Lot no. 4
Paula Modersohn-Becker (1876 Dresden – 1907 Worpswede)
„Selbstbildnis“. 1904/05
Kohle auf Bütten. 21,7 × 17,9 cm ( 8 ½ × 7 in.). Unten links von fremder Hand monogrammiert (ligiert im Oval): PB. Rückseitig unten mit Bleistift beschriftet: 287.
Die Arbeit wird aufgenommen in das Werkverzeichnis der Handzeichnungen der Künstlerin von Anne Röver-Kann und Wolfgang Werner, Bremen (in Vorbereitung).–
Stellenweise, z.B. an den Augen und am Mund, wohl von fremder Hand überarbeitet. Die Ecke unten links wieder angesetzt. [3630]
Provenienz: Privatsammlung, Norddeutschland
Literatur und Abbildung: 103. Auktion: Wertvolle Bücher, Manuskripte und Autographen, alte und moderne Kunst, Dekorative Graphik, Gemälde, Nautica. Hamburg, F. Dörling, 9.–12.12.1981, Kat.-Nr. 5984, Abb. Taf. 46
„Es ist meine Erfahrung“, so heißt es in einem berühmten Tagebucheintrag Paula Modersohn-Beckers vom April 1902, „daß die Ehe nicht glücklicher macht. Sie nimmt die Illusion, die vorher das ganze Wesen trug, daß es eine Schwesterseele gäbe“. Damals war die Malerin gerade seit einem Jahr mit Otto Modersohn verheiratet, den sie wohl durchaus schätzte. Aber sie haderte aus verschiedenen Gründen mit ihrer Situation: Anstatt sich in ihrem geliebten Paris von der zeitgenössischen Kunst anregen zu lassen, saß sie in Worpswede fest, umgeben von Freunden, aber eben auch von ländlicher Ödnis. Außerdem verabscheute sie die Hausarbeit, die ihr Mann offenkundig von ihr erwartete, obgleich er stets ihr malerisches Vermögen pries. In ihrem Tagebuch schreibt Modersohn-Becker weiter: „Man fühlt in der Ehe doppelt das Unverstandensein, weil das ganze frühere Leben darauf hinausging, ein Wesen zu finden, das versteht. [...] Dies schreibe ich in mein Küchenhaushaltebuch am Ostersonntag 1902, sitze in meiner Küche und koche Kalbsbraten.“
Das vorliegende Selbstbildnis der Künstlerin entstand gut zwei Jahre, nachdem sie ihrem Ärger über ihre Lage Luft gemacht hatte. In diesen beiden Jahren war sie zweimal in Paris gewesen: Das erste Mal blieb sie für zwei Monate dort und verbrachte viel Zeit mit Rainer Maria Rilke und seiner Frau, ihrer Freundin, der Malerin Clara Rilke-Westhoff. Das zweite Mal, im Februar 1905, reiste sie in Begleitung ihrer Schwester, nahm Unterricht in privaten Malschulen und traf sich mit Maurice Denis und anderen Künstlern der Nabis. Dabei wurde ihr klar, daß sie weiterer Unterweisungen nicht mehr bedurfte. Daß sie mit der Einschätzung richtig lag, zeigt unsere Zeichnung. Mit wenigen Strichen gibt sie hier ihrer Physiognomie Kontur. Und auch psychologisch gesehen ist es ein reifes Werk der damals 28 Jahre alten Künstlerin, die es meisterhaft versteht, ihre Neigung zu Kritik und Selbstkritik zurückhaltend, aber hinreichend deutlich auszudrücken. UC
Paula Modersohn-Becker (1876 Dresden – 1907 Worpswede)
„Selbstbildnis“. 1904/05
Charcoal on laid paper. 21,7 × 17,9 cm ( 8 ½ × 7 in.). Monogrammed by another hand lower left (joined in an oval): PB. On the reverse at the bottom inscribed in pencil: 287.
The work will be included in the catalogue raisonné of the drawings of the artist by Anne Röver-Kann and Wolfgang Werner, Bremen (in preparation).–
Reworked in places, for example around the eyes and the mouth, presumably by another hand. The lower left corner reattached. [3630]
Provenienz: Private collection, northern Germany
Literatur und Abbildung: 103. Auktion: Wertvolle Bücher, Manuskripte und Autographen, alte und moderne Kunst, Dekorative Graphik, Gemälde, Nautica. Hamburg, F. Dörling, 9.–12.12.1981, cat. no. 5984, ill. pl. 46
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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