Lot no. 160
Wilhelm Lehmbruck (Duisburg 1881 – 1919 Berlin)
„Mädchenakt mit aufgestemmtem linken Bein“. 1914
Tuschfeder und Bleistift auf Papier, auf Japan aufgezogen. 31 × 24,3 cm ( 12 ¼ × 9 ⅝ in.). Unten rechts mit Bleistift signiert: W Lehmbruck.
Händler 299.–
[3409]
Provenienz: Galerie Pels-Leusden, Berlin / Galerie Alex Vömel, Düsseldorf / Privatsammlung, Berlin (bis 2007)
Literatur und Abbildung: Auktion 150: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 30. November 2007, Kat.-Nr. 14
1914, Kriegsbeginn – Wilhelm Lehmbruck muss aus Paris zurück nach Deutschland. Ein Jahr zuvor war er noch zusammen mit Constantin Brancusi gefeierter Stern der gleichsam französischen Bildhauerei in der Armory Show in New York gewesen. 1919 – Lehmbruck, der bis heute nicht hinreichend gewürdigte Große unter den Weltbildhauern des 20. Jahrhunderts, nimmt sich sein Leben.
Ob Lehmbruck ab 1911 zur Entindividualisierung seiner Körper und Gesichter kam, weil er in Paris mit Tänzerinnen aus dem Umkreis von Djagilews Ballets Russes verkehrte und dies aus innerfamiliären Gründen künstlerisch nicht ausdrücken durfte oder aus anderen Gründen, wissen wir (noch) nicht. Lehmbrucks Frau Anita verstand es ab 1919 als junge Witwe und Alleinerziehende von drei Söhnen nachhaltig, die einen biografischen Spuren zu legen und andere zu verwischen. Eindeutig aber ebnete Lehmbruck in Paris parallel zu Brancusi mit seinen phänotypischen Gestalten des Menschenbildes einen zeitläufigen Weg, dessen Früchte anschließend auch die Kunst Giacomettis erntete. Volumina, Schattenrisse, Topoi substituierten das menschlich Einzigartige. Lediglich die gezeichnete Gestalt in Vorahnung einer Skulptur verblieb individualisiert – und so überzeitlich gültig.
1914: Der Linie der Anmut folgt die Linie des Schmerzes. Zweifelsfrei ist der „Mädchenakt mit aufgestemmtem linken Bein“ noch dem künstlerischen Wollen im Umkreis von Lehmbrucks „Schreitender“ (1913/14) zuzuordnen. Eine Form für „Grace“ zu finden (so der Titel eines Schlüsselwerks schon in der Frühphase 1902/04) war ein Kontinuum in Lehmbrucks Streben bis 1914, bis zur notwendigen Rückflucht aus Paris nach Deutschland. Das Lehmbrucksche „Maß gegen Maß“ bestimmte hier die Annäherung an die überindividuelle Ausdrucksform von weiblicher Schönheit durch die zu findende schöne Linie.
Ebenso zweifelsfrei zeigt „Medea“ (Kat.-Nr. 162) bereits den Bruch mit diesem Streben nach Schönheit und Anmut. Die Kriegseuphorie kehrte sich schon kurz nach Kriegsausbruch in Depression und Angst um, ähnlich wie Jasons Begeisterung für Medea in die für die Tochter Kreons umschlug. Mord und Vergeltung, Schmerz und Trauer, Flucht, Ohnmacht und Ausweglosigkeit treten als auszudrückende Abstrakta in die Idealschönen von Theater und Tanz! Die farbliche Betonung des Hintergrunds als Folie für das schreckliche Tun und Fluchtkorridor zugleich scheint hier im doppelten Sinn des Wortes auf.
„Die Sklavin“ (Kat.-Nr. 161) erweist sich in diesem Zusammenhang gar als tastende Studie zu Lehmbrucks Skulptur „Rückblickende“ (1914). Man merkt, dass sich jemand hinter einem umdreht, erkennt den Riss des Sich-Umdrehenden, nicht aber sein Gesicht. Nur noch strumpfmaskenhaft anonym ist das Gesicht der „Rückblickenden“ skulptural und hier auch zeichnerisch ausgearbeitet. Den Werken Brancusis ähnlich ist die physiognomische Reduktion der auf den ersten Blick koloriert „zugestrichenen“ Radierung. Doch das Zugestrichene korrespondiert mit dem Strumpfmaskenhaften. Das Individuelle entschwindet, das phänotypische in Form, Volumen und Torsion obsiegt.
1919: kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges – das Menschenbild ist der Kunst abhandengekommen. Ein Schwarzes Quadrat, ein Pissoir, flüchtige Abstraktionen und zukünftig Bauhaus-geadelte Ungegenständlichkeit stehen im Fokus der Kunstszene. Lehmbrucks später Torso (1918), in dem die ästhetische Notwendigkeit skulpturaler Form die anatomische Unversehrtheit des Vorbildlichen überwalmte, kam nicht mehr in den Spot. Der Star der Armory Show stand vor dem Scherbenhaufen seines am Menschenbild orientierten Kunstwollens. Nicht erwiderte Liebe und die Brutalität, mit der sich die Spartakisten auf den Straßen gerierten, taten das Ihre hinzu. Geschockt von der Realität, verzweifelt im Privaten und scheinbar perspektivlos im Künstlerischen, ging Lehmbruck, wie Alma Mahler-Werfel expressionistisch und metaphernstark Fritz von Unruh zitiert, nach Hause, „öffnete den Gashahn, steckte den Schlauch in den Mund und war in wenigen Minuten dort, wo er sein wollte.“ Er trat so selbstverantwortet ein in sein noch immer dunkles Nachleben – aber immerhin in eines, das die Flamme bereithält, die er prometheusgleich dem jungen Joseph Beuys lichtend weiterreichte.
Raimund Stecker, Düsseldorf
Wilhelm Lehmbruck (Duisburg 1881 – 1919 Berlin)
„Mädchenakt mit aufgestemmtem linken Bein“. 1914
Pen and India ink and pencil on paper, laid down on Japan paper. 31 × 24,3 cm ( 12 ¼ × 9 ⅝ in.). Signed in pencil lower right: W Lehmbruck.
Händler 299.–
[3409]
Provenienz: Galerie Pels-Leusden, Berlin / Galerie Alex Vömel, Düsseldorf / Private Collection, Berlin (until 2007)
Literatur und Abbildung: Auction 150: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 30 November 2007, cat. no. 14
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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