Lot no. 220
Osmar Schindler (Burkhardtsdorf 1867 – 1927 Dresden-Wachwitz)
„Siegfried“.
Öl auf Leinwand. 138 × 78 cm ( 54 ⅜ × 30 ¾ in.). Auf dem Keilrahmen oben mit blauem Stift betitelt: Siegfried.
[3213]
Provenienz: Aus dem Nachlass des Künstlers
Hier sehen wir einen Helden aus den nordischen Sagen nach vollbrachter Tat. Und was ihn offenbar gerade besonders berührt, ist Fassungslosigkeit. Der Unglaube, dass er es tatsächlich gewesen sein könnte, der den Drachen Fafner tötete, versetzt ihn in grenzenloses Erstaunen - nur so ist die auf den ersten Blick etwas seltsam wirkende Geste zu erklären, mit der er sich mit der rechten Hand an den linken Arm fasst.
Dieser junge Mann, dessen athletischem Körper Osmar Schindler bei der Ausführung seines Gemäldes größte Aufmerksamkeit schenkte, hat in der Überlieferung viele Namen. Im Epos „Fáfnismál“ der altisländischen Liederedda und in der ebenfalls isländischen „Völsunga saga“ heißt er Sigurd. Im mittelhochdeutschen Nibelungenlied, von dem man annimmt, dass es um das Jahr 1200 in der Gegend von Passau erstmals schriftlich niedergelegt wurde, wird er Siegfried genannt. Und natürlich kannte Osmar Schindler, an der Dresdner Kunstakademie zunächst umfassend ausgebildet und dann ab 1902 selbst zum Professor berufen, diese Sagen ganz genau. Obwohl sein Gemälde in erster Linie eine mit viel Freude am jugendlich-muskulösen Modell ausgeführte Aktdarstellung zu sein scheint, lässt sich der erzählerische Moment, den Schindler eben auch schildert, in den Vorlagen ziemlich genau bestimmen.
Den Mythologien nach liegt Fafnir oder Fafner, wie er sich im Nibelungenlied nennt (was übersetzt so viel bedeutet wie „Der Umarmer“ oder „Der Greif“), vom Schwert des ihm unbekannten jungen Helden tödlich getroffen im Sterben als auch ihn Ungläubigkeit befällt - und er Siegfried mit letzter Kraft fragt, wer er sei, dass er es wage, einem eigentlich unbezwingbaren Gegner wie ihm, dem Hüter des Nibelungenschatzes, entgegenzutreten. In dieser Parallelität der malerischen Ereignisse liegt zu einem nicht unerheblichen Teil der Reiz dieses Bildes: Da ist zum einen der Held in seiner strahlenden Jugendlichkeit, dessen sinnlich ausgestalteter, vollständig nackter Körper die Leinwand schon allein zur Gänze auszufüllen scheint.
Osmar Schindler wandte sich in der Zeit nach der Jahrhundertwende dem Jugendstil zu, und alles an diesem Gemälde - die Komposition, die Umrisslinien, die starken Hell-Dunkel-Kontraste - liefert Indizien, die in diese Richtung weisen. Da ist zum anderen aber auch die Texttreue, mit der sich der Maler seiner Schöpfung näherte. Die Lust an der ornamentalen Ausgestaltung, die sich mit einer festen Verankerung in der Tradition in einem Bild vereint - darin liegt die besondere Qualität von Osmar Schindlers „Siegfried“. (Ulrich Clewing)
Osmar Schindler (Burkhardtsdorf 1867 – 1927 Dresden-Wachwitz)
„Siegfried“.
Oil on canvas. 138 × 78 cm ( 54 ⅜ × 30 ¾ in.). Titled with blue pen on the upper stretcher bar: Siegfried.
[3213]
Provenienz: From the estate of the artist
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
About the sale