Lot no. 5
Max Liebermann (1847 – Berlin – 1935)
„Studie zum ,Restaurationsgarten in Leiden‘“. 1900
Öl auf Leinwand. 50,5 × 75,5 cm ( 19 ⅞ × 29 ¾ in.). Unten links signiert: M Liebermann.
Eberle 1900/21 („verschollen“).–
[3651]
Provenienz: Galerie Ernst Arnold, Dresden (1911) / Privatsammlung, Süddeutschland
Ausstellung: Max Liebermann. Biergärten und Caféterrassen. Von ländlicher Wirtschaft zu bürgerlicher Sommerfrische. Berlin, Max-Liebermann-Gesellschaft, in der Liebermann-Villa am Wannsee, 2016, S. 91, Kat.-Nr. 13, mit ganzseitiger Farbabbildung S. 42
Literatur und Abbildung: Gustav Pauli: Max Liebermann. Des Meisters Gemälde in 304 Abbildungen. Stuttgart und Leipzig, Deutsche Verlags-Anstalt, 1911 (= Klassiker der Kunst in Gesamtausgaben, Neunzehnter Band), S. 246 (Anm. zu S. 128 unten = Eberle 1900/22)
Hinaus ins Grüne – Max Liebermann gewährt einen Blick in die frühe Biergartenkultur
Die Tradition des Biergartens stammt ursprünglich aus Bayern und erlaubte es Brauern, ihr Bier direkt aus dem Kühlkeller zu verkaufen, ohne das für eine Schänke erforderliche Krugrecht zu besitzen. Damals wurde das wärmeempfindliche, da noch nicht pasteurisierte Bier in tiefen Kellern entlang der Isar gelagert, wo es das ganze Jahr über mit Eis kühl gehalten werden konnte. Nachdem 1812 zum ersten Mal ein solcher Direktverkauf zugelassen worden war, entwickelten sich diese einfachen Rastplätze unter schattigen Bäumen rasch zu beliebten Ausflugszielen der Münchner. Max Liebermann lernte diese Tradition bei einem Besuch 1878 in Bayern kennen. Im Sommer darauf malte er sein erstes Bild eines Biergartens in Etzenhausen nahe Dachau. Es folgten zahlreiche weitere Werke gleichen Themas, nicht nur aus dem süddeutschen Raum, sondern auch aus den Niederlanden, aus Hamburg oder von Lokalitäten rund um den Berliner Wannsee. Unser Bild eines solchen Biergartens in der alten Universitätsstadt Leiden malte der Künstler in einer Zeit wachsender öffentlicher Anerkennung: 1898 war er in die Berliner Akademie aufgenommen und mit dem Titel eines Professors geehrt worden. Die Ölstudie ging dem wenig später gemalten Gemälde „Restaurationsgarten in Leiden“ voran, das sich heute in der Hamburger Kunsthalle befindet. Welche Gartenwirtschaft genau Liebermann hier darstellte, ist nicht bekannt – wohl handelt es sich aber nicht um sein Lieblingslokal „De Oude Vink“ („Der alte Fink“) in dem Dorf De Vink südwestlich von Leiden, das er erst um 1905 kennenlernte und dreimal auf der Leinwand festhielt.
Jedenfalls zeigt uns Liebermann einen typischen sommerlichen Biergarten jener Jahre: Im Vordergrund sitzen unter einem Baum vier Gäste im Sonntagsstaat an einem schwarzen Tisch; zwei ältere Männer, eine alte Frau und ein kleines Mädchen, das man nur von hinten sieht. In der Mitte des Biergartens herrscht buntes Treiben. Dort ist offenbar eine Festgesellschaft zusammengekommen, die sich im Schatten eines Baumes um eine lange Tafel versammelt hat. Hinten rechts spielt auf einem Holzpodest eine Musikkapelle auf, in dunkelblauen Uniformen mit roten Kragen und blau-goldenen Kappen.
Die Zonen von Licht und Schatten hat Liebermann in seiner Komposition deutlich voneinander abgesetzt, um das impressionistische Spiel der unterschiedlichen Helligkeiten und Bewegungen im Bild voll zur Geltung zu bringen. Der leuchtende grüne Hintergrund zeigt eine Rasenfläche, auf der einige Kübelpflanzen platziert sind. Auf einer vorbereitenden Studienzeichnung hat der Künstler diese hellsten Bildzonen auffallend mit Deckweiß gehöht, vermutlich um ihnen bei der Fertigstellung des Gemäldes besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Bemerkenswert sind die zwei unvollständig gemalten Stühle im Bildvordergrund. Dem leeren Stuhl in der Mitte fehlt das Gestänge der Lehne. Auf den Stuhl, auf dem das Mädchen sitzt, scheint Liebermann ganz verzichtet zu haben – eine künstlerische Freiheit, die auch bei einigen „vollendeten“ Bildern des Künstlers anzutreffen ist, etwa bei dem Ölbild „Gartenlokal an der Havel – Nikolskoe“ von 1916, das zum Bestand der Berliner Nationalgalerie gehört.
Dem „Restaurationsgarten in Leiden“ sind einige Ölstudien vorausgegangen, auch solche, auf denen der Künstler andere Ansichten des Geländes festgehalten hat. Ohne Zweifel steht jedoch unsere Studie dem Bild der Hamburger Kunsthalle am nächsten. Vergleicht man beide, fällt auf, dass Liebermann die größten Änderungen an der Gruppe im rechten Vordergrund vorgenommen hat: Er ersetzte die drei älteren Personen durch ein jüngeres Ehepaar, das zwar einander zugewandt ist, aber nicht miteinander redet. Es wird sich um die Eltern des Mädchens handeln, das nun auch deutlich größer ist. Dem Stuhl in der Mitte hat der Maler einen weiteren hinzugefügt, sodass die zwei eine Barriere zum Mittelgrund bilden. Die Festgesellschaft wurde sichtbar verkleinert, was auch den Eindruck des lärmenden Treibens mindert.
Insgesamt ist das Hamburger Gemälde detailreicher und klarer in der Darstellung. Die Studie hingegen offenbart stärker Liebermanns impressionistische Wurzeln und deutet mehr an, als sie tatsächlich zeigt. Darin kommt sie der Szenerie vor Ort sicherlich näher als die von allen Ungenauigkeiten „bereinigte“ Endfassung. Im spontanen Erfassen des Augenblicks war Liebermann ein wahrer Meister, das gilt auch für die besondere Atmosphäre einer Biergartenszene am Nachmittag.
Andreas Fluck
Max Liebermann (1847 – Berlin – 1935)
„Studie zum ,Restaurationsgarten in Leiden‘“. 1900
Oil on canvas. 50,5 × 75,5 cm ( 19 ⅞ × 29 ¾ in.). Signed lower left: M Liebermann.
Eberle 1900/21 ("lost“).–
[3651]
Provenienz: Galerie Ernst Arnold, Dresden (1911) / Private collection, Southern Germany
Ausstellung: Max Liebermann. Biergärten und Caféterrassen. Von ländlicher Wirtschaft zu bürgerlicher Sommerfrische. Berlin, Max-Liebermann-Gesellschaft, in the Liebermann-Villa am Wannsee, 2016, p. 91, cat. no. 13, with full-page colour ill. p. 42
Literatur und Abbildung: Gustav Pauli: Max Liebermann. Des Meisters Gemälde in 304 Abbildungen. Stuttgart and Leipzig, Deutsche Verlags-Anstalt, 1911 (= Klassiker der Kunst in Gesamtausgaben, Neunzehnter Band), p. 246 (note to p. 128 = Eberle 1900/22)
Pictures credits: Contact organization
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