Lot no. 144
Philipp Otto Runge (Wolgast 1777 – 1810 Hamburg)
„Die Heiligen Drei Könige“. 1805
Feder in Schwarz über Feder und Pinsel in Grau auf Papier. 11,2 × 17,9 cm ( 4 ⅜ × 7 in.).
Werkverzeichnis: Traeger 315.–
Zeichnung und Text für das Stammbuch von Dr. Franz Jacob Schuback in Hamburg. [3133]
Provenienz: Nachlass des Künstlers (bis 1938) / Ernst Henke, Essen (erworben 1938 auf der Auktion bei Boerner, bis 1974, seitdem in Familienbesitz)
Literatur und Abbildung: Philipp Otto Runge: Hinterlassene Schriften. Herausgegeben von dessen ältestem Bruder [Johann Daniel Runge]. Hamburg, Friedrich Perthes, 1840/41, hier Bd. I, S. 249 / Georg Kaspar Nagler: Neues allgemeines Künstler-Lexicon. 22 Bde. München 1835-1852, hier Bd. XIV, 1845, S. 51 / Ludwig Giesebrecht: Philipp Otto Runge, der Mahler. In: Damaris. Eine Zeitschrift, Stettin, Jg. 1, 1860, S. 139 / Otto Böttcher: Philipp Otto Runge. Sein Leben, Wirken und Schaffen. Hamburg, Friederichsen, de Gruyter & Co, 1937, S. 293 / Versteigerungskatalog 199: Deutsche Handzeichnungen der Romantikerzeit, dabei ein Teil des Nachlasses von Ph. O. Runge aus dem Besitze der Familie. [...]. Leipzig, C. G. Boerner, 25.5.1938, Kat.-Nr. 104, Abb. Tf. IX / Karl Friedrich Degner (Hg.): Philipp Otto Runge. Briefe in der Urfassung. Berlin, Nicolai, 1940 (= Bekenntnisse deutscher Kunst, Bd. 1), S. 328, Anm. 326 / Alfred R. Neumann: Philipp Otto Runge and music. In: The Germanic Review, 27, 1952, S. 165-172, hier S. 171
Auf dem zugehörigen Beiblatt mit Feder in Schwarz bezeichnet: Und siehe, der Stern den sie im Morgenlande / gesehn hatten, ging vor ihnen hin, / bis daß er kam, – Matth 2 - V. 9 – / So verschieden unsre Wege sein mögen so führen sie uns gewiß, / wenn wir diese Leuchte des Herrn vor Augen haben, mit Gottes Hilfe / alle tröstlich zusammen. / Erhalte mir Deine Freundschaft und zweifle nicht an / meiner Redlichkeit. / Dein Phil. Otto Runge. / Hamburg d 25 Jul: 1805.
Das vorliegende Ensemble von Zeichnung und Autograf des wohl bedeutendsten Künstlers der deutschen Frühromantik bietet uns einen intimen Einblick in das feine Gespinst von Freundschaft, Künstlertum und Glauben um 1800. Die Zeichnung ist ein Stammbuchblatt, das wie üblich von einem kurzen Text begleitet wird. In diesem spricht der Evangelist Matthäus einerseits, ihm antwortet der Maler Runge andererseits. Der Dritte im Bunde, der eigentliche Adressat, war der Philanthrop Franz Jacob Schuback (1774–1830), der um 1805, wie auch Friedrich Perthes (Los 143), zu Runges engerem Hamburger Freundeskreis gehörte. Man muss diese biografischen Zusammenhänge zunächst nicht kennen, um die Zeichnung zu verstehen. Denn sie zeigt ein bekanntes Motiv der Christusgeschichte, den Zug der Heiligen Drei Könige nach Bethlehem, die von einem hellen Stern zu demjenigen Stall geleitet werden, in dem der Messias geboren wurde. Jeder, um 1800 wie heute, hat dies oft gesehen. In Runges Werk aber steht das Blatt mit dem zeitgleichen Gemäldeprojekt der „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ für die Greifswalder Marienkirche (Hamburger Kunsthalle) in engstem Zusammenhang. Nach dem Zyklus der „Zeiten“ (Los 142) wandte sich Runge verstärkt der christlichen Bildwelt zu und verbarg seine Vorstellungen von Werden und Vergehen, von Licht und Dunkel, von Lebens- und Weltzeit oft hinter biblischen Themen. Der genaue Blick enthüllt den „ganzen“ Runge auch auf unserem Blatt. Der Stern von Bethlehem ist Stern und Engel zugleich; ein Lichtgenius, wie er schon auf den „Zeiten“ erscheint, trägt den Stern wie eine Fackel über das Firmament. Christliche und antike Vorstellungen von der Belebung des Kosmos verschmelzen bei Runge immer wieder, und so auch auf diesem Blatt. Der Spruch des Stammbuches nun münzt dies alles auf den Adressaten Franz Jacob Schuback. Um 1805 wandelte sich dieser, nach einer Karriere im Kaufmannsberuf, zunehmend zum theologischen Privatgelehrten und wurde später Präses der Hamburgisch-Altonaer Bibelgesellschaft. Er wurde 1807 in Theologie promoviert und versuchte in seinen Schriften, die historische Begründung der Offenbarung und die Überlegenheit des Protestantismus zu beweisen. Runges Spruch, das eigentliche Freundschaftsbekenntnis, betont hier sehr direkt die Verschiedenheit der beiden Freunde. Suchte der eine, Schuback, die Offenbarung in der Weisheit der Bibel, so suchte der andere, Runge, sie in den Formen und Erscheinungen der Natur, die er mit wissenschaftlicher Akribie verstehen wollte, um zu einer neuen Kunst als pantheistischem Credo zu gelangen. Runge schließt versöhnlich: Allein der Glaube an den Herrn führe zur Erlösung und eröffne die Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits. Spielerisch geistvoll und bedeutend ernsthaft zugleich zu sein, das ist Runges Genie gewesen, das schon Goethe angesichts der „Zeiten“ gegenüber Sulpiz Boisserée äußern ließ: „Da, sehen Sie einmal, was das für Zeug ist! Zum Rasendwerden, schön und toll zugleich. – Da, sehen Sie nur, was für Teufelszeug ...“ Das vorliegende Ensemble bringt Kerngedanken der Romantik wie Freundschaft, Glaube und bürgerliche Aufrichtigkeit („Redlichkeit“) in einen bildtextlichen Zusammenhang. Was für ein Schatz!
Michael Thimann
Philipp Otto Runge (Wolgast 1777 – 1810 Hamburg)
“Die Heiligen Drei Könige“. 1805
Pen and black ink over pen and brush in grey on paper. 11,2 × 17,9 cm ( 4 ⅜ × 7 in.).
Catalogue raisonné: Traeger 315.–
Drawing and text for the "Stammbuch" of Dr. Franz Jacob Schuback in Hamburg. [3133]
Provenienz: Estate of the artist (until 1938) / Ernst Henke, Essen (acquired 1938 at the Boerner auction, until 1974, thence by descent to the present owner)
Literatur und Abbildung: Philipp Otto Runge: Hinterlassene Schriften. Herausgegeben von dessen ältestem Bruder [Johann Daniel Runge]. Hamburg, Friedrich Perthes, 1840/41, here vol. I, p. 249 / Georg Kaspar Nagler: Neues allgemeines Künstler-Lexicon. 22 vols. Munich 1835-1852, here vol. XIV, 1845, p. 51 / Ludwig Giesebrecht: Philipp Otto Runge, der Mahler. In: Damaris. Eine Zeitschrift, Stettin, vol.1, 1860, p. 139 / Otto Böttcher: Philipp Otto Runge. Sein Leben, Wirken und Schaffen. Hamburg, Friederichsen, de Gruyter & Co, 1937, p. 293 / Auction catalogue 199: Deutsche Handzeichnungen der Romantikerzeit, dabei ein Teil des Nachlasses von Ph. O. Runge aus dem Besitze der Familie. [...]. Leipzig, C. G. Boerner, 25.5.1938, cat. no. 104, ill. pl. IX / Karl Friedrich Degner (ed.): Philipp Otto Runge. Briefe in der Urfassung. Berlin, Nicolai, 1940 (= Bekenntnisse deutscher Kunst, vol. 1), p. 328, fn. 326 / Alfred R. Neumann: Philipp Otto Runge and music. In: The Germanic Review, 27, 1952, p. 165-172, here p. 171
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