Lot no. 361
Richard Müller (Tschirnitz/Böhmen 1874 – 1954 Dresden-Loschwitz)
„Circe“. 1933
Öl auf Leinwand. 202 × 151 cm ( 79 ½ × 59 ½ in.). Oben in der Mitte monogrammiert und datiert: RM 1933.
[3401]
Provenienz: Nachlass Richard Müller
Ausstellung: 1956 bis 1960er Jahre als Depositum in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden – Albrechtsburg, Meißen / Richard Müller. Ölbilder, Zeichnungen, Radierungen, Galerie Brockstedt, Hamburg 1974 und Galerie Pels-Leusden, Berlin 1975, Kat.-Nr. 26 (ganzseitige Abb.) / Die Schöne und das Biest. Richard Müller & Mel Ramos & Wolfgang Joop, Ausst.-Kat., Leipzig 2013, Kat.-Nr. 62 (Abb.)
Literatur und Abbildung: Rolf Günther: Richard Müller. Leben und Werk mit dem Verzeichnis der Druckgraphik, Dresden 1995, Abb. 43, S. 50 / Corinna Wodarz: Symbol und Eros. Die Bildwelten Richard Müllers (1874–1954), mit dem Katalog des Gesamtwerks, Göttingen 2002, WV-Nr.: M 1933.01
Wer ist Richard Müller? Eine der ungewöhnlichsten und umstrittensten Figuren der Dresdner und deutschen Kunstge- schichte des 20. Jahrhunderts, als Maler stets zwischen den Stilen, als Mensch zwischen den Stühlen. Doch schaut man sich ein Gemälde wie diese „Circe“ an, dann verstummen erst einmal alle Debatten darum, ob das nun 19. Jahrhundert ist oder Surrealismus oder doch Neue Sachlichkeit.
Dass Müller „ein wenig sadistisch veranlagt“ war, wie es George Grosz formulierte, weil er seinen Modellen immer wieder für Stunden abwegige Posen zumutete, das dürfte auch bei der Entstehung unseres Bildes der Fall gewesen sein. In den Tiefen der griechischen und römischen Mythologie fand Müller seine Anregungen, seine Modelle aber mussten dafür stundenlang auf dem Rücken eines sächsischen Stieres liegen oder – wie hier – sich mit seltsam ausgestellter Hüfte inmitten einer stinkenden Horde missmutiger Bürstentiere aufhalten. Vielleicht hat Müller, die Tiere ohnehin mehr geliebt als die Menschen, mit denen er sie auf seinen Gemälden spielen lässt.
Vor allem ist Richard Müller ein technischer Virtuose. Er selbst ließ nur die Zeichner Max Klinger, Otto Greiner und Adolph Menzel gelten – und seine Arbeiten auf Papier, beson- ders seine atemberaubenden Graphiken, bewegen sich tatsächlich konstant auf dem Qualitätsniveau dieser Ahnen. Anders als dieses große Trio aber hat Müller es auch verstanden, die Brillanz der Darstellung in das Medium der Ölmalerei zu überführen. Seine erste Ausbildung erhielt Müller in der Meißener Porzellanmanufaktur, was seine menschlichen Körper auf der Leinwand zu Zwitterwesen aus Porzellan und Fleisch und Blut macht. So auch diese „Circe“. Sie ist im Jahr 1933 gemalt, und so kann man natürlich die dunklen, verstörenden Tierwesen, die hier die Schönheit umzingeln, auch als einen Kommentar zur Machtergreifung der Nationalsozialisten verstehen. Aber es ging Müller in seinen Werken eigentlich immer um einen viel größeren kulturhistorischen Rahmen.
Das Mosaik, auf dem die Circe steht, ist das aus dem Dresdner Albertinum, links von ihr blickt eine Theatermaske den Betrachter erschreckt und erschreckend an. Müllers unbändige Lust am Spiel mit den Bedeutungsebenen lässt hier Circe, die Zauberin aus der griechischen Mythologie, die Odysseus‘ Gefährten in Schweine verwandelt hat (was Müller mit diebischem Vergnügen in „Wildschweine“ übersetzt) auftreten: Sie becirct (daher kommt das Wort!) die gerade verwandelten Tiere mit einer Orange – und die hält sie natürlich wie Eva, als Objekt der Verführung. Statt des wohlschmeckenden Apfels hier also die bittere Süße der Orangenschale. Auch deshalb ist dieses Bild in einem ORANGERIE-Katalog kongenial gut aufgehoben.
Hinten erhebt sich über der griechischen Göttin und den sächsischen Wildschweinen der Vesuv, der einst jenes Bodenmosaik verschüttete. Wen wundert es da noch, dass links ein Känguru interessiert dieses herrliche kulturgeschichtliche Kuddelmuddel bestaunt. Richard Müllers „Circe“ ist ein Bild, das zwischen den Zeiten steht, zwischen christlicher und griechisch-römischer Bildtradition, zwischen den Kontinenten und den Malstilen ohnehin. Es ist ein umwerfendes Kunstwerk – und da haben wir vom Po der Circe noch gar nicht gesprochen.
Florian Illies, Berlin
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
About the sale