Lot no. 3055
Salomon van Ruysdael (Naarden oder Haarlem 1601/03 – 1670 Haarlem) HOLLÄNDISCHES BINNENGEWÄSSER, WOHL DAS WIJKERMEER, MIT FÄHRKAAG. 1647 Öl auf Eichenholz. 45 x 52,5 cm ( 17 ¾ x 20 ⅝ in.). Monogrammiert auf dem Schwert des Segelbootes: S . vR 1647 / Rückseitig Siegel: GALERIE SEDELMEYER PARIS. WV Stechow 1975, Nr. 285 (Der Hinweis bei Stechow zur Provenienz „um 1941 versteigert bei H. W. Lange, Berlin“ scheint irrig, da das Bild in den Auktionskatalogen Langes um diese Zeit nicht vorkommt (freundlicher Hinweis Caroline Flick, Berlin) und erst 1949/50 von den Erben Heilgendorffs, der das Bild nachweislich seit 1928 besaß, an Frieda Hinze verkauft worden ist.).– Parkettiert, Flachparkett des frühen 20. Jahrhunderts. [3001] Provenienz: Um 1920 Galerie Charles Sedelmeyer, Paris / Kunsthandlung Dr. Curt Benedikt, Berlin / 1928 Sammlung des Lysoform-Fabrikanten Dr. Walter Heilgendorff (1882–1945), Berlin / 1949 dessen Schwiegersohn Heinz Kuckei (1918–2010), Berlin / 1949 Sammlung Frieda Hinze, Berlin / Sammlung Elisabeth Rohde, Berlin Quelle Sammlung Rohde-Hinze: Quittung, Heinz Kuckei, Berlin, 24. Dezember 1949, 1.500 DM Literatur und Abbildung: Jacob Rosenberg: Jacob van Ruisdael, Berlin 1928, S. 15, Tafel VI, Nr. 7 / Wolfgang Stechow: Salomon van Ruysdael, kritisches Œuvreverzeichnis, Berlin 1975, S. 26, 111, Nr. 285 Salomon folgte dem Zug der Zeit zunächst weniger zielstrebig als andere, vom Beginn der 1630er an jedoch in souveräner Handhabung der Ausdrucksmittel. Der vorherrschende Manierismus flämischer Prägung paßte nicht mehr in eine Zeit, in der Holland im Begriff war, sich als unabhängiges Gemeinwesen zu etablieren. Der politischen Inbesitznahme des Landes entsprach die künstlerische. In konsequenter Hinwendung an die eigene unmittelbare Umwelt wurde diese jenseits jeder Schönfärberei aus realitätsbezogener Sicht in nüchterner Ton-in-Ton-Malerei aufgenommen. Kompositionelle Prägnanz, eine detailbedachte Pinselführung gepaart mit einem subtilen Empfinden für feinste Tonschwankungen zählen zu den auszeichnenden Merkmalen seiner Gemälde, die ausschließlich im Atelier und in selektiver Zusammenstellung entstanden sind. Denn Salomons Strand- und Dünendarstellungen, Ufer- und Flußansichten, Winterszenen, Schilderungen von Bauernhäusern oder Herbergen bzw. Reiterhalten unter hohen Bäumen vor weiten Gründen bilden nicht nur ab, sondern werten in der Konzentration auf das Charakteristische des holländischen Landes dieses auch auf. Marinebilder, angeregt durch Jan van Goyen, begegnen uns im Schaffen des Malers erst vom Beginn der 1640er Jahre an. An der Wiedergabe der offenen See war er dabei nicht interessiert. Seine Aufmerksamkeit galt den Binnenmeeren oder dem Delta der großen Flüsse, die sich dem Auge in Weiten darbieten, die ähnlich unabsehbar sind. Im vorliegenden Gemälde deutet der ferne Uferstreifen, der durch die Breite des Formats führt, darauf hin, daß ein Binnengewässer wiedergegeben ist. Dieser Verortung ist auch die mit Bauernhäusern besetzte Landzunge links im Mittelgrund zuzuordnen. Hauptmotiv des Bildes ist eine Kaag, ein für die holländischen Aquae interiores typischer Segler, der im Vordergrund auf ruhigem Wasser schräg nach rechts zur Tiefe gleitet. Einmaster dieser Art fanden Einsatz im Passagier- und Frachtverkehr, verbanden als „beurtschepen“ (Linienschiffe) die großen Städte miteinander. Wie in allen Seestücken Salomons ist das Wetter gut. Die Reisenden halten sich überwiegend an Deck auf, und - ein weiteres Zeichen angenehmer Fahrt - es herrschen günstige, von achtern kommende Winde. Das Großsegel bzw. Sprietsegel ist weitestgehend gefiert und, um für schnelleren Vortrieb zu sorgen, ist vorn anstelle des üblichen dreiecksförmigen Focksegels ein schmales Rahsegel, eine „breefok“, gesetzt. Seestücke „leiden“ von Natur aus unter Motivarmut. Aus dem Wenigen hat Salomon stets viel gemacht: durch leichtes Schieben der Dinge, einen veränderten Blickwinkel oder einen Wechsel in der Ausrichtung des Formats. Die Ansicht von Beverwijk im Haager Mauritshuis ist als eine in der Breite reduzierte Variante unseres Gemäldes aufzufassen. Was die Abstände betrifft, so wurde einiges zurückgenommen, anderes dem Betrachter nähergerückt. Der Uferstreifen im Hintergrund mit der verblasenen Kontur einer Kirche mit spitzem Helm ist in der Haager Fassung aus geringerer Entfernung aufgenommen und gibt sich dadurch als Turm der Kirche von Beverwijk am Wijkermeer zu erkennen. Salomon hat von der Gegend weitere Fassungen gefertigt. Interesse am topographischen Bezug hat es offensichtlich gegeben. In dem unweit von Haarlem gelegenen Ort hatten wohlhabende Amsterdamer ihre Wochenendhäuser. Von der Amstelstadt aus war Beverwijk per Schiff über das Y (IJmeer), zu dem das Wijkermeer als Unterteil gehörte, bequem zu erreichen (beide Gewässer wurden um die Mitte des 19. Jahrhunderts eingepoldert). Die Illusion räumlicher Weite hat meisterhafte Umsetzung erfahren. Mit dem Blick auf das quergestellte Format, die Uferlinien und das große Fährboot nutzt Salomon die elementaren Kontrastverhältnisse der Horizontalen zur Vertikalen, um den Richtungsbezügen zur Breite und Höhe hin Gestalt zu geben. Für die dritte Dimension, die Ausdehnung der Landschaft in die Tiefe, sorgt die Anlage des Helldunkels. Als Teil des beschatteten Vordergrundes ist der Einmaster einem Repoussoir gleich dem lichten Himmel vorgeblendet. Nahes und Fernes, das Grau des Segeltuchs und das Grauweiß der Wolken sind einander unmittelbar verbunden. Das Prinzip der Vorrangstellung zumeist nur eines Schiffes geht, wie Stechow bemerkte, auf Jan van Goyen zurück, der hier wiederum dem Vorbild Jan Porcellis’ folgte. Eine solche Hervorhebung bindet die übrigen Motive und ist insofern von Einfluß auf die Raumgestaltung. Dem großen Fährboot sind draußen auf dem Wasser Einmaster gleichen Typ zugeordnet. Ein perspektivisches Bezugsystem ist bereitgestellt, aus dem sich, die übrigen Dinge mit einbezogen, konkrete Anhalte zum Abschätzen von Distanzen ableiten lassen. Neben dem Gegenständlichen hat auch der andere Aspekt des Seestücks, das Atmosphärische, Beachtung gefunden. An die Stelle des auf begrenzte Schwankungen abgestellten Einheitstons der 1630er Jahre ist ein Helldunkel getreten, das die volle Skala der Werte nutzt. Wolkenschatten und Himmelslicht teilen das Wasser in breite, deutlich voneinander abgesetzte Streifen aus graubraunen Tönen und glitzerndem Silber. Stechow hat in diesem Zusammenhang auf Seestücke Simon de Vliegers (um 1601-1653) hingewiesen. Dessen Begabung, Grauwerte in gleißendes Licht umzuwandeln, dürfte Salomon in der Tat beeindruckt haben. Auf der Höhe der allgemeinen Entwicklung bekannte er sich auch zu einer Neubewertung der Farbe. Das Blau im Himmel und die zarten Brechungen in den Wolken und Lichtbahnen am Horizont sind hierfür die ersten Anzeichen. Eine friedliche Stimmung geht von der Darstellung aus - dem stillen Wasser, dem mühelosen Dahingleiten des Schiffes, dem Zug der Wolken. Fernab von den dramatischen Naturschilderungen des berühmten Neffen Jacob van Ruisdael, für den Salomon in vielerlei Hinsicht Vorbild war - Rosenberg führt in seiner Monographie unser Bild als Beispiel an -, erleben wir hier eine ruhige, in sich geschlossene Welt, aus der alles Effektvolle, nur Zufällige oder Beiläufige ausgeschlossen bleibt. Formal wie inhaltlich um Ausgleich, um Harmonie bemüht, hat Salomon dem eigentlich prosaischen „gezigt“ (Gesicht) des holländischen Landes den Anschein des Besonderen, des Einzigartigen verliehen. Jan Kelch, Berlin Vergleichswerk: Salomon van Ruysdael: Blick auf Beverwijk am Wijkermeer, um 1661, Öl auf Holz, 35,5 x 41 cm, Den Haag, Mauritshuis@ Salomon van Ruysdael (Naarden or Haarlem 1601/03 – 1670 Haarlem) DUTCH INLAND WATERS, PRESUMABLY THE WIJKERMEER, WITH A 'VEERKAAG' SHIP. 1647 Oil on oak. 45 x 52,5 cm ( 17 ¾ x 20 ⅝ in.). Monogrammed on the leeboard of the sailing boat: S . vR 1647 / on the reverse a seal: GALERIE SEDELMEYER PARIS. Catalogue raisonné Stechow 1975, no. 285. Regarding provenance, Stechow notes that the work was auctioned at H. W. Lange, Berlin, in around 1941. This seems to be mistaken however, as the work does not appear in the H. W. Lange catalogues from this period (with thanks to Caroline Flick, Berlin); also, it can be proven that Heilgendorff and his heirs owned the painting from 1928 onwards, only selling it to Frieda Hinze in 1949/50..– Inlaid, flat inlay of the early 20th century. [3001] Provenienz: Circa 1920 Galerie Charles Sedelmeyer, Paris / art dealership Dr. Curt Benedikt, Berlin / 1928 collection of the Lysoform manufacturer Dr. Walter Heilgendorff (1882–1945), Berlin / 1949 to his son-in-law Heinz Kuckei (1918–2010), Berlin / 1949 collection Frieda Hinze, Berlin / collection Elisabeth Rohde, Berlin. Source, collection Rohde-Hinze: receipt, Heinz Kuckei, Berlin, 24 December 1949, 1.500 DM Literatur und Abbildung: Jacob Rosenberg: Jacob van Ruisdael, Berlin 1928, p. 15, plate VI, no. 7 / Wolfgang Stechow: Salomon van Ruysdael, kritisches Œuvreverzeichnis, Berlin 1975, p. 26, 111, no. 285 Comparable work: Salomon van Ruysdael: View of Beverwijk on the Wijkermeer, circa 1661, oil on panel, 35,5 x 41 cm, The Hague, Mauritshuis
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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Catalog
07/03/2015
Offered by Grisebach
0049 30 885 915 0