Lot no. 823
Tony Cragg (Liverpool 1949 – lebt in Wuppertal)
„Grenze weg“. 2015
Stahlguss mit Flugrost-Patina. 39 × 55 × 30 cm ( 15 ⅜ × 21 ⅝ × 11 ¾ in.). Am unteren Rand mittig signiert.
Eines von 35 Exemplaren, erschienen anlässlich des 25. Jubiläums der deutschen Wiedervereinigung. Geuer & Geuer Art, Düsseldorf 2015. [3515]
Der Engländer Tony Cragg zählt zu den großen Bildhauern der Gegenwart. Wie nur wenige andere hat er es in den zurückliegenden vier Jahrzehnten verstanden, die abstrakte Plastik zu erneuern und sie inhaltlich und formal ins 21. Jahrhundert zu führen. Unsere Arbeit "Ohne Titel" von 2015 ist ein hervorragendes Beispiel für die Werke, die der Künstler seit den Neunziger Jahren geschaffen hat. Ein undefinierbares, dabei aber stark körperlich wirkendes Bündel von schlanken, geknickten, vielfach gebrochenen Formen scheint hier ansatzlos empor zu wachsen. Eine Plinthe oder gar einen Sockel sucht man vergebens. Auch die üblicher Weise bei Ausstellungen verwendeten neutralen Standflächen dienen bei Cragg generell nur der Präsentation, nicht der Erhöhung. So steigert der Künstler die unmittelbare Wahrnehmung und Empfindung des Betrachters - es gibt keine Ebene, die sich zwischen ihn und das Werk drängt. Dies geschieht bei Cragg natürlich mit voller Absicht. Nichts soll ablenken vom Studium der eigentümlichen Gestalt, der man soeben gegenüber getreten ist. Und nichts soll den Betrachter davon abhalten, um die Plastik herumzugehen. Das ist, seit dem Paragone der Renaissance, das Kriterium der Bildhauerei schlechthin.
Analysiert man die Gestalt von "Ohne Titel" jedoch eingehender, wird einem schnell klar, wie tief sie in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts eingebettet ist. Die sich nach oben hin leicht verbreiternden Stränge, ihre fraktale und amorphe Struktur sind ohne die Kenntnis digitaler Ästhetiken nicht verständlich. Ein weiterer Reiz unserer Plastik "o.T." stammt da schon eher aus der analogen Ära der Stahlskulptur: Es ist die metallische Oberfläche, auf die sich sanft ein Überzug aus Flugrost gelegt hat. Pigmentartig, wie feiner Staub, leuchtet er in einem warmen Terrakotta-Ton - und trägt so zur Komplexität der Arbeit bei. Rudimentär-Chemie und Desktop-Publishing, Unmittelbarkeit der Anschauung und freie Interpretation, die geschlossene und die sich öffnende Grundform, das sind die einander widersprechenden Parameter, denen diese Arbeit Tony Craggs' ihre außerordentliche Vielfältigkeit verdankt. (UC)
Tony Cragg (Liverpool 1949 – lives in Wuppertal)
„Grenze weg“. 2015
Steel cast with rust patina. 39 × 55 × 30 cm ( 15 ⅜ × 21 ⅝ × 11 ¾ in.). Signed in the lower margin centre.
One of 35 copies, published on the occasion of the 25th anniversary of German Reunification. Geuer & Geuer Art, Düsseldorf 2015. [3515]
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