Lot no. 265
Wilhelm Leibl (1844 Köln – 1900 Würzburg)
„Kücheninterieur“. 1888
Öl auf Holz. 27 × 20,5 cm ( 10 ⅝ × 8 ⅛ in.). Unten links signiert (oberhalb einer älteren Signatur): W. Leibl.
Waldmann 192.–
[3062]
Provenienz: Max Liebermann, Berlin (wohl 1891 erworben, bis 1935) / Martha Liebermann, Berlin (1935–1937) / Kunsthandlung Victor Rheins, Berlin (1937) / Prof. Guido Joseph Kern, Berlin (1937) / Kunsthandlung Paul Römer, Berlin (1938) / Kunsthandlung Gerstenberger, Chemnitz (1938) / Österreichische Galerie, Wien (1938 erworben, 2015 an die Erben nach Max Liebermann restituiert)
Ausstellung: Illustrierter Katalog der Münchener Jahres-Ausstellung von Kunstwerken aller Nationen im Kgl. Glaspalaste 1891, 3. Auflage, München 1891, Kat.-Nr. 864a (verkäufl.) / Wilhelm Leibl. Gemälde, Zeichnungen, Radierungen. Berlin, Akademie der Künste und Galerie Matthiesen, und Köln, Wallraf-Richartz-Museum, 1929, Kat.-Nr. 102, Abb. LXX / Wilhelm Leibl zum 150. Geburtstag. München, Neue Pinakothek, und Köln, Wallraf-Richartz-Museum, 1994, Kat.-Nr. 115, mit ganzseitiger Farbabbildung
Literatur und Abbildung: Max Osborn: Berliner Privatgalerien, II. Die Sammlung Max Liebermann. In: Nordwest, Jg. 1, 1909, Nr. 19. S. 584-589, hier S. 587 / Emil Waldmann: Wilhelm Leibl. Eine Darstellung seiner Kunst. Gesamtverzeichnis seiner Gemälde. Cassirer, Berlin 1914, Kat.-Nr. 187, Abb. 161 / Weltkunst, 11.12.1938 / Fritz Novotny: Neuerwerbungen der Österreichischen Galerie in Wien. Wien 1940, S. 7, Abb. 51 / Katalog der Neuen Galerie in der Stallburg. Wien, Kunsthistorisches Museum, 1967, S. 25, Abb. 15 / Karl-Heinz und Annegret Janda: Max Liebermann als Kunstsammler. In: Forschungen und Berichte, hrsg. v. den Staatlichen Museen zu Berlin, Band 15, 1973, S. 105-149, hier S. 131, Nr. 51, Abb. Tf. 13 / Boris Röhrl (Hrsg.): Wilhelm Leibl (1844–1900). Briefe mit historisch-kritischem Kommentar. Gesamtverzeichnis des schriftlichen Nachlasses. Hildesheim u.a., Olms, 1996, S. 288-289 (Brief 159) / Kunst des 19. Jahrhunderts. Bestandskatalog der Österreichischen Galerie des 19. Jahrhunderts, Bd. 3 (L–R). Bearb. v. Bärbel Holaus, Elisabeth Hülmbauer und Claudia Wöhrer. Wien 1998, S. 20, m. Abb. / Ernst Braun (Hrsg.): Max Liebermann. Briefe, Bd. 1: 1869–1895. Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV), Baden-Baden 2011, S. 213-214 (Brief ML0917) / Bärbel Hedinger, Michael Diers und Jürgen Müller (Hrsg.): Max Liebermann. Die Kunstsammlung. Von Rembrandt bis Manet. Hirmer Verlag, München 2013, S. 173 u. S. 269-270, SL 93, m. Farbabbildung / Ausst.-Kat.: Verlorene Schätze. Die Kunstsammlung von Max Liebermann. Max- Liebermann-Gesellschaft in der Liebermann-Villa am Wannsee, Berlin 2013/14, S. 161, Nr. 99, m. Farbabb. (Verzeichnis der Sammlung von Karl-Heinz und Annegret Janda, überarbeitet und ergänzt von Monika Tatzkow)
Als seltenes Beispiel im Œuvre Leibls ist das menschenleere Interieur zugleich malerisch eine seiner kostbarsten Arbeiten. Der Küchenraum zeigt in der linken Ecke drei irdene Gefäße auf einer Ablage, darunter einen Korb mit Brennholz. Links von der geöffneten Küchentür liegen zwei abgestreifte Pantine, während rechts davon ein hölzerner Bottich steht. All diese angedeuteten Gegenstände des bäuerlichen Alltags sind zudem an den Bildrand gerückt und machen uns damit die Absicht Leibls deutlich, das Erzählerische hinter die malerische Gesamtwirkung treten zu lassen. Lediglich die Pinselführung im Bereich des Bodens und der Decke deutet die perspektivischen Verhältnisse an und leitet den Blick des Betrachters in die Tiefe des Raumes. Die geöffnete Tür bildet sozusagen den Rahmen für ein Bild im Bilde, und der Kontrast von offen und geschlossen erzeugt zusammen mit dem Schatten der Decke eine gewisse Unheimlichkeit - trotz allem Realismus.
Koloristisch erscheint das Bild auf den ersten Blick eher einfach, erst beim genaueren Betrachten erkennt man die komplexen Farbzusammenhänge. Das Spektrum reicht dabei von warmen Weiß-, Ocker- und Brauntönen bis zu den kühleren Grau- und Schwarztönen der Schattenpartien. Bei den Künstlern im Umkreis von Wilhelm Leibl, wie Theodor Alt, Johann Sperl und auch Carl Schuch waren Studien von Interieurs sehr verbreitet, dabei richtete sich ihre Aufmerksamkeit häufig auf unscheinbare Motive, um sich ganz auf das Malerische zu konzentrieren.
Im Werk von Leibl sind zwei Gemälde mit unserer Darstellung eng verwandt, ein vermutlich in den gleichen Jahren entstandenes „Interieur mit offener Tür“ (Waldmann, 1930, Nr. 191) und ein „Stubeninterieur“ von 1897 im Museum Georg Schäfer, Schweinfurt (Waldmann, 1930, Nr. 216).
Allen drei Darstellungen gemeinsam ist einerseits der Einfluß der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts und andererseits die realistische und virtuose Malweise. Anfang 1890 schreibt Leibl an seinen Malerfreund Johann Sperl: „Auch würde es mich anregen, einige vorzügliche Photographien nach den Liebling + Alten Meistern zu bekommen, die so flott gemalt haben. Ärgern muß ich mich, daß ich in Kutterling nicht viele solcher Sachen gemalt habe wie die Küche, was mir der reinste Spaß gewesen wäre… In der Küche bin ich auf dem Brunnentrog gesessen und habe über die Hand malen müssen…“ (Boris Röhrl, Wilhelm Leibl, Briefe, Hildesheim, Zürich, New York, 1996, 144, S. 259/260).
Dieses Briefzitat unterstreicht die Bedeutung des angebotenen Bildes für den Künstler selbst und kann hier erstmals mit unserem Bild in Zusammenhang gebracht werden.
Es ist sicher kein Zufall, daß gerade dieses Bild in der bedeutenden Sammlung von Max Liebermann einen würdigen Platz neben den Meisterwerken von Degas, Manet und Cézanne fand (siehe Foto). Liebermann bewunderte den Künstler sehr und sprach im Vorwort zur großen Ausstellung in der Nationalgalerie 1929 von Leibl als dem „größten deutschen Maleringenium seit der Renaissance“. Als er im Jahr 1889 mit der Organisation einer Ausstellung deutscher Künstler in Paris beschäftigt war, die während der Weltausstellung zu sehen sein sollte, warb er auch mehrfach um die Teilnahme Leibls, der aber erst nach langem Zögern zustimmte. Diese sehr erfolgreiche Präsentation brachte schließlich den entscheidenden Durchbruch in Leibls Karriere und zog wichtige Ausstellungen nach sich die Leibls Ruhm bis weit ins 20. Jahrhundert hineintrugen und ihn als eine der zentralen Figuren in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts etablierten. Michael Mohr
Das Gemälde wird im ausdrücklichen Einvernehmen mit den Erben von Max und Martha Liebermann angeboten.
Wilhelm Leibl (1844 Cologne – 1900 Würzburg)
„Kücheninterieur“. 1888
Oil on panel. 27 × 20,5 cm ( 10 ⅝ × 8 ⅛ in.). Signed lower left (above an older signature): W. Leibl.
Waldmann 192.–
[3062]
Provenienz: Max Liebermann, Berlin (presumably acquired 1891, until 1935) / Martha Liebermann, Berlin (1935–1937) / Kunsthandlung Victor Rheins, Berlin (1937) / Prof. Guido Joseph Kern, Berlin (1937) / Kunsthandlung Paul Römer, Berlin (1938) / Kunsthandlung Gerstenberger, Chemnitz (1938) / Österreichische Galerie, Vienna (acquired 1938, 2015 restituted to the heirs of Max Liebermann)
Ausstellung: Illustrierter Katalog der Münchener Jahres-Ausstellung von Kunstwerken aller Nationen im Kgl. Glaspalaste 1891, 3rd ed, Munich 1891, cat. no. 864a (for sale) / Wilhelm Leibl. Gemälde, Zeichnungen, Radierungen. Berlin, Akademie der Künste and Galerie Matthiesen, and Cologne, Wallraf-Richartz-Museum, 1929, cat. no. 102, ill. LXX / Wilhelm Leibl zum 150. Geburtstag. Munich, Neue Pinakothek, and Cologne, Wallraf-Richartz-Museum, 1994, cat. no. 115, wiht full-page colour illustration
Literatur und Abbildung: Max Osborn: Berliner Privatgalerien, II. Die Sammlung Max Liebermann. In: Nordwest, vol. 1, 1909, no. 19. p. 584-589, here p. 587 / Emil Waldmann: Wilhelm Leibl. Eine Darstellung seiner Kunst. Gesamtverzeichnis seiner Gemälde. Berlin, Cassirer, 1914, cat. no. 187, ill. 161 / Weltkunst, 11.12.1938 / Fritz Novotny: Neuerwerbungen der Österreichischen Galerie in Wien. Wien 1940, p. 7, ill. 51 / Katalog der Neuen Galerie in der Stallburg. Vienna, Kunsthistorisches Museum, 1967, p. 25, ill. 15 / Karl-Heinz and Annegret Janda: Max Liebermann als Kunstsammler. In: Forschungen und Berichte, published by the Staatlichen Museen zu Berlin, vol. 15, 1973, p. 105-149, here p. 131, no. 51, ill. pl. 13 / Boris Röhrl (ed.): Wilhelm Leibl (1844–1900). Briefe mit historisch-kritischem Kommentar. Gesamtverzeichnis des schriftlichen Nachlasses. Hildesheim etc., Olms, 1996, p. 288-289 (letter 159) / Kunst des 19. Jahrhunderts. Bestandskatalog der Österreichischen Galerie des 19. Jahrhunderts, vol. 3 (L–R). Prepared by Bärbel Holaus, Elisabeth Hülmbauer and Claudia Wöhrer. Vienna 1998, p. 20, with ill. / Ernst Braun (ed.): Max Liebermann. Briefe, vol. 1: 1869–1895. Baden-Baden, Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV), 2011, p. 213-214 (letter ML0917) / Bärbel Hedinger, Michael Diers and Jürgen Müller (eds.): Max Liebermann. Die Kunstsammlung. Von Rembrandt bis Manet. Munich, Hirmer Verlag, 2013, p. 173 and p. 269-270, SL 93, with colour ill. / Exh. cat.: Verlorene Schätze. Die Kunstsammlung von Max Liebermann. Berlin, Max-Liebermann-Gesellschaft, in der Liebermann-Villa am Wannsee, 2013/14, p. 161, no. 99, with colour ill. (catalogue of the collection by Karl-Heinz and Annegret Janda, re-worked and extended by Monika Tatzkow)
The painting is offered for sale with the express consent of the heirs of Max and Martha Liebermann
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
About the sale
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