Lot no. 231
Paul Klee (Münchenbuchsee 1879 – 1940 Muralto/Locarno)
„Dein Ahn?“. 1933
Kleisterfarbe auf Papier, vom Künstler auf Karton aufgelegt. 48,4 × 35,3 cm (58,8 × 42,6 cm) ( 19 × 13 ⅞ in. (23 ⅛ × 16 ¾ in.)). Unten links signiert: Klee. Unterhalb der Darstellung auf dem Unterlagekarton mit Tuschfeder in Braun datiert, bezeichnet und betitelt: 1933 Y 16 dein ahn?.
Paul-Klee-Stiftung 6322.–
[3889]
Provenienz: Hans und Erika Meyer-Benteli, Bern (bis 1956) / Berggruen & Cie, Paris (1956-1959) / James Wise, Genf, New York und Nizza (1959-1970) / Galerie Nierendorf, Berlin (1970) / Sammlung Hermann, La Paz / Privatsammlung, Zürich
Ausstellung: 1920 – 1970, Fünfzig Jahre Galerie Nierendorf. Rückblick, Dokumentation, Jubiläumsausstellung. Berlin, Galerie Nierendorf, 1970, Kat.-Nr. 17, Abbildung S. 42 / Paul Klee 1933. München, Städtische Galerie im Lenbachhaus, Bern, Kunstmuseum, Frankfurt a.M., Schirn, und Hamburger Kunsthalle, 2003/04, S. 320, Abbildung S. 250
Literatur und Abbildung: Auktion: Galerie Motte, Genf, 28. Juni 1969, Kat.-Nr. 354, mit Abbildung / Auktion 137: Kornfeld und Klipstein, Bern, Auktion 137, 18. Juni 1970, Kat.-Nr. 678, Abb. Tafel 60 / Auktion 117: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 11. Juni 2004, Kat.-Nr. 51 / Daniel Kehlmann: Der Affe der Geschichte. In: Grisebach – Das Journal, Ausgabe 8/2018, S. 36-38, Abbildung S. 37 und 39
Wer ist er? Aus welcher zeitlichen Tiefe stammt er, und was mag er sehen, wenn er mich ansieht? Ich frage mich, wer er ist, aber je länger ich ihn betrachte, desto fraglicher wird mir, wer denn eigentlich ich bin, der ich doch von ihm abstamme und so frech die Gegenwart in Anspruch nehme, die einst seine war.
Er ist wahrscheinlich ein Affe, noch, oder schon ein Frühmensch. Der Gedanke drängt sich allein schon deshalb auf, weil er haarig ist. Ein Affe müsste aber auch am Baum hängen oder auf dem Boden hocken, und schon das trifft auf ihn nicht mehr zu, denn er sitzt durchaus gesittet da, und er blickt wach, spöttisch und aufmerksam, durchaus modern. Zwar hat er seine Zähne gebleckt, aber keineswegs zum Angriff. Sein Lachen ist das eines wachen Geistes. Er verkörpert beide Stufen: Haarig ist er wie ein Affe, aber er scheint zu denken wie einer von uns.
Wir blicken ihn also an, den Ahnen, und in ihm sehen wir, was einst war, und zugleich auch, was jetzt ist, wir sehen Anfangs- und Endpunkt einer Entwicklung, die sich über Jahrmillionen erstreckt hat. Und vielleicht dachte Klee ja auch an Nietzsches Zarathustra: „Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.“ Klees Bild dreht diese Zeilen auf hinterlistige Weise um. Hier lacht nicht der Mensch beschämt über den Affen (oder der Übermensch über den Menschen), sondern hier lacht der Affe den Menschen aus, und ein Übermensch ist nirgendwo in Sicht. Und es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass dieser lachende Kerl so schwarz-rot-golden schimmert. Das Bild entstand 1933, und sein Spott ist wohl auch einer über jene, die sich gern auf die deutschen Ahnen beriefen. Allerdings ist unser wahrer Ahnherr eben nicht irgendein blonder Krieger alten und reinen Blutes, sondern ein haariger Geselle in einer Höhle.
Wer aber dieser Ahn ist, vermag man nicht recht zu beantworten. Man begreift auch kaum, was Klee mit dem Fragezeichen hinter dem Titel ausdrücken wollte – das Bild heißt ja nicht „Dein Ahn“, sondern „Dein Ahn?“, als wollte es fragen: Stimmt das wirklich, ist er das ohne Zweifel? Wer möchte, könnte in ihm ja auch das Gegenstück zu einer anderen eschatologischen Figur Klees sehen, nämlich jenem Engel, über den Walter Benjamin seine schönste Prosaminiatur schrieb. Den Angelus Novus weht es laut Benjamin vom Garten Eden her in die Zukunft – mit ausgebreiteten Flügeln starrt er voll machtlosem Entsetzen auf die Leichenhaufen der Menschheitsgeschichte. Auch der Ahn blickt aus ferner Vergangenheit herüber. Aber er tut es mit weitem, zahngelbem Grinsen. Ihn entsetzt nichts. Er sieht uns klar, und er ist nicht beeindruckt – denn wir sind noch er. Im Laufe eines langen, unendlich mühevollen Zivilisationsprozesses sind wir nur geworden, was er doch immer schon gewesen ist. Keinen Schritt haben wir uns von ihm entfernt. Der Engel der Geschichte wäre fassungslos. Der Affe der Geschichte aber kann darüber lachen.
Daniel Kehlmann, New York und Berlin
Paul Klee (Münchenbuchsee 1879 – 1940 Muralto/Locarno)
„Dein Ahn?“. 1933
Distemper on paper, laid down on cardboard by the artist. 48,4 × 35,3 cm (58,8 × 42,6 cm) ( 19 × 13 ⅞ in. (23 ⅛ × 16 ¾ in.)). Signed lower left: Klee. Dated, inscribed and titled with pen and brown India ink below the image on the cardboard mount: 1933 Y 16 dein ahn?.
Paul-Klee-Stiftung 6322.–
[3889]
Provenienz: Hans and Erika Meyer-Benteli, Bern (until 1956) / Berggruen & Cie, Paris (1956-1959) / James Wise, Geneva, New York and Nice (1959-1970) / Galerie Nierendorf, Berlin (1970) / Hermann Collection, La Paz / Private Collection, Zurich
Ausstellung: 1920 – 1970, Fünfzig Jahre Galerie Nierendorf. Rückblick, Dokumentation, Jubiläumsausstellung. Berlin, Galerie Nierendorf, 1970, cat. no. 17, Illustration p. 42 / Paul Klee 1933. Munich, Städtische Galerie im Lenbachhaus, Bern, Kunstmuseum, Frankfurt a.M., Schirn, and Hamburger Kunsthalle, 2003/04, p. 320, Illustration p. 250
Literatur und Abbildung: Auction: Galerie Motte, Geneva, 28 June 1969, cat. no. 354, with illustration / Auction 137: Kornfeld and Klipstein, Bern, Auction 137, 18 June 1970, cat. no. 678, Illustration Plate 60 / Auction 117: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 11 June 2004, cat. no. 51 / Daniel Kehlmann: Der Affe der Geschichte. In: Grisebach – Das Journal, Edition 8/2018, p. 36-38, Illustration p. 37 and 39
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