Lot no. 704
Raimund Girke (Heinzendorf 1930 – 2002 Köln )
„Progression III“. 1970
Acryl auf Leinwand. 115 × 90 cm ( 45 ¼ × 35 ⅜ in.). Auf dem Überspann mit Pinsel in Schwarz signiert, datiert und betitelt: GIRKE 70 „Progression III“. Auf dem Keilrahmen je ein Etikett zur Ausstellung Frankfurt a.M. 1983 (s.u.) und der Galerie Baumgarten, Freiburg.
[3143]
Provenienz: Privatsammlung, Süddeutschland (vom Künstler erhalten)
Ausstellung: Kunst nach 45 aus Frankfurter Privatbesitz. Frankfurt a.M., Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, 1983, S. 411, Abb. S. 151
Seit etwa 1960 malte Raimund Girke ausschließlich „weiße“ Bilder – bis dann in den 1980er-Jahren der dunkle Grund mit neuer Intensität in dieses geschlossene Weiß eindrang. Zwischen 1963 und 1972 erscheint die weiße Fläche besonders homogen; nicht einmal malerische Spuren sind zu erkennen. Zu diesen Gemälden mit einer unantastbaren und gleichmäßigen Oberfläche gehört auch „Progression III“ von 1970. Ganz schwach erkennt man eine regelmäßige Horizontalgliederung, die wie bei den meisten Werken aus dieser Zeit mit der Spritzpistole aufgebracht wurde. Und doch verwandelt sich diese Oberfläche in etwas Räumliches, das den Blick einlässt, und in eine schimmernde Lichtqualität, die das Materielle auflöst. Die horizontalen Konturen teilen wie schwache Schattenkanten das glatte Weiß ein, ohne es zu unterbrechen. Das Bild hat den Titel „Progression“. Die Abstände sind jedoch gleich. Es sind Progressionen nicht der Formen, sondern des Sehens, das keinen Halt findet. Die Konturen bilden weder Flächen noch Streifen, sondern an ihnen wird das einheitliche Weiß immer neu sichtbar – wie in der Musik ein einheitlicher Ton durch ein Vibrato immer neu hörbar wird. Sie grenzen nichts ab, aber die zarten Hell-Dunkel-Übergänge verleihen der weißen Ebene „Relief“, „Schatten“ und sogar „Tiefe“. Die undurchdringliche Fläche beginnt zu „atmen“ – weniger durch die rhythmischen Linienfolgen als vor allem durch das ständige Sich-Umstellen des erfassenden und abgleitenden Blicks.
Raimund Girke gehörte mit seinen „weißen“ Bildern zur radikalen Avantgarde, hatte zwischen 1971 und 1996 eine Professur für Freie Malerei an der Hochschule der Künste Berlin inne und nahm 1977 an der Documenta VI in Kassel teil. Immer wieder wurde seine Malerei in den Kontext programmatischer Avantgarderichtungen einbezogen. Seit 1956 malte er nichtkompositionelle Strukturen, die in Ausstellungen wie „Monochrome Malerei“ (1960, Städtisches Museum Leverkusen, Schloss Morsbroich) oder auch unter dem Begriff „Zero“ (1961, Galerie a, Arnheim) präsentiert wurden. Auch an den namengebenden Ausstellungen der „Fundamentalen Malerei“ (1975, Stedelijk Museum Amsterdam) und der „Radical Painting“ (1984, William College Museum of Art, Williamstown) nahm Girke teil. Seine Malerei ließ sich überzeugend mit diesen analytischen, geplanten und materialbetonten Ansätzen verbinden – und passte dennoch zu keiner dieser programmatischen Richtungen.
Girkes Bilder beziehen ihre Energie und emotionale Expressivität gerade daraus, dass sie insgesamt und vollständig jede sich selbst vergewissernde, programmatische Bestätigung auflösen. Wie andere Künstler jener „fundamentalen“ Richtungen verschloss er den gesamten Bildraum durch eine einheitlich weiße und methodisch strukturierte Oberfläche. Zugleich aber – und das unterscheidet Girke von den genannten Künstlern und Richtungen – öffnete er diese real-materielle Oberfläche des Bildobjekts auf ein Bildinneres, das allein malerisch erschlossen und nur dem Sehen zugänglich wird. Diese Tiefen sind immateriell und werden von optischen Bewegungen durchdrungen, die letztlich auch die konkrete Bildstruktur vereinnahmen. In einem Gespräch von 1979 mit Jürgen Schilling betonte Girke die Bedeutung der Concept Art als Voraussetzung für die fundamentale Malerei, zu der er auch seine eigene dazurechnete: „Es ist Malerei und nicht Concept Art, aber eine Malerei, die diese akzeptiert.“ (Jürgen Schilling: Gespräch mit Raimund Girke, in: Raimund Girke. Arbeiten auf Leinwand und Papier (Kat.), Kunstverein Braunschweig 1979 ebd., S. 10).
Der „Vordergrund“ dieser Malerei zieht sich zwar nicht zu einer Figur zusammen, sondern bedeckt das Bild vollständig – als Oberfläche. Aber zugleich verdunstet, zerstäubt, entmaterialisiert und entgrenzt sich diese materiell vorn liegende Bildstruktur zu einer lichterfüllten, diesigen und flüssig-malerischen Raumtiefe.
Erich Franz
Raimund Girke (Heinzendorf 1930 – 2002 Cologne )
„Progression III“. 1970
Acrylic on canvas. 115 × 90 cm ( 45 ¼ × 35 ⅜ in.). On the overlap with brush in black signed, dated and titled: GIRKE 70 „Progression III“. On the stretcher a label of the exhibition Frankfurt a.M. 1983 (see below) and of the Galerie Baumgarten, Freiburg.
[3143]
Provenienz: Private collection, southern Germany (acquired from the artist)
Ausstellung: Kunst nach 45 from Frankfurter Privatbesitz. Frankfurt a.M., Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, 1983, p. 411, ill. p. 151
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Drawings, watercolours and pastels
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