Lot no. 6
Vincent van Gogh (Groot-Zundert 1853 – 1890 Auvers-sur-Oise)
„HEAD OF A PEASANT WOMAN: RIGHT PROFILE“ („KOPF EINER BÄUERIN: PROFIL NACH RECHTS“). Um 1884/85
Öl auf Leinwand. Doubliert. 41 x 30,5 cm ( 16 ⅛ x 12 in.).
de la Faille 144 / Hulsker 561.–
Kleine Retuschen. [3230]
Provenienz: Vincent van Gogh (bei der Familie in Nuenen zurückgelassen) / Anna Cornelia van Gogh-Carbentus, Schwester des Künstlers, Nuenen/Breda (1885-86) / Adrianus („Janus“) Schrauwen, Breda (1886-1902) / Jan C. Couvreur, Breda (1902) / W. van Bakel und Cornelius Hendrikus Wilhelmus („Kees“) Mouwen jr., Breda (1902-03) / Kunstzalen Oldenzeel, Rotterdam (1903) / Gerlacus („Gerlach“) Ribbius Peletier jr., Utrecht (im Febr. 1903 bei Oldenzeel erworben, bis 1930) / Adriana Louisa Ribbius Peletier-Wijbelingh, Ehefrau des Vorbesitzers, Utrecht (durch Erbschaft 1930 erhalten, bis 1939) / Louise J. Schokking-Ribbius Peletier, Tochter der Vorbesitzerin, Doorn (durch Erbschaft 1939 erhalten, bis ca. 1959) / Galerie E. J. van Wisselingh & Co., Amsterdam (ca. 1959 erworben) / Olive Hosmer, Montreal ([vor] 1960 erworben) / John H. Shuter, Neffe der Vorbesitzerin, Beaconsfield, Québec/Montreal (nach 1970 erhalten) / Galerie Nathan, Zürich / Privatsammlung, Süddeutschland / Großbritannien (1984 bei Nathan erworben)
Ausstellung: Vincent van Gogh. Rotterdam, Kunstzalen Oldenzeel, 1903, Nr. 4 / Canada collects. European Painting 1860–1960. Montreal, Museum of Fine Arts, 1960, Kat.-Nr. 153, Abb. S. 51
Literatur und Abbildung: J(acob)-B(aart) de la Faille: L’Œuvre de Vincent van Gogh. Catalogue raisonné. 4 Bde. Paris/Brüssel, Les Éditions G. van Oest, 1928, hier Bd. 1: Kat.-Nr. 144, Bd. 2: Abb. Tf. XL („Paysanne brabançonne“, Leinwand auf Holz) / Walther Jan Clemens Vanbeselaere: De Hollandsche periode (1880–1885) in het werk van Vincent van Gogh (1853–1890). Antwerpen, De Sikkel, 1937 (= Diss. 1934), S. 290, Nr. 144 (Leinwand auf Holz), S. 341f. / J(acob)-B(aart) de la Faille: Vincent van Gogh. Paris, Hyperion, 1939, Kat.-Nr. 154, m. Abbildung („Bäuerin aus Brabant“, Öl auf Holz) / Jan Hulsker: Van Gogh en zijn weg. Het complete werk. Amsterdam, Meulenhoff International, 1978, Kat.-Nr. 561, m. Abb. („Boerenvrouw, kop“, Leinwand auf Holz) / Ingo F. Walther/Rainer Metzger: Vincent van Gogh. Sämtliche Gemälde, Bd. 1: Etten, April 1881 – Paris, Februar 1888. Köln, Benedikt Taschen Verlag, 1989, Abb. S. 68 („Kopf einer Bäuerin mit weißer Haube“) / Louis van Tilborgh und Marije Vellekoop: Van Gogh in Utrecht. The Collection of Gerlach Ribbius Peletier (1856–1930). In: Van Gogh Museum Journal 1997-1998, S. 26-41, hier S. 28, Abb. 2 (Foto des Wohnzimmers der Familie Ribbius Peletier in Utrecht, 1903-04, unser Gemälde links auf einer Staffelei), S. 30, S. 33, Abb. 6 (Gemälde des Wohnzimmers der Familie Ribbius Peletier in Utrecht von Elsie Spronck, 1932, unser Gemälde hinten rechts über der Tür), S. 34 u. S. 36, Nr. 2, m. Abb. („Head of a woman“, Öl auf Leinwand auf Holz) / Martha Op de Coul: In search of Van Gogh’s Nuenen studio: the Oldenzeel exhibitions of 1903. In: Van Gogh Museum Journal 2002, S. 113, Nr. 4
Auf dem Weg zu den „Kartoffelessern”
Über die Bedeutung der Brabanter Portraits für Vincent van Goghs Gesamtwerk
Die Kopfportraits von Bauern und ihren Frauen, die Vincent van Gogh zwischen 1884 und 1885 in der südholländischen Provinz Brabant zeichnete und malte, zeigen den Niederländer noch vor dem Höhepunkt seines Schaffens. Diese geschlossene Werkgruppe dokumentiert einen entscheidenden Moment auf seinem Weg vom Autodidakten, der sich noch an Vorbildern der „Haager Schule“ orientierte, hin zum autonomen Künstler, der einmal selbst die Kunstgeschichte maßgeblich prägen sollte. Mit den Bauernbildnissen bereitete van Gogh gezielt sein erstes Hauptwerk vor – die berühmten „Kartoffelesser“ von 1885, in denen der damals 32jährige zum ersten Mal seine künstlerischen Ideen zusammenfaßte.
Besonders erfolgreich war das Leben von Vincent van Gogh bis dahin nicht verlaufen. Als Kunsthändler und als Lehrer war er gescheitert, ebenso als Theologe und Buchhändler. Freiwillig ging der Pastorensohn danach als Laienprediger ins belgische Kohlengebiet des Borinage, um dort auf eigene Faust unter den Arbeitern zu missionieren. Seine ehrgeizige Familie, aus der studierte Theologen und Lehrer, Offiziere und Kunsthändler stammten, hatte versucht, ihm diesen Plan auszureden.
Daß ihr Sohn ihn trotzdem verfolgte, führte zu einem tiefen Zerwürfnis vor allem mit den Eltern. Van Goghs Bruder Theo, der als erfolgreicher Kunsthändler in Paris lebte, war es schließlich, der den vier Jahre Älteren an dessen frühere Leidenschaft fürs Zeichnen erinnerte. Van Gogh folgte seinem Rat, beschloß, seinen Lebensunterhalt fortan als Künstler zu verdienen, und kehrte nach einem zweieinhalbmonatigen Malaufenthalt in der niederländischen Provinz Drenthe schließlich im Dezember 1883 ins Haus seiner Eltern nach Nuenen in der Provinz Brabant zurück – obwohl er sich von ihnen auch weiterhin unverstanden fühlte. „Man hat eine ähnliche Scheu, mich ins Haus zu nehmen, wie man sich scheuen würde, einen großen zottigen Hund im Haus zu haben“, schrieb er nach Paris. „Er kommt mit nassen Pfoten in die Stube - und er ist überhaupt so zottig und wüst! Allen läuft er in den Weg. Und er bellt so laut. Kurzum – er ist ein schmutziges Vieh.“
Im Pfarrhaus in Nuenen arbeitete van Gogh zunächst in der ehemaligen Bügelkammer, die für ihn umgebaut und mit einem Ofen ausgestattet wurde; später zog er in einen stallähnlichen Anbau an der Rückseite des Pastorats neben dem Misthaufen um. Seinen Platzbedürfnissen entsprach auch das nicht. Im Mai 1884 mietete van Gogh deshalb für 75 Gulden im Jahr zwei Räume im Haus des katholischen Küsters Johannes Schafrat an. Im größeren der beiden Zimmer hängte er seine Gemälde und Zeichnungen auf. Im kleineren malte er, abends bei Kerzenlicht, und er unterrichtete dort auch vier Schüler: seinen Freund Anton Kerssemakers, den Eindhovener Goldschmied Antoon Hermans, Willem van de Wakker, einen Angestellten im Telegrafenamt von Eindhoven, und Dimmen Gestel, der in derselben Stadt eine Fabrik für Zigarrenbanderolen besaß. In einer Kammer unterm Dach des katholischen Küsters schlief Vincent van Gogh schließlich auch – ein Affront für seinen Vater, den reformierten Pastor Theodorus van Gogh. Hier, im Hause Schafrat, entstand vermutlich wenig später auch das vorliegende Frauenbildnis.
Noch in Drenthe hatte van Gogh zunächst mit einer Bilderserie begonnen, die Weber bei der Arbeit in ihren großen Webstühlen und Frauen an Spinnrädern zeigt. Dort auch den bewunderten Max Liebermann zu treffen, der regelmäßig von Berlin zum Malen nach Drenthe fuhr, gelang ihm nicht: Als van Gogh ankam, war der Deutsche schon abgereist. Ähnlich wie in van Goghs zeitgleich entstandenen Landschaftsbildern, die keinerlei Hinweise auf die auch in den Niederlanden längst begonnene Industrialisierung enthalten, idealisierte er auch in den Interieurs seine Motive und verklärte sie romantisch. „Heutzutage gibt es keine Spinnräder mehr, und das ist für Maler und Zeichner sehr bedauerlich“, hatte er an Theo geschrieben. „Jedoch ist etwas anderes an ihre Stelle getreten, was nicht weniger malerisch ist, nämlich die Nähmaschine.“ Trotzdem feierte van Gogh in seinen Bildern weiter die vorindustriellen Zustände, wie er sie aus Romanen und von seinen Vorbildern der „Haager Schule“ – Jozef Israëls und Johan Hendrik Weissenbruch, den Brüdern Jacob, Matthijs und Willem Maris, von George Hendrik Breitner und seinem Cousin und Lehrer Anton Mauve – kannte.
In diesem Zusammenhang sind auch die Bildnisse von Landarbeitern und ihren Frauen zu sehen, die Vincent van Gogh im Winter 1884/85 in der Umgebung seines Wohnortes Nuenen zeichnete und malte und zu denen auch das vorliegende Gemälde zählt.
Sie dienten ihm – auf Papier wie auf Leinwand – als Vorbereitung für jenes große Bild, mit dem er schließlich Mitte April 1885 im Atelier bei Schafrat begann. Die 47 erhaltenen Ölbilder sind trotzdem autonome Werke, zu denen van Gogh unter anderem durch die Serie „Heads of peasants“ in der Zeitschrift „The Graphic“ inspiriert worden war. Manche Gemälde bereitete er durch Federzeichnungen vor, die er selbst als „Gekritzel“ bezeichnete. Einige von ihnen zeichnete van Gogh sogar mit Bleistift vor – so auch die 15,9 x 10,7 Zentimeter messende Skizze zum vorliegenden Gemälde (de la Faille 1174, auf der die Augen der Frau geöffnet sind. Daß das etwas spätere Ölbild das einzige unter den zahlreichen in Nuenen entstandenen Bildnisstudien ist, auf dem van Goghs Modell die Augen geschlossen hat, verleiht ihm eine besondere Qualität. Die Frau, die in kontemplativer Versenkung völlig auf ihre innere Welt konzentriert zu sein scheint, bleibt dadurch als Individuum mit eigenen Gedanken sichtbar.
Und doch ist sie im Werkzusammenhang zugleich, ähnlich wie bei Rembrandts Gemälde vorbereitenden „Tronjen“, auch Vertreterin jenes entindividualisierten Menschentyps, nach dessen wahrhafter Darstellung van Gogh in jener Zeit suchte. 15 solcher Zeichnungen auf Papier sind heute noch überliefert. In insgesamt vier Sendungen schickte Vincent van Gogh sie zwischen Dezember 1884 und Januar 1885 an Theo nach Paris: „Ich arbeite sehr hart an der Serie von Köpfen, an die ich mich gegeben habe“, teilte er ihm dazu mit und forderte den Bruder, der ihm das Zeichnen nahegelegt hatte, auf, nun auch Kontakt zu Verlegern für diese Arbeiten zu suchen. Sollten die an Theo geschickten Zeichnungen vorher als unmittelbare Vorlagen für die Umsetzung der Bildnisse im Atelier auf Leinwand gedient haben, müßte auch das vorliegende Gemälde demnach spätestens vor deren Versand, also in den ersten Wochen des Jahres 1885, entstanden sein.
Hinter dem selbstgewählten neuen Bildnis-Projekt stand auch van Goghs Wunsch, irgendwann einmal als Figurenmaler Karriere machen zu können: Das Genre galt auch ihm als Königsdisziplin der Malerei. Ende Oktober 1884 entstand das erste Bildnis, und tatsächlich verbesserten sich danach van Goghs Fähigkeiten auf diesem Gebiet merklich: Er fand von der flächigen Malerei zu einer plastischeren Gestaltung seiner Sujets. Kaum eines der Modelle ist namentlich bekannt, auch die Frau auf dem vorliegenden Gemälde nicht. Gelegentlich wurde sie als Mutter von Gordina de Groot identifiziert, der jüngeren Frau, die auf dem „Kartoffelesser“-Bild hinter dem Esstisch sitzt. Einen Beleg dafür gibt es allerdings nicht. Und weil das große Gemälde die Kate der Familie de Groot-van Rooij zeigt, ist es auch durchaus wahrscheinlich, daß eher die ältere Frau am rechten Bildrand die Mutter ist. Ihre vergleichsweise große Nase und die deutlich wulstigeren Lippen lassen sich, anders als auf anderen Einzelbildnissen jener Zeit, auf dem vorliegenden aber nicht wiederfinden.
Van Goghs Ziel war es auch im vorliegenden Bildnis ohnehin nicht, in erster Linie eine individuelle Physiognomie wiederzugeben. Er suchte in den Nuenener Bauernköpfen die Verkörperung des primitiven Landlebens, die er Theo bereits im Sommer in einem Brief beschrieben hatte: „Meine Farbrechnung steht aber so, daß ich mit dem Anfangen von neuen Sachen in größerem Format ein bißchen zurückhaltend sein muß, umso mehr, als es mich ziemlich viel an Modellen kosten wird; falls ich überhaupt mal geeignete Modelle kriegen kann von dem Typus, der mir vorschwebt (grobe, platte Gesichter mit niedriger Stirn und dicken Lippen, nicht dieses Scharfe, sondern voll und Millet-artig), und gerade mit dieser Kleidung.“ Ihn faszinierte die traditionelle Tracht der Brabanter Landbevölkerung: Keine Frau verließ damals das Haus, ohne eine von verschiedenen möglichen Hauben auf dem Kopf zu tragen. Den Kontrasten, die sich in ihrem Faltenwurf, in den Schatten und im Vergleich zur dunklen Kleidung ergaben, versuchte van Gogh mit malerischen Mitteln zu entsprechen – auch auf dem vorliegenden Bild. Ganz langsam wurden seine Darstellungen plastischer, ganz langsam hellte sich in Nuenen seine Palette auf. Zu echter Farbe allerdings fand van Gogh erst, als er 1886 zu seinem Bruder nach Paris, ins Zentrum des Impressionismus, zog.
Er habe versucht, die Menschen so naturgetreu wie möglich wiederzugeben, teilte er Theo van Gogh später mit. Nicht als sozialen Kommentar, sondern so, wie er seine Motive sah: als Zeugen eines archaischen Bauernlebens, das von der fortschreitenden Industrialisierung noch völlig unberührt geblieben ist: „Ich habe mich nämlich sehr bemüht, den Betrachter auf den Gedanken zu bringen, daß diese Leutchen, die bei ihrer Lampe Kartoffeln essen, mit denselben Händen, die in die Schüssel langen, auch selber die Erde umgegraben haben; das Bild spricht also von ihrer Hände Arbeit und davon, dass sie ihr Essen ehrlich verdient haben.“ Der 31jährige wollte nach Jahren weitestgehend autodidaktischer Schulung außerdem endlich auch ein Bild schaffen, mit dem er in den Augen seiner Kollegen und des Kunsthandels würde bestehen können.
Die Aufgabe, die er sich ausgerechnet mit jenem Motiv gestellt hatte, war trotz aller Vorarbeiten nicht einfach zu lösen. Das Vorhaben, fünf Menschen so darzustellen, daß sie im Schein nur einer einzigen Öllampe auch noch halbwegs naturalistisch aussehen, mußte letztlich scheitern. Van Gogh hatte zwar versucht, das Problem mit Hilfe unzähliger Vorstudien in Kohle und zweier Vorfassungen in Öl in den Griff zu bekommen. Er skizzierte die Kanne auf dem Tisch, die Uhr an der Wand und sogar die Gabeln, mit denen die Bauersleute nach den Kartoffeln stochern. Das erhoffte Meisterwerk wurde bis ins Detail geplant. Er probierte aus, ob er das im Vordergrund dargestellte Mädchen besser stehen oder sitzen ließ, und beschäftigte die alte Frau am rechten Bildrand mit Kanne und Tassen, als er feststellte, daß sie mit ihrem Arm gar nicht bis an die Kartoffeln herankommen würde.
Daß er wieder gescheitert war, wurde van Gogh schließlich selbst bewußt – nicht erst durch die völlig vernichtende Kritik des Freundes van Rappard, der über die noch schwächere, seitenverkehrte Lithographie, die van Gogh sofort im April 1885 nach dem Gemälde druckte, an ihn schrieb: „Du wirst mir beistimmen, daß eine solche Arbeit nicht ernstgemeint ist. Glücklicherweise kannst Du mehr als das; aber warum hast Du dann alles gleichermaßen oberflächlich betrachtet und behandelt? Warum die Bewegungen nicht gründlich studiert? Jetzt posieren sie. Diese kokette kleine Hand der hintersten Frau, wie wenig wahr! Und welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Kaffeekessel, dem Tisch und der Hand, die oben auf dem Henkel liegt? Was macht dieser Kessel eigentlich, er steht nicht, er wird nicht festgehalten, aber was dann? Und warum darf der Mann rechts kein Knie haben und keinen Bauch und keine Lungen? Oder stecken die in seinem Rücken? Und warum muß sein Arm einen Meter zu kurz sein? Und warum muß er auf die Hälfte seiner Nase verzichten? Und warum muß die Frau links so ‘nen Pfeifenstiel mit einem Würfel dran als Nase haben? Und bei einer solchen Arbeitsweise wagst Du dann noch, die Namen Millet und Breton anzurufen? Wirklich, die Kunst steht zu hoch, scheint mir, als daß man sie so unbekümmert behandeln dürfte.“ Tief getroffen, beendete van Gogh daraufhin zunächst die Freundschaft. Wenig später gestand er dann aber selbst ein: „Ich weiß auch, daß es seine Mängel hat, doch gerade weil ich sehe, daß die jetzigen Köpfe kräftiger werden, wage ich zu behaupten, daß auch die Kartoffelesser ihre Kraft behalten werden.“
Trotzdem schickte van Gogh Abzüge der Lithographie auch an Theo, zur Verteilung an Pariser Kunsthändler wie Durand-Ruel. Der Bruder kam der Bitte offenbar gar nicht erst nach. Zwar lobt er, man könne „die Holzschuhe der Gemalten aneinanderschlagen hören“; vor allem seine Bemerkung, die Körper der Bauern seien schlechter als deren Köpfe gelungen, traf van Gogh aber: Er hatte ja gerade keine abbildenden Portraits, sondern eine allgemein-gültige und dadurch in seinen Augen wahrhafte Genreszene malen wollen. Theo forderte ihn auf, hellere Farben einzusetzen, weil es für van Goghs dunkle Gemälde mit ihren melancholischen Bauernsujets kaum noch einen Markt gab. In Paris hatten längst die Impressionisten ihren Siegeszug angetreten. Die zwischen 1874 und 1886 veranstalteten Gruppenausstellungen dieser Künstler versetzten die Kunstwelt in Aufruhr, und Theo van Gogh zählte zu den wichtigsten Förderern der umstrittenen neuen Bewegung. Seinen Bruder in den Niederlanden aber hatte diese radikale Erneuerung der europäischen Kunst noch nicht erreicht.
„Wenn ich später wieder Modelle für meine Figuren finde, kann ich hoffentlich beweisen, daß ich noch auf etwas anderes aus bin als auf grüne Landschaften und Blumen“, wird Vincent van Gogh später aus Paris an seine Schwester Willemien schreiben. Die Figurenmalerei war ihm, durch die Erfahrungen mit den Bauernportraits in Nuenen, zum zentralen Anliegen geworden. Mit dem Malen der Brabanter Land-bevölkerung hatte er im Spätsommer 1885 aber abrupt aufgehört. Die unverheiratete Gordina de Groot war schwanger geworden, und für den katholischen Pfarrer kam als Vater nur der Maler – der zu allem Überfluß auch noch im Haus seines Küsters lebte und arbeitete – in Frage. „Der Pfarrer ging so weit“, schrieb van Gogh empört seinem Bruder ins bedeutend leichtlebigere Paris, „daß er den Leuten Geld versprach, wenn sie sich nicht malen ließen. Hätte ich diesen Ärger mit den Modellen nicht gehabt, so wäre ich den Winter über noch hiergeblieben. Aber hier mit Modell zu arbeiten, stößt, wie sich zeigt, nicht so sehr auf den Widerstand des Pfarrers, der an sich durch völlige Nichtbeachtung meinerseits wirkungslos geworden wäre; das Elend ist vielmehr – obwohl ich mich nicht beirren lasse –, daß die Leute zögern und mehr Angst haben, als ich dachte.“ In Paris aber, wohin er 1886 zu seinem Bruder zog, konnte Vincent van Gogh Portraitstudien wie diese nicht fortsetzen: Ihm fehlte schlicht das Geld, um dort die professionellen Modelle bezahlen zu können.
Zur Provenienz des Gemäldes
Anders als in Deutschland, wo private Sammler vor allem durch die pathetisch legendenbildenden Veröffentlichungen von Julius Meier-Graefe und die Ausstellungen bei Paul Cassirer erstmals auf das farbenstarke Spätwerk von Vincent van Gogh aufmerksam wurden, konzentrierten sich die Sammler in den Niederlanden zunächst auf das Frühwerk. Maßgeblich dafür waren unter anderem die drei Ausstellungen mit Van-Gogh-Werken, die die Rotterdamer Galerie Oldenzeel im Januar, Mai und Dezember 1903 ausrichtete. Schon im Februar des Jahres erwarb dort der Utrechter Zigarrenfabrikant Gerlach Ribbius Peletier für 500 Gulden das vorliegende Bild, das Vincent van Gogh 1885 bei seinen Eltern in Nuenen zurückgelassen und das seine Schwester Anna Cornelia später wie Dutzende andere für wenige Gulden an einen Trödler verkauft hatte. Es war das zweite Van-Gogh-Werk, das Ribbius Peletier in seinen Besitz brachte; acht weitere Van-Gogh-Gemälde, darunter auch zwei Spätwerke, sollten im Laufe der Jahre folgen. Davon, daß das Frauenbildnis über fünf Jahrzehnte lang in Familienbesitz blieb, legen auch zwei Bilddokumente Zeugnis ab: Um 1903/04 ließ sich die Familie Ribbius Peletier im Salon ihres Hauses an der Maliebaan 15 in Utrecht fotografieren; das Gemälde steht auf einer Staffelei am linken Bildrand. 1932 malte dann die Künstlerin Elsie Spronck das Wohnzimmer im selben Haus. Dort hatte man inzwischen umdekoriert: Das Frauenbildnis hatte nun auf einem Bord über einer Tür Platz gefunden. Über die Galerie van Wisselingh in Amsterdam wurde das Gemälde zunächst nach Kanada verkauft. Mitte der 1980er Jahre fand es dann über die Zürcher Galerie Nathan zum heutigen Besitzer.
Stefan Koldehoff
Der Autor stellt sein Honorar der Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e.V. zur Verfügung, die in Liebermanns Villa am Wansee bis zum 10. August 2015 die Ausstellung „Liebermann und van Gogh“ zeigt.
Vincent van Gogh (Groot-Zundert 1853 – 1890 Auvers-sur-Oise)
„HEAD OF A PEASANT WOMAN: RIGHT PROFILE“ („KOPF EINER BÄUERIN: PROFIL NACH RECHTS“). Circa 1884/85
Oil on canvas. Relined. 41 x 30,5 cm ( 16 ⅛ x 12 in.).
De la Faille 144 / Hulsker 561.–
Minor retouchings. [3230]
Provenienz: Vincent van Gogh (left with the family in Nuenen) / Anna Cornelia van Gogh-Carbentus, sister of the artist, Nuenen/Breda (1885-86) / Adrianus ("Janus“) Schrauwen, Breda (1886-1902) / Jan C. Couvreur, Breda (1902) / W. Van Bakel and Cornelius Hendrikus Wilhelmus ("Kees“) Mouwen jr., Breda (1902-03) / Kunstzalen Oldenzeel, Rotterdam (1903) / Gerlacus ("Gerlach“) Ribbius Peletier jr., Utrecht (acquired at Oldenzeel in the February of 1903, until 1930) / Adriana Louisa Ribbius Peletier-Wijbelingh, wife of the previous owner, Utrecht (acquired by descent 1930, until 1939) / Louise J. Schokking-Ribbius Peletier, daughter the previous owner, Doorn (acquired by descent 1939, until approx. 1959) / Galerie E. J. Van Wisselingh & Co., Amsterdam (acquired approx. 1959) / Olive Hosmer, Montreal (acquired [before] 1960) / John H. Shuter, nephew the previous owner, Beaconsfield, Québec/Montreal (acquired after 1970) / Galerie Nathan, Zurich / private collection, southern Germany/Great Britain (acquired at Nathan in 1984)
Ausstellung: Vincent van Gogh. Rotterdam, Kunstzalen Oldenzeel, 1903, no. 4 / Canada collects. European Painting 1860–1960. Montreal, Museum of Fine Arts, 1960, cat. no. 153, ill. p. 51
Literatur und Abbildung: J(acob)-B(aart) de la Faille: L’Œuvre de Vincent van Gogh. Catalogue raisonné. 4 vols. Paris/Brüssel, Les Éditions G. van Oest, 1928, here vol. 1: cat. no. 144, vol. 2: ill. pl. XL („Paysanne brabançonne“, canvas on wood) / Walther Jan Clemens Vanbeselaere: De Hollandsche periode (1880–1885) in het werk van Vincent van Gogh (1853–1890). Antwerpen, De Sikkel, 1937 (= Diss. 1934), p. 290, no. 144 (canvas on wood), p. 341f. / J(acob)-B(aart) de la Faille: Vincent van Gogh. Paris, Hyperion, 1939, cat. no. 154, with ill. („Bäuerin aus Brabant“, oil on wood) / Jan Hulsker: Van Gogh en zijn weg. Het complete werk. Amsterdam, Meulenhoff International, 1978, cat. no. 561, with ill. („Boerenvrouw, kop“, canvas on wood) / Ingo F. Walther/Rainer Metzger: Vincent van Gogh. Sämtliche Gemälde, vol. 1: Etten, April 1881 – Paris, Februar 1888. Cologne, Benedikt Taschen Verlag, 1989, ill. p. 68 („Kopf einer Bäuerin mit weißer Haube“) / Louis van Tilborgh und Marije Vellekoop: Van Gogh in Utrecht. The Collection of Gerlach Ribbius Peletier (1856–1930). In: Van Gogh Museum Journal 1997-1998, p. 26-41, here p. 28, ill. 2 (photo of the living room of the Ribbius Peletier family in Utrecht, 1903-04, our painting left on an easel), p. 30, p. 33, ill. 6 (paintings in the living room of the Ribbius Peletier family in Utrecht by Elsie Spronck, 1932, our painting back right over the door), p. 34 and p. 36, no. 2, with ill. („Head of a woman“, oil on canvas on wood) / Martha Op de Coul: In search of Van Gogh’s Nuenen studio: the Oldenzeel exhibitions of 1903. In: Van Gogh Museum Journal 2002, p. 113, no. 4
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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