Lot no. 559
Pablo Picasso (Málaga 1881 – 1973 Mougins)
„Taureau“. 1955
Krug, weißer Ton, unglasiert, mit Engobenbemalung und Messergravur. Höhe: 30,5 cm ( 12 in.). Auf der Standfläche beschriftet: EDITION PICASSO [Expl.-Nr.] MADOURA. Dort auch die beiden Stempel EDITION PICASSO und MADOURA PLEIN FEU.
Ramié 255.–
Eines von 100 nummerierten Exemplaren. Edition Madoura, Vallauris. [3026]
Provenienz: Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen
Selten kann man den Beginn einer neuen Schaffensphase so exakt datieren wie bei Picasso und seiner Keramik. Am 28. Juli 1946, einem Sonntag, besuchte der Künstler eine Ausstellung der Töpfergenossenschaft von Vallauris in der Coopérative Agricole Nérolium. Was er dort zu sehen bekam, muss ihn enorm beeindruckt haben. Schon am Tag darauf formte er im Atelier von Bekannten selbst seine ersten drei Plastiken aus Ton.
Von da an war er regelmäßig zu Gast in der Werkstatt von Suzanne und Georges Ramié. Und die Verbindung zu den beiden Madoura-Gründern wurde noch intensiver, nachdem er in die Villa La Galloise in der Nähe von Vallauris gezogen war. Die Ramiés unterwiesen ihn in den Mysterien des Materials, und Picasso revanchierte sich mit überbordendem Einfallsreichtum und leidenschaftlicher Produktivität.
Bis zu seinem Lebensende fertigte er an die 4000 Unikate. Mehr als 600 davon wurden von ihm für Editionen ausgewählt, zu Auflagen zwischen 25 und 500 Exemplaren. Picasso betrachtete die Keramik nicht als Werkstoff zweiter Klasse. Darin ihm adäquaten Ausdruck zu finden, betrieb er mit dem gleichen Ernst, mit dem er malte und Skulpturen schuf. Er schätzte die Wirkung des Materials, aber an reiner Dekoration war ihm nicht gelegen.
Auch bei unserem Exemplar, dem „Taureau“, bildeten Form und Inhalt von Anfang an eine untrennbare Einheit. Der Idee, einen Stier darzustellen, verdankt das Gefäß den bauchigen Umriss, so wie umgekehrt der Ton es dem Künstler ermöglichte, zu dessen Bemalung ein zusätzliches Gestaltungselement, die Ritzung, hinzuzufügen. Bei der Bemalung zeigt sich Picasso, fast möchte man sagen: wie immer, als Virtuose der Vergegenwärtigung. Mit stupender Sicherheit und bewundernswertem psychologischen Einfühlungsvermögen gelingt es ihm, Farbe und Ton die Wucht und Angriffslust der Kreatur einzuschreiben. Der Stier als Motiv hatte Picasso bekanntlich bereits seit Mitte der Dreißigerjahre über alle Maßen fasziniert, in seinen späten Radierungen sah er in ihm gar sein Selbstporträt, den Stellvertreter und Platzhalter.
Dass dieses Sujet für ihn nicht nur zentrale Bedeutung hatte, sondern er überdies das Arbeiten in Ton seiner Malerei und Bildhauerei als ebenbürtig erachtete, auch das lässt sich an unserem „Taureau“ von 1955 leicht erkennen. Denn ähnlich wie seine Gemälde und Skulpturen aus der Zeit weist diese Keramik bereits ein entscheidendes Merkmal seines damals einsetzenden Spätwerkes auf: Picasso ist hier offensichtlich auf dem besten Weg, sich zum Meister der formalen Verknappung zu entwickeln. Es sind nur wenige Linien, Nuancen eigentlich, die ihm genügen, um dem Stier mit seinem gesenkten Haupt auf fast beunruhigende Art Leben einzuhauchen. UC
Pablo Picasso (Málaga 1881 – 1973 Mougins)
„Taureau“. 1955
Jug, white clay, unglazed, with engobe decoration and knife engraving. Height: 30,5 cm ( 12 in.). On the platform inscribed: EDITION PICASSO [Expl.-no.] MADOURA. There too the two stamps edition PICASSO and MADOURA PLEIN FEU.
Ramié 255.–
One of 100 numbered copies. Edition Madoura, Vallauris. [3026]
Provenienz: Private collection, North Rhine-Westphalia
Pictures credits: Contact organization
Ceramics, pottery and earthenware
About the sale