Lot no. 214
Otto Dix (Gera-Untermhaus 1891 – 1969 Singen)
„Frau Dix“ („Mutzli“) / Selbstbildnis. 1923
Aquarell, Deckweiß und Bleistift auf Papier. 58,3 × 48,3 cm ( 23 × 19 in.). Unten links signiert: DIX. Rückseitig bezeichnet: Mutzli. Oben rechts mit dem Stempel in Violett der Galerie Nierendorf, Köln.
Pfäffle 1923/94.–
Rückseitig: Verworfenes Selbstbildnis des Künstlers in Ganzfigur. Bleistift. [3409]
Provenienz: Privatsammlung, Süddeutschland (bis 2014)
Ausstellung: Otto Dix. Handzeichnungen. Stuttgart, Galerie Valentien, 1973, Kat.-Nr. 1, Abbildung auf dem Titel
Literatur und Abbildung: Auktion 233: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 28. November 2014, Kat.-Nr. 485
Eine Sonderstellung im Dix-Werk nehmen die Portraits seiner Frau Martha, genannt Mutzli, ein. Sämtlich – ausgenommen eine ‚Nachzügler-Zeichnung’ aus dem Jahre 1933 - zwischen 1921 und 1929 entstanden, sind sie bis auf wenige Ausnahmen eher spontane Augenblicksaufnahmen aus dem gemeinsamen Leben denn sorgfältig geplante künstlerische Vorhaben. Insofern sind sie gleichsam Protokolle einer ein knappes Jahrzehnt dauernden Liebesbeziehung, die nach und nach erkaltete. Unsere aquarellierte Zeichnung fällt insofern aus dem Rahmen, als Dix Gesicht und Körperpartie seiner Frau später nochmals überarbeitet, mithin veredelt hat und dieses nicht ohne ein gewisses Gaudium. Aus ihren Zügen spricht freche Unternehmungslust, die Dix noch unterstreicht, indem er ihr Auge ins Katzenhafte umformt. Die Zeichnung stammt aus dem Jahre 1923, fällt also in die wilde Düsseldorfer Zeit des „Jungen Rheinland“.
Wir erinnern uns: Bereits im Sommer 1920 hatte Dix eine erste Sendung mit Radierungen an die Galerie Ey in Düsseldorf geschickt. Während seines ersten dortigen Besuchs im Oktober 1921 festigt sich sein schon in Dresden geknüpfter Kontakt zu dem Sammler Dr. Hans Koch, bei dem er auch seine spätere Frau Martha Koch geb. Lindner kennenlernt, deren Ehe mit Hans Koch damals praktisch schon gescheitert war. Bereits mit ihr kehrt Dix nach Dresden zurück. Das folgende Jahr 1922 bedeutet für Dix einen großen Einschnitt: Über einen Alleinvertretungsvertrag mit der Berliner Galerie Karl Nierendorf vermag er sich endgültig am Kunstmarkt zu etablieren und im Oktober zieht er nach Düsseldorf um, um an der dortigen Akademie weiter zu studieren. Er wird Mitglied in der Künstlergruppe „Das Junge Rheinland“, deren hervorstechendste Künstlerpersönlichkeit Gert Wollheim in der Akademie sein Ateliernachbar wird. Noch im selben Jahr tauchte Hans Koch dort auf, fragte nach Otto Dix und verschwand in dessen Atelier. Das daraufhin dort einsetzende laute Gebrüll war offenbar unüberhörbar, auch für Gert Wollheim. Nachdem Koch wieder gegangen war, schaute Dix bei Wollheim im Atelier vorbei. Auf dessen Frage, was denn um Gottes Willen gewesen sei, kam von Dix die kurze Antwort: „Heiraten muss ich se.“ Im Februar 1923 war es dann so weit. Dix und Martha waren jetzt nicht nur ein Paar, sondern ein Ehepaar. Kurz nach diesem Ereignis entstand unsere aquarellierte Zeichnung.
Der Mann ist für Dix der naturgegebene Gegenspieler zum Weibe. Als solchen generiert auch er sich im Selbstbildnis: Kinn und Unterlippe willensstark nach vorn geschoben, darüber der sezierende Blick aus zusammengekniffenen Augen. In Anlehnung an Nietzsches „Übermenschen“ inszeniert er sich als vom übrigen Geschehen abgehobener, analysierender, kritische Distanz wahrender Typus. Die uns vorliegende Selbstbildnis-Zeichnung von 1923 ist dazu der Prototyp und insofern bedeutsam.
Trotz ihrer offensichtlichen Gültigkeit in der Portrait-Auffassung hat Dix die Zeichnung verworfen. Warum? Zwei Gründe scheinen hier ausschlaggebend: Zum Einen steht die Zeichnung proportional falsch im Bild und lässt deshalb keine ausgewogene Komposition mehr zu, zum Andern wirkt der Kopf auf der Zeichnung etwas kantig und gedrungen, während er auf den Gemälden deutlich ovaler und schlanker, mithin eleganter daherkommt, was dem eitlen Otto Dix sicherlich mehr entsprach.
Reiner Beck, Coswig-Sörnewitz
Otto Dix (Gera-Untermhaus 1891 – 1969 Singen)
„Frau Dix“ („Mutzli“) / Selbstbildnis. 1923
Watercolour, opaque white and pencil on paper. 58,3 × 48,3 cm ( 23 × 19 in.). Signed lower left: DIX. Inscribed on the reverse: Mutzli. Stamp of Galerie Nierendorf, Cologne in violet on the upper right.
Pfäffle 1923/94.–
On the reverse: discarded self portrait of the artist in full-figure. Pencil. [3409]
Provenienz: Private Collection, Southern Germany (until 2014)
Ausstellung: Otto Dix. Handzeichnungen. Stuttgart, Galerie Valentien, 1973, cat. no. 1, illustration on the cover
Literatur und Abbildung: Auction 233: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 28 November 2014, cat. no. 485
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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