Lot no. 347
Naum Slutzky (Kiew 1894 – 1965 Stevenage (England))
Krug mit drei Bechern. 1920/21
Kupfer, Messing, Silber, getrieben, mit Silberlot verlötet; innen verzinnt. 25,1 cm / 10,1 cm / 10,2 cm / 10 cm ( 9 ⅞ in. / 4 in. / 4 in. / 3 ⅞ in.). Standring der Kanne von Wolfgang Tümpel (1903–1978) hinzugefügt. Auf dem Standring eingraviert: DIESER RING WURDE 1960 ZUGEFÜGT.
[3272]
Provenienz: Physiker und Mäzen Karl Grebe (1901–1980), Jena (1921 als Geschenk des Künstlers) / Seitdem Familienbesitz
Literatur und Abbildung: Karl Grebe: Geboren am blauen Montag. Erinnerungen. Pfullingen, 1973, S. 128 / Kaus Weber (Hg.): Die Metallwerkstatt am Bauhaus. Ausst.-Kat., Berlin, 1992, S. 13, Abb. 3
Die aus Kupfer, Messing und Silber geschmiedeten vier Objekte sind in der frühen Weimarer Bauhauszeit um 1920/21 entstanden. Dies dokumentiert eine Schwarz-Weiß-Abbildung, wo sie neben der kugelförmigen Kupferdose, ein Gesellenstück von Naum Slutzky, zu sehen sind. Die vier noch ganz im Sinne des von Walter Gropius 1919 verfassten Gründungsmanifests des Weimarer Bauhauses kunsthandwerklich geschmiedeten Gebrauchsgegenstände gelangten spätestens im Laufe des Jahres 1923 in den Besitz des Jenaer Physikers Karl Grebe. Es ist ihm und seinen Erben zu verdanken, dass die Gruppe eine eindeutige Zuschreibung an den für das 20. Jahrhundert bedeutenden Goldschmied und Designer Naum Slutzky erfahren kann.
Naum Slutzky wurde wohl auf Ittens Empfehlung hin im Dezember 1919 von Walter Gropius als Hilfsmeister für das Ziselier- und Goldschmiedehandwerk ans Weimarer Bauhaus berufen. Sein Werdegang dort war geprägt vom Kompetenzgerangel zwischen Form- und Handwerksmeister, aber auch von Unstimmigkeiten mit der Bauhausleitung. Per Sonderstellung konnte Slutzky im Privatbetrieb Schmuck fertigen. Der finanzielle Druck auf das Bauhaus wuchs damals stetig und führte schließlich zum 1923 von Walter Gropius propagierten Richtungswechsel „Kunst und Technik – eine neue Einheit“. Unter diesem Motto sollten in enger Zusammenarbeit mit der Industrie am Bauhaus geeignete Modelle für die Serienproduktion entworfen werden – eine Entwicklung, die Naum Slutzky nicht mehr mittrug: Anfang 1924 verließ er das Weimarer Bauhaus, um eigene künstlerische Wege zu gehen.
Mit dem Jenaer Bauhausfreund und Kunstmäzen Karl Grebe war Slutzky vermutlich durch Paul Klee zusammengebracht worden. Paul Klee leitete im Sommersemester 1922 anstelle von Itten als Meister der Form die Metallwerkstatt. Auch Klee war ein Bewunderer von Slutzkys Kunst und erwarb für seine Frau verschiedene Schmuckstücke von ihm. Karl Grebe, tätig bei Carl Zeiss in Jena, schrieb in seinen Memoiren über Slutzky: „Durch Zufall lernte ich einen Bauhausmeister kennen, den Leiter der Werkstatt für Silberschmiede. [...] Wir freundeten uns an, aber da er oft in schwerer Geldverlegenheit war, wurde ich ein hübsches Sümmchen an ihn los. Aber ich bereue es nicht, in meiner Wohnung steht heute noch eine schöne Arbeit von seiner Hand.“
Charakteristisch für die frühen Arbeiten der Metallwerkstatt am Bauhaus sind die Materialien Kupfer und Messing. Die Verwendung von Silber im Bereich des Mündungsrandes aller Gefäße gewährleistete Geschmacksneutralität. Dass die drei Trinkbecher variieren, scheint auf eine experimentelle Entwicklung der Form hinzuweisen. Handwerklich und künstlerisch sensationell sind die stufenweise Einbeziehung der Materialien und ihre changierende Wirkung.
1960 wurde dem Krug durch den ehemaligen Bauhausschüler, Goldschmied und Designer Wolfgang Tümpel ein Standring hinzugefügt. Tümpel war für ein paar Monate Schüler in Slutzkys Bauhauswerkstatt und später Freund der Familie Grebe. Aus Karl Grebes Memoiren geht hervor, dass Slutzky Grebe auch zu einem Atelierbesuch bei Johannes Itten animierte und mitnahm. Über Grebe, Itten, Slutzky und Tümpel schließt sich hier der Kreis zur frühen Bauhauszeit, in der auf vielfältige Weise künstlerisch, handwerklich und lehrend experimentiert wurde.
Monika Rudolph, Stuttgart, Autorin des Werkverzeichnisses des Künstlers
Vergleichsliteratur: Monika Rudolph: Naum Slutzky. Meister am Bauhaus, Goldschmied und Designer. Stuttgart, 1990, S. 34, Kat.-Nr. 4, S. 100f. / / Rüdiger Joppien (Red.): Ein Bauhauskünstler in Hamburg. Naum Slutzky. Ausst.-Kat., Hamburg, 1995
Wir danken Rüdiger Joppien, Hamburg, für freundliche Hinweise.
Naum Slutzky (Kiev 1894 – 1965 Stevenage (England))
Jug with three mugs. 1920/21
Copper, brass, silver, embossed, soldered with silver solder; tin-plated inside. 25,1 cm / 10,1 cm / 10,2 cm / 10 cm ( 9 ⅞ in. / 4 in. / 4 in. / 3 ⅞ in.). Rim of the base of the pot added by Wolfgang Tümpel (1903–1978). Engraved on the rim of the base: DIESER RING WURDE 1960 ZUGEFÜGT.
[3272]
Provenienz: Physicist and patron Karl Grebe (1901–1980), Jena (1921 as a gift of the artist) / thence by descent to the present owner
Literatur und Abbildung: Karl Grebe: Geboren am blauen Montag. Erinnerungen. Pfullingen, 1973, p. 128 / Kaus Weber (ed.): Die Metallwerkstatt am Bauhaus. Exh. cat., Berlin, 1992, p. 13, ill. 3
Related literature: Monika Rudolph: Naum Slutzky. Meister am Bauhaus, Goldschmied und Designer. Stuttgart, 1990, p. 34, cat. no. 4, p. 100f. / / Rüdiger Joppien (Red.): Ein Bauhauskünstler in Hamburg. Naum Slutzky. Exh. cat., Hamburg, 1995.
We would like to thank Rüdiger Joppien, Hamburg, for kindly providing additional information.
Pictures credits: Contact organization
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