnadel auf Bütten. 31,4 x 24,5 cm (50 x 33,5 cm) ( 12 ⅜ x 9 ⅝ in. (19 ⅝ x 13 ¼ in.)). Signiert. Unten links wohl von I.B. Neumann mit Bleistift irrtümlich beschriftet: 2. Zustand.
Hofmaier 180 III B (von IV B).–
Einer von wohl 50 Abzügen. I.B. Neumann, Berlin. [3166]
Max Beckmanns Radierung „Selbstbildnis mit steifem Hut“ aus dem Jahr 1921 ist eine Selbstbefragung. Der dritte Zustand dieser mit kräftigen Schraffuren der Platte entrissenen
Physiognomie starrt den Betrachter an. Die Komposition erscheint flüchtig und doch festgefügt. Die Dinge sind zum Gleichgewicht geordnet, erschließen sich aber nicht zu eindeutigem Sinn. Der Herr mit Bowler im Mantel mit Stehkragen und Krawatte wendet sich uns nur leicht von der Seite gesehen direkt zu. Seine linke Hand hält er vor seine Brust, in unerklärlicher,
wie eingefrorener Geste. Sie ist aus dem ersten Zustand der Radierung in der Komposition stehengeblieben. Ursprünglich hielt der Maler eine Katze im Arm. Das Tier ist nun auf die linke Seite versetzt, sein gekrümmter Rücken leitet zum Bowler über.
Die Petroleumlampe rechts vorn wirft helles, flackerndes Licht von der Seite und schnitzt das Gesicht kantig aus dem Dunkel. Ein Blendschirm schützt den Betrachter vor gleißendem Schein. Der helle Hintergrund läßt kaum noch die retuschierten Umrisse der Gegenstände erkennen, die in der ersten Fassung die Folie dieses Selbstbildnisses boten und noch vom Wesentlichen ablenkten. Nichts deutet in dem Bild auf ein Selbstbildnis, kein Motiv verweist auf einen Künstler. Ein Bürger, ein eleganter Städter, der vor dem Spiegel innehält, tritt uns entgegen. Hier wird jedoch nicht irgend jemand dargestellt, kein bloßes Abbild eines Fremden geschaffen. Die Augen sind die verräterischen Fixpunkte in dem Flackern der Schraffuren. Sie sind Pole der Bewegungslosigkeit, der Stille, ja der Starre, die auf ein Innehalten verweisen.
Im ersten und zweiten Zustand der Radierung sind im Hintergrund eine Lampe, eine Staffelei und Bilder erkennbar. Im dritten, stark überarbeiteten Zustand, werden diese Attribute ausgelöscht. Der bohrende Blick ist nicht auf sein Künstlertum reduziert. Beckmann stellt die Frage nach der eigenen Bestimmung auf grundsätzliche Art. Der Maler tritt als Bürger auf.
Doch erstarrt die selbstbewußte Bürgerlichkeit zur Fassade, hinter der sich die Suche nach Gewißheit verbirgt. Bewegung und Ruhe, scharfe Kontraste und schraffierte Übergänge, feste Konturen und flimmernde Oberfläche bringen diese erregte Selbstbefragung zum Ausdruck. Durch die virtuose Beherrschung der graphischen Mittel wird der Auftritt des Bürgers zur Symbolbild des Zweifels.
Thomas W. Gaehtgens, Berlin und Los Angeles
Max Beckmann (Leipzig 1884 – 1950 New York)
„SELBSTBILDNIS MIT STEIFEM HUT“. 1921
Drypoint on laid paper. 31,4 x 24,5 cm (50 x 33,5 cm) ( 12 ⅜ x 9 ⅝ in. (19 ⅝ x 13 ¼ in.)). Signed. Lower left inscribed erroneously in pencil, presumably by I.B. Neumann: 2. Zustand.
Hofmaier 180 III B (of IV B).–
One of presumably 50 prints. I.B. Neumann, Berlin. [3166]
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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