Lot no. 10
Wassily Kandinsky (Moskau 1866 – 1944 Neuilly) „IM HERBST (HERBSTTAGE)“. Um 1901 Öl auf Leinwand. 55,5 x 60 cm ( 21 ⅞ x 23 ⅝ in.). Unten links signiert: KANDINSKY. Auf dem Keilrahmen oben mit Bleistift signiert und betitelt: KANDINSKY „Im HERBST“. Unten von anderer Hand mit Kreide beschriftet: Stuckschule Herrn Dr. Kandinsky. Roethel/Benjamin Band II, S. 571 (Nachtrag zu Band I).– [3010] Provenienz: Privatsammlung, USA (in den 1920er Jahren in Paris oder Berlin erworben, seitdem in Familienbesitz) Ausstellung: Elberfeld/Wiesbaden/Krefeld 1901/02 / II. Ausstellung. München, Künstler-Vereinigung Phalanx, 1902, Kat.-Nr. 99 („Herbsttage“) / Odessa/St. Petersburg 1902 / Moskau 1903 / Warschau, Oktober 1904 / Krakau, Dezember 1904 / Dresden, November 1905 Literatur und Abbildung: N. N.: [Von Ausstellungen und Sammlungen] München. Die Künstlervereinigung ,Phalanx‘ [...]. In: Die Kunst für Alle, Jg. XVII, H. 12, 15.3.1902, S. 284-285, hier S. 284 / Will Grohmann: Wassily Kandinsky. Life and Work. New York, 1958, S. 329; dt. Ausgabe: Wassily Kandinsky. Leben und Werk. Köln, Verlag M. DuMont Schauberg, 1958, S. 329, Kat.-Nr. 6 (datiert: 1902) / Donald E. Gordon: Modern Art Exhibitions 1900–1916. Selected Catalogue Documentation. 2 Bde. München, Prestel-Verlag, 1974 (= Materialien zur Kunst des 19. Jahrhunderts, Band 14/I u. II), hier Bd. II, S. 39 / Vivian Endicott Barnett: The Discovery of an Early Kandinsky Landscape. In: Source. Notes in the History of Art, Jg. II, Nr. 3, Frühjahr 1983, S. 17-20 / Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Bayern liebt. Zu Kandinskys wiederentdecktem Frühwerk aus dem Jahre 1901. In: Grisebach. Das Journal. Herbst 2014, S. 40-43, Farbabb. S. 42/43 Um 1900 kennen wir Wassily Kandinsky als Maler kleiner Ölstudien, rasch vollendet draußen auf den Plätzen und in den Parks seiner Wahlheimat München, wo er nach einem ersten gescheiterten Aufnahmeversuch an der Akademie in der Schule von Anton Ažbe studierte. Die auf Malpappe entstandenen kleinen Szenen bestechen bis heute durch ihre Spontaneität und die Unmittelbarkeit der auf Anweisung Ažbes mit dem Spachtel aufgebrachten, leuchtenden ungebrochenen Farben. Während sie gemeinhin als erste Anzeichen für Kandinskys Weg hin zu einer Autonomie der Farbe interpretiert werden, beschreibt der Künstler die Ölskizzen in seinen „Rückblicken“ so: „Bei einigermaßen anständigem Wetter malte ich jeden Tag eine oder zwei Studien. [...] Im Studienmalen ließ ich mich gehen. Ich dachte wenig an Häuser und Bäume, strich mit dem Spachtel farbige Streifen und Flecken auf die Leinwand und ließ sie so stark singen, wie ich nur konnte.[...] Nachher, besonders zu Hause, immer eine tiefe Enttäuschung.“ War Kandinsky um 1900 möglicherweise noch nicht mit dem Thema der Autonomie der bildnerischen Mittel beschäftigt? Was beschäftigte ihn dann „zu Hause“, beim Arbeiten im Atelier, vor der Staffelei? Das erst 1982 der Öffentlichkeit bekannt gewordene Gemälde „Im Herbst (Herbsttage)“ gibt Auskunft. Zugeschrieben und datiert durch Vivian Endicott Barnett wurde es als Nachtrag zu Band 1 in den Band 2 des Werkverzeichnisses der Ölgemälde Kandinskys aufgenommen. „Im Herbst (Herbsttage)“ ist ein Atelierbild durch und durch. In seiner präsentablen, fast quadratischen Größe, gemalt auf grober Leinwand in vielen Schichten, hebt es sich klar gegen die kleinen Ölskizzen ab. Noch mehr ist es das Sujet. Eine hügelige, baumbestandene Landschaft, durch die an einer Birke vorbei zwei engumschlungene Figuren schreiten. Getaucht ist die träumerische Szene in ein warmes, lange Schatten werfendes Herbstlicht, aus dem die in kontrastreichen Kostümen gekleideten Figuren und gelegentliche tiefblaue Pinselstriche hervorleuchten. Ein anderer Lehrer Kandinskys kommt hier in den Sinn: Franz von Stuck, den Kandinsky verehrte und der ihn im Jahr 1900 beim zweiten Vorstellungsgesuch in seine Klasse aufnahm. Vieles setzt sich in Bezug: Das Komponieren einer erdachten Landschaft, das Zutun erzählerischer, symbolischer Elemente, das warme Kolorit, der fast im Gegensatz steht zum Isolieren der Farbe bei Ažbe, bis hin zu dem besonderen, fast quadratische Bildmaß zwischen 50 und 60 cm Größe, zu der Zeit ein bevorzugtes Format von Stucks. Barnett hat „Im Herbst (Herbsttage)“ zu Recht als direkten Vorläufer eines anderen wichtigen Frühwerks Kandinskys bezeichnet. „Der blaue Reiter“, ein Atelierbild ähnlichen Formats und ähnlicher malerischer Durchdringung, zeigt wieder eine hügelige, mit Birken bestandene und stellenweise blau verschattete Herbstlandschaft (s. Abb. links). Diesmal gibt eine Reiterfigur dem Bild Dynamik und Richtung. Das Kolorit hat sich merklich geklärt. Wolken, Hügel, Bäume, Reiter, Figuren ... Sie alle tauchen, wie wir wissen, in den frühen Abstraktionen Kandinskys wieder auf. War das Erdenken und Erträumen, das stundenlange sich-Versenken in die Malerei im Atelier, in Kompositionen und Farbklänge, eine Tätigkeit, bei der sich ein großer geistiger Freiraum eröffnete, nicht genauso Voraussetzung für die späteren Meisterwerke des größten Künstlers der abstrakten Avantgarde? (MF) Wassily Kandinsky (Moscow 1866 – 1944 Neuilly) „IM HERBST (HERBSTTAGE)“. Circa 1901 Oil on canvas. 55,5 x 60 cm ( 21 ⅞ x 23 ⅝ in.). Signed lower left: KANDINSKY. On the upper stretcher bar signed and titled in pencil: KANDINSKY „Im HERBST“. At the bottom in a different hand inscribed with crayon: Stuckschule Herrn Dr. Kandinsky. Roethel/Benjamin volume II, p. 571 (addendum to volume I).– [3010] Provenienz: Private collection, USA (acquired in the 1920s in Paris or Berlin, thence by descent to the present owner) Ausstellung: Elberfeld/Wiesbaden/Krefeld 1901/02 / II. Ausstellung. Munich, Künstler-Vereinigung Phalanx, 1902, cat. no. 99 („Herbsttage“) / Odessa/St. Petersburg 1902 / Moscow 1903 / Warsaw, October 1904 / Krakow, December 1904 / Dresden, November 1905 Literatur und Abbildung: N. N.: [Von Ausstellungen und Sammlungen] München. Die Künstlervereinigung ,Phalanx‘ [...]. Die Kunst für Alle, vol. XVII, issue. 12, 15 March 1902, pp. 284-285, here p. 284 / Will Grohmann: Wassily Kandinsky. Life and Work. New York, 1958, p. 329; German edition: Wassily Kandinsky. Leben und Werk. Cologne, Verlag M. DuMont Schauberg, 1958, p. 329, cat. no. 6 (dated: 1902) / Donald E. Gordon: Modern Art Exhibitions 1900–1916. Selected Catalogue Documentation. 2 vols. Munich Prestel-Verlag, 1974 (= Materialien zur Kunst des 19. Jahrhunderts, vol. 14/I and II), here vol. II, p. 39 / Vivian Endicott Barnett: The Discovery of an Early Kandinsky Landscape. Source. Notes in the History of Art, vol. II, no. 3, spring 1983, pp. 17-20 / Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Bayern liebt. Zu Kandinskys wiederentdecktem Frühwerk aus dem Jahre 1901. Grisebach. Das Journal. fall 2014, pp. 40-43, colour ill. p. 42/43
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Œuvres Choisies
10719 Berlin - Germany
11/27/2014
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