Lot no. 25
Moriz Melzer (Albendorf b. Trautenau 1877 – 1966 Berlin) Frosch II. 1920 Öl auf Leinwand. 129,5 × 99 cm ( 51 × 39 in.). Unten links signiert und datiert: Melzer 20. Rückseitig: „In Jubel geboren II“ (Fragment). Farbmonotypie auf Japan, auf Leinwand aufgezogen. Retuschen. [3475] Provenienz: Nachlass des Künstlers / Galerie Berinson, Berlin / Privatsammlung, Europa Ausstellung: Moriz Melzer. Berlin, Galerie Berinson, 2005, Nr. 29 / Moriz Melzer. Streben nach reiner Kunst. Werke von 1907 bis 1927. Regensburg, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, 2007 / 08, S. 184, Kat.-Nr. 17, Abb. S. 149 Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg schien es für einen kurzen Moment möglich, als könnten Politik, Gesellschaft und die Künste an einem Strang ziehen, um die Utopie einer freien und gerechten Gesellschaftsordnung vom Denken ins Erleben zu überführen. Die Gründung der Novembergruppe im Herbst 1918 erfolgte aus diesem Impuls, und ihre utopische Ausrichtung jenseits parteipolitischer Trennlinien machte es möglich, viele unterschiedliche Künstler in ihr zu vereinen. Will Grohmann attestierte den Mitgliedern 1928 ein Pathos, das „echt und ethisch betont [war], sogar bei den halben Naturen, die sich in kurzer Zeit als Opportunisten zu den Futternäpfen konkreter Mächte hinwegstahlen“ (zit. nach: Die Novembergruppe. Teil 1 – Die Maler. Ausst.-Kat. Berlin, Kunstamt Wedding, 1977, S. 7). Moriz Melzer ist keine halbe Natur, im Gegenteil: Er agiert als Doppelnatur und knüpft die utopische Erneuerung ans Religiöse. Für ein paar entscheidende Jahre entstehen parallel zu seinen figurativen Bildern bedeutende abstrakte Gemälde, die in kristalliner Präzision die Errungenschaften von Kubismus und Futurismus zu einer ganz eigenen Formensprache amalgamieren, die um 1920 in der Kunst ihresgleichen sucht. Melzer drückt das Chaos, Flimmern und Flirren der Zeitverhältnisse aus, und gleichzeitig ordnet er es in genau umgrenzten Farbflächen, die miteinander in eine bewegte Beziehung treten. Es entsteht das Paradox einer statischen Labilität, die jederzeit zu neuen Beziehungsverhältnissen der Elemente führen kann. Wir blicken gewissermaßen in ein Kaleidoskop, das sich mit jedem Zittern unserer Hand zu einem neuen Bild zusammensetzt. Melzers Durchdringung einer zunächst unübersichtlichen bildnerischen Situation, der Wille, das Chaos wahrzunehmen, um es zu gestalten, bildet ein genaues Äquivalent zu der gesellschaftlichen Unruhe wie den damit verbundenen Suchbewegungen der Künstler aller Couleur in diesen ersten Jahren der Weimarer Republik. Der dynamische Impuls der Novembergruppe und ihre Kraft liegt darin begründet, dass ihre Satzung weder stilistische noch parteipolitische Eingrenzungen enthält. Moriz Melzer ist ein Gründungsmitglied, und mit einiger Sicherheit stammt von ihm auch der typografische Entwurf zum Schriftzug „Novembergruppe“, der den Aktivismus zum Signet gerinnen lässt. Die Diagonalen, die der Künstler so liebt und effektvoll einsetzt, gehören da schon zum festen Inventar seiner abstrakten Bildgestaltungen. Mit Gemälden wie „Frosch II“ war Moriz Melzer einer der innovativsten Künstler seiner Zeit und gab den Umwälzungen der Epoche eine Form, die wir getrost hellsichtig nennen können. MS Moriz Melzer (Albendorf near Trautenau 1877 – 1966 Berlin) Frosch II. 1920 Oil on canvas. 129,5 × 99 cm ( 51 × 39 in.). Signed and dated lower left: Melzer 20. On the reverse: „In Jubel geboren II“ (fragment). Colour monotype on Japan paper, laid down on canvas. Retouchings. [3475] Provenienz: Estate of the artist / Galerie Berinson, Berlin / Private Collection, Europe Ausstellung: Moriz Melzer. Berlin, Galerie Berinson, 2005, no. 29 / Moriz Melzer. Streben nach reiner Kunst. Werke von 1907 bis 1927. Regensburg, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, 2007 / 08, p. 184, cat. no. 17, ill. p. 149
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Drawings, watercolours and pastels
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10719 Berlin - Germany
11/29/2018
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