Lot no. 274
Werner Heldt (Berlin 1904 – 1954 Sant'Angelo d'Ischia)
„Aufruhr 1848“. 1948
Kohle auf gelblichem, leicht genarbtem Papier. 73 × 99,5 cm ( 28 ¾ × 39 ⅛ in.). Unten rechts monogrammiert und datiert: WH. 48.
Seel 517.–
[3410]
Provenienz: Siegfried Enkelmann, München / Privatsammlung, Berlin (bis 2008)
Ausstellung: Werner Heldt. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen (Gedächtnisausstellung). Berlin, Haus am Waldsee, 1954, Kat.-Nr. 129
Literatur und Abbildung: Auktion 160: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 28. November 2008, Kat.-Nr. 59
1948 jährte sich zum hundertsten Mal die Märzrevolution. In beiden Teilen Deutschlands wurde des Ereignisses mit großen Veranstaltungen gedacht. Die Westzonen standen kurz vor der Gründung der Bundesrepublik, deren Verfassung viele Elemente der Paulskirchenverfassung aufnehmen sollte. Die Rückbesinnung auf den demokratisch-liberalen Aufbruch des März 1848 tat dem bürgerlichen Bewusstsein gut nach dem Höllensturz aller bürgerlichen Werte nach 1933. Im Osten Deutschlands versuchte die SED ganz bewusst, nicht nur an die sozialrevolutionären Züge und die Rolle von Marx und Engels zu erinnern, sondern für sich auch die „humanistischen” und „fortschrittlichen” Elemente der 48er-Revolution einzugemeinden. Das Ziel war, unter der schwarz-rot-goldenen Fahne der Demokratie für sich die Position des „besseren“ Deutschland zu reklamieren.
Werner Heldts großformatiges Blatt ist vor dem Hintergrund dieser Bewusstseinswelle entstanden. Wie so oft in seinem Werk baut er das Bild dramatisch auf einen städtischen Fluchtpunkt hin auf. Die Revolutionsbühne ist eine Straßenkreuzung im typischen Berlin des Spätklassizismus mit jenen sachlich-kahlen, uniformen Häuserfassaden, die die Zeitgenossen entweder als militärisch-preußisch kritisiert oder als Aura sachlicher Nüchternheit gepriesen hatten. Darin wogt eine tausendköpfige Masse. Nur im Vordergrund sind individuelle Gesichter erkennbar, alle anderen Köpfe sind bloße Chiffren. Fahnen wehen, Gewehrläufe recken sich in die Luft. Im linken Vordergrund schwingt einer unterm Zylinderhut den Säbel. Als Zeitgenosse der politischen Demonstrationen im Berlin der 1920er-Jahre und der gelenkten Massenszenen nach 1933 hat sich Heldt immer wieder mit dem Bildmotiv der erregten Massen auf den Straßen beschäftigt. Sein im doppelten Sinn großes Blatt von 1948 ist wohl als Hommage an den stürmischen Wind der Freiheit gezeichnet. Wer es länger ansieht, entdeckt darin sowohl die Spuren des dunklen Ernstes von Menzels „Aufbahrung der Märzgefallenen” als auch, im Vordergrund, die Körperdynamik von „Auf den Barrikaden“ von Delacroix.
Christoph Stölzl, Weimar
Werner Heldt (Berlin 1904 – 1954 Sant'Angelo d'Ischia)
„Aufruhr 1848“. 1948
Charcoal on yellowish, slightly textured paper. 73 × 99,5 cm ( 28 ¾ × 39 ⅛ in.). Monogrammed and dated lower right: WH. 48.
Seel 517.–
[3410]
Provenienz: Siegfried Enkelmann, Munich / Private Collection, Berlin (until 2008)
Ausstellung: Werner Heldt. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen (Memorial Exhibition). Berlin, Haus am Waldsee, 1954, cat. no. 129
Literatur und Abbildung: Auction 160: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 28 November 2008, cat. no. 59
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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