Lot no. 221
Pierre Olivier Joseph Coomans (Brüssel 1816 – 1889 Boulogne-sur-Seine (Boulogne-Billancourt)) Liebesgeheimnis. 1857 Öl auf Leinwand. 125 × 105,5 cm ( 49 ¼ × 41 ½ in.). Unten links signiert und datiert: Joseph Coomans 1857. Kleine Retuschen. [3244] Provenienz: Privatsammlung, Deutschland (1983 bei Neumeister erworben) Literatur und Abbildung: Auktion 217: Fayence, Glas, Möbel, Skulpturen, Gemälde, Graphik, Bücher. München, Neumeister, 14./15.9.1983, Kat.-Nr. 1093, Abb. Tf. 178 Der Schriftsteller Théophile Gautier, einer der Hauptakteure der Pariser Boheme, schrieb für die Zeitschrift „L Artiste“ im Januar 1858, also ziemlich genau zu der Zeit, in der unser Bild entstand, über seine Eindrücke beim Flanieren durch das Pariser Opernviertel: „Die Rue Laffitte ist eine Art ständiger Salon, eine Ausstellung für moderne Malerei, die das ganze Jahr geöffnet ist“. In dem Quartier, das 1875 mit der prachtvollen Opéra Garnier den damals größten Theaterbau der Welt feiern sollte, sprossen Galerien für moderne Kunst wie Pilze aus dem Boden. Allein in der Rue Laffitte würden fünf, sechs Boutiquen hinter verglasten Schaufenstern Werke von Delacroix, Ingres, Marilhat, Salvatore Rosa und zahllosen weiteren Künstlern präsentieren. Und dies sei nur das, was diese eine Straße den Passanten an nur einem Tag offerierte, so Gautier. Schon am nächsten Morgen würden neue Werke jene vom Vortag ersetzen! Mehr denn je ging es um Aufmerksamkeit, um in der Masse des Dargebotenen nicht zu verschwinden. Die jährlichen Salon-Ausstellungen, wo die Bilder an meist dunklen Wänden sieben bis achtreihig, Rahmen an Rahmen, bis unter die Decke hingen, hatten die Künstler eine solche Lektion gelehrt. Aus der ganzen Welt strömten sie nach Paris, jene Stadt, die Jules Montigny damals als das Zentrum des Mittelpunktes des Universums bezeichnete: „alles außerhalb ist Nachahmung - hier ist das Model!“ Die Modellhaftigkeit von Paris zeigte sich nicht zuletzt in ihren großstädtischen Parallelwelten. Scharen der elegantesten Damen und Herren präsentierten sich auf den Boulevards und den gasbeleuchteten abendlichen Kolonnaden des berühmten Palais Royal, dem „Feenschloß“, mit seinen fast 350 Läden, unzähligen Cafés, Restaurants, Theatern und Spielhäusern. In den Stunden bis Mitternacht wurde dieser magische Ort selbst zur rauschenden Theaterbühne: Dann schwirrten die „Damen der Wollust mit Schmetterlingseitelkeit“ herum, „meist zwei und zwei, oft auch in Begleitung einer Bonne, die meisten sehr schön, witzig, belesen, lebhaft und einschmeichelnd. Wissen äußeren Anstand zu heucheln, so dass der junge, lüsterne, reiche Fremdling leicht in ihre Netze fällt“. Pariser Demimonde-Fantasien beflügelten Künstler wie Betrachter und mischten sich mit Erlebnissen und Schlagzeilen von Exkursionen in exotisch ferne Länder und archäologischen Entdeckungen alter Kulturen. Eine der wichtigsten Ausgrabungsstätten war das antike Pompeji, wo nach und nach (auch) alte Paläste mit eindeutig zweideutigen Wandmalereien freigelegt wurden. Die antiken Fresken schienen lustvolle Darstellungen nackter Körper kulturhistorisch zu legitimieren und moderne Interpretationen salonfähig zu machen. Künstler wie Couture, Gérôme, Bougouereau, die dem akademischen Realismus zugerechnet werden, schufen malerische Bravourstücke, die sie weltweit berühmt machten. Damals wie heute verführt ihre Malerei mit reizvollen Themen und einem atemberaubenden malerischen wie kompositorischen Können, dessen Lichtführung und Regie oft kaum zufällig ans zeitgenössische Theater erinnern. „Die Kameliendame“, die Alexandre Dumas 1852 auf die Bühne brachte, war in aller Munde. Nur ein Jahr später hatte Guiseppe Verdi der erotisch-tragischen Liebesgeschichte zwischen einem noblen Bourgeois und einer Pariser Kurtisane mit der Oper „La Traviata“ ein musikalisches Denkmal gesetzt. Der Belgier Pierre Joseph Coomans ist genau in diesem aufregenden Paris um die Jahrhundertmitte zu verorten, das sich mit selbstbewussten Schritten in Richtung Moderne aufmachte. In Brüssel aufgewachsen hatte er in Antwerpen bei den Historienmalern Nicaise de Keyser und Gustave Wappers Malerei studiert. Auch er kam in die Seine-Metropole, um zu bleiben – unterbrochen von Reisen nach Italien, Griechenland und die Türkei, ja sogar bis nach Algerien. Später reiste er auch in die USA, wo seine Kunst große Wertschätzung erfuhr, weshalb seine Werke dort noch heute in vielen bedeutenden Sammlungen vertreten sind. 1857, in jenem Jahr, in dem Coomans unser Bild malte, hatte er Pompeji besucht und zu der verführerischen Malerei gefunden, die ihn berühmt machte. (Anna Ahrens) Pierre Olivier Joseph Coomans (Brussels 1816 – 1889 Boulogne-sur-Seine (Boulogne-Billancourt)) Liebesgeheimnis. 1857 Oil on canvas. 125 × 105,5 cm ( 49 ¼ × 41 ½ in.). Signed and dated lower left: Joseph Coomans 1857. Minor retouchings. [3244] Provenienz: Private Collection, Germany (1983 acquired at Neumeister) Literatur und Abbildung: Auction 217: Fayence, Glas, Möbel, Skulpturen, Gemälde, Graphik, Bücher. Munich, Neumeister, 14./15.9.1983, cat. no. 1093, ill. pl. 178
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05/29/2019
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