Lot no. 849
Raimund Girke (Heinzendorf 1930 – 2002 Köln )
Ohne Titel. 1973
Öl auf Leinwand. 160 × 134,5 cm ( 63 × 53 in.). Auf dem Keilrahmen oben zweifach mit Filzstift in Blau signiert und datiert: Girke 73.
[3461]
Provenienz: Privatsammlung, Berlin
Vincent van Gogh schrieb an seinen Bruder, es gebe 27 verschiedene Töne von Grau, die man als Maler darstellen müsse. Und Paul Klee sagte über das Grau, es bilde die Balance zwischen allen chromatischen Polaritäten und zeige zugleich den „Schicksalspunkt zwischen Werden und Vergehen“. Und Raimund Girke? Er schrieb, ganz kurz vor seinem Tod: „Grau, die Mitte, der Ursprung.“
So hat also Girke, der dem Weiß mit geduldiger Beharrlichkeit und leidenschaftlicher Fantasie in vielen Jahrzehnten immer neue Sensationen entlockte, auch das Grau durchschaut, wie es nur ein Maler durchschauen kann. In einem Gedicht aus dem Dezember 2001 heißt es: „nicht zu bändigendes, alles überflutendes, unüberschaubares Gewoge von Grau“. Es ist, als spräche der Künstler hier über unser Gemälde aus dem Jahr 1973. Gerade das Wort vom „Gewoge“ spricht einen zentralen Punkt des malerischen Gestus von Girkes Vorgehen an, dieses geduldige Hin und Her der Pinselstriche, mit denen er die Leinwand überzieht, immer und immer wieder. Das Œuvre Girkes durchfließt die deutsche Nachkriegskunst wie ein großer, mächtiger Strom. Und seine stille, singuläre Bedeutung wird inzwischen immer mehr erkannt – und die Konsequenz, mit der er beharrlich und langsam sich den unerschöpflichen Möglichkeiten des Weiß gewidmet hat und allen modischen Bewegungen trotzte. Weil es ihm immer darum ging, einen künstlerischen Ausdruck für das zu finden, was die Buddhisten seit je und auch wir heute wieder Energiefluss nennen. So „flutet“ es, wie Girke sagen würde, in seinen Bildern. Schaut man auf unser Bild, dann meint man nachts an der See zu stehen oder einem einsamen Gewässer, grau schimmernd das Wasser unter dem wolkigen Himmel. Es ist nicht leicht, Worte zu finden für das, was Raimund Girke malt. Er selbst hat einmal davon gesprochen, dass seine Bilder „Ruhe ausströmen“ sollen, aber keine langweilige Ruhe, sondern eine „gespannte“. Still ruht der See – bis zum nächsten Wind. Dies ist die Stimmung, die von dieser Leinwand ausgeht. Gespannte Unruhe in den Zeiten der Dämmerung. Es ist eine Ruhe, die von der Unruhe weiß und von den Wellen. Und es ist ein besonderes Erlebnis vor Werken Raimund Girkes, dass sie Betrachter umso mehr bewegen, je stiller sie sind, und dass sie uns umso stiller machen, je fließender, rauschender Girke den Pinsel über die Leinwand gezogen hat. Man muss sich die Augen reiben, um genauer zu erkennen, was auf dieser Leinwand geschieht. Und dann erkennt man, dass es Girke darin vor allem darum geht, das Ereignis Malerei zu zeigen – und den Reichtum des Graus.
Florian Illies
Raimund Girke (Heinzendorf 1930 – 2002 Cologne )
Untitled. 1973
Oil on canvas. 160 × 134,5 cm ( 63 × 53 in.). On the stretcher at the top signed and dated twice in blue felt-tip pen: Girke 73.
[3461]
Provenienz: Private collection, Berlin
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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