Lot no. 195
Osmar Schindler (Burkhardtsdorf 1867 – 1927 Dresden-Wachwitz) „Ceres“ (Demeter). Um 1900-03 Öl auf Leinwand. 120 × 180 cm ( 47 ¼ × 70 ⅞ in.). Mit 41 Beigaben (15 Ölstudien, 5 Pastelle und 21 Zeichnungen). Kleiner, restaurierter Einriss oben links. Die Studien teilweise mit Gebrauchsspuren. [3138] Was für eine prachtvolle Gestalt! Am Saum eines Weizenfeldes nimmt sie ein Sonnenbad, aufblühend wie die Natur, mit der sie eins wird. Zentral und den Bildraum ausfüllend, liegt die Göttin der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus, Ceres, in einer blühenden Wiese. Vor dem Goldgrund des Weizenfeldes erinnert ihre dahingegossene Figur an einen Fries der Antike, ihr blaues Gewand stellt die Verbindung zum Marienkult dar und schafft so die Beziehung zum Göttlichen. Das schimmernde Inkarnat bildet einen kühlen Lichtpunkt im Spiel der lebendigen Farben um sie herum. Das Bild ist schattenlos ausgeleuchtet und die Oberfläche matt glänzend. Ihr Gesicht wird von der Sonne beschienen, eine Sonne so gleißend, als bräche sie durch Gewitterwolken. Ceres darin wirkt aber berührbar und menschlich. Obwohl sie als Liegende genießend dargestellt ist, darf man der Göttin gleichsam bei der Arbeit zusehen: Den Arm aufgestützt, die Hand am Ohr, horcht Ceres geschlossenen Auges in die Erde hinein, vereinigt sich mit den Elementen. Ceres’ kraftvolle Erscheinung zeigt an, dass die ganze Figur ein Bindeglied zwischen Wiese und Kornfeld, Blüte- und Erntezeit ist. Dieser Verweis auf die Jahreszeiten ist auch der Hinweis auf den ewig wiederkehrenden Rhythmus der Natur, das ständige Wachsen und Werden. So wird das Bild auch zum Symbol der Verbindung von Mensch und Unendlichkeit. Das 19. Jahrhundert brachte das Weibliche in verschiedenen Vorstellungsräumen unter. Zudem ist Schindlers Ceres – das Bild der Frau, auch hier das Bild des Mannes von der Frau – deshalb so einmalig, weil das Bild eine eher untypische Göttin darstellt: Weder ist Ceres ausschließlich vergeistigt, rein und erhaben, noch wird ihre erdenschwere Seite zu dominant. Der Künstler hat sein Geschöpf zur Allegorie der Weiblichkeit und Erotik der Frau an und für sich geformt. Der Maler des Bildes, Osmar Schindler, war ein geschätzter Künstler, der eine Professur an der Kunstakademie in Dresden innehatte. Besonders erwähnenswert ist seine Leitung der Modellierklasse – Gütesiegel seiner besonderen Gabe, dem Betrachter einen haptisch-sinnlichen Zugang zu seinen Werken zu vermitteln. Form und Plastizität einer Figur zu erfassen gelingt ihm im Gemälde der Ceres durch eine theatralische Darstellung von Körperlichkeit, die von ihrer Leuchtkraft, nicht von der Schattierung lebt. Das Bild darf als eines seiner zentralen Hauptwerke gelten. Während aus Schindlers Klasse prominente Künstler wie etwa George Grosz hervorgingen, ließ die Entdeckung seines eigenen Werkes lange auf sich warten. Erst seit 2015, als der Nachlass entdeckt wurde, erfährt es zunehmend die ihm gebührende Aufmerksamkeit. Das Los umfasst zahlreiche Skizzen und Entwürfe – ein seltener Fall, der dazu einlädt, an Schindlers Ideenfindung und dem Entstehungsprozess des Werkes teilhaben zu können. Eine Auswahl von sechs Zeichnungen soll uns die Möglichkeit des Einblicks in Schindlers Arbeitsprozeß gewähren. Minutiös und sensibel widmete er sich der Wiedergabe der Natur und durchdachte die Position und Haltung seiner Ceres genau. Wirkt der Pinselduktus auf dem großen Gemälde beinahe impressionistisch, so sind die Studien selbst stille Zeugen der konzentrierten, realistischen Auffassung und detailgenauen Beschäftigung mit dem Motiv. Die Zeichnungen zu den Pflanzen inszenieren die botanischen Eigenarten einerseits und sind Beleg der Qualität von Schindlers genauer Beobachtungsgabe. Der kreisrund gelegte Ährenkranz ist Referenz an das Attribut der Göttin Ceres in ihrer mythologische Rolle, aber auch Spiel mit Ornament und Form, ganz in der Tradition des Symbolismus. Die Göttin selbst wird vor unserem Betrachterauge erschaffen, und beinahe meint man dem Künstler beim Arbeiten über die Schulter blicken zu dürfen: Ceres in Pastell, Ceres in Tusche, Ceres in Bleistift und Kohle; Schindler bezeugt hier seinen sicheren Umgang mit den verschiedenen Techniken. In kräftigem wie auch fein differenzierten Strich, modelliert er die Figur und verleiht ihr so eine eigentümliche, bildfüllende Präsenz. Die Zeichnungen erlauben es, das große Werk in seiner komplexen Komposition zu begreifen und es zwischen traditioneller Einbettung und Aufbruch in die Modernen einzuordnen. Die fleischlichen Qualitäten der Ceres, ihre Plastizität und Volumen, genauso wie das besondere Einfangen von Licht und die Wiedergabe von Natur, die ein Ideal der Verbindung von Mensch und Natur vermittelt – all das liegt gebündelt im Gemälde und aufgefächert in den Studien vor. Diandra Donecker Osmar Schindler (Burkhardtsdorf 1867 – 1927 Dresden-Wachwitz) „Ceres“ (Demeter). Circa 1900-03 Oil on canvas. 120 × 180 cm ( 47 ¼ × 70 ⅞ in.). With 41 enclosures (15 oil studies, 5 pastels and 21 drawings). Small, repaired tear upper left. The studies partially with handling marks. [3138]
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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Art du XIXe
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05/31/2017
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