Lot no. 254
Wilhelm Leibl (Köln 1844 – 1900 Würzburg)
„BAUERNMÄDCHEN MIT WEISSEM HALSTUCH“. 1897
Öl auf Mahagoni-Holz. 37 x 29 cm ( 14 ⅝ x 11 ⅜ in.). Oben rechts signiert und datiert: W. Leibl 97.
Waldmann 242.–
[3046]
Provenienz: Deutscher Kunstverein, Berlin (1897 erworben und verlost) / Dr. Alexander Lewin, Guben (spätestens 1930 erworben, ein Verkauf über E. Litthauer, Berlin, an die Galerie Heinemann, München, im April/Mai 1938 kam nicht zustande) / Deutsches Reich (spätestens im Frühjahr 1939 für das „Führer-museum“ in Linz erworben, Nr. 547) / Central Collecting Point (1945 übernommen, Property Card mü 11219) / Bundesrepublik Deutschland (1952 treuhänderisch aus dem Restbestand des CCP erhalten, 1966 als Dauerleihgabe an die Kunsthalle Bremen überwiesen; Inv.-Nr. 939–1966/21) / Erben nach Dr. Alexander Lewin (restituiert am 30.9.2009)
Ausstellung: Wilhelm Leibl und sein Kreis [...]. München, Städtische Galerie im Lenbachhaus, 1974, Kat.-Nr. 38, m. ganzseitiger Abbildung / Wilhelm Leibl zum 150. Geburtstag. München, Neue Pinakothek, und Köln, Wallraf-Richartz-Museum, 1994, S. 484, Kat.-Nr. 162, m. ganzseitiger Farbabb. S. 485 / Die Kunsthalle Bremen zu Gast in Bonn. Meisterwerke aus sechs Jahrhunderten. Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundes-republik Deutschland, 1997/98, S. 71f., Farbabb. S. 72
Literatur und Abbildung: Georg Gronau: Leibl. Bielefeld und Leipzig, Verlag von Velhagen & Klasing, 1901 (= Künstler-Monographien, hrsg. v. H. Knackfuß. Bd. L), S. 59, Abb. 52 („Bauernmädchen“), u. S. 64f. / Emil Waldmann: Wilhelm Leibl. Eine Darstellung seiner Kunst. Gesamtverzeichnis seiner Gemälde. Berlin, Cassirer, 1914, Kat.-Nr. 235, Abb. 205 / Katalog der Gemälde des 19. und 20. Jahrhunderts in der Kunsthalle Bremen. Bearb. v. Gerhard Gerkens und Ursula Heiderich. Bremen 1973, Textband S. 178, Abbildungsband Abb. 232 / Günter Busch und Jürgen Schultze: Meisterwerke der Kunsthalle Bremen. Bremen 1973, Kat.-Nr. 159, m. Abb. / Günter Busch: Kunsthalle Bremen. Braunschweig 1980 [Reihe „museum“], S. 91, Abb. S. 87 / Eberhard Ruhmer: Der Leibl-Kreis und die Reine Malerei. Rosenheim, Rosenheimer Verlagshaus, 1984, S. 109 u. S. 401, Nr. 175, m. ganzseitiger Abb. S. 294 / Siegfried Salzmann (Hg.): Kunsthalle Bremen. Eine Auswahl der Hauptwerke. Bremen 1989, S. 61, m. Farbabb. / Kunsthalle Bremen. Verzeichnis sämtlicher Gemälde. Bearb. v. Andreas Kreul. Wiesbaden 1994, Kat.-Nr. 616 / Wulf Herzogenrath und Ortrud Westheider: Kunsthalle Bremen. Picture Gallery, Print Room and New Media. (Paris?) Musées et Monuments de France, 1998, S. 77, ganzseitige Farbabbildung S. 76 / Kunsthalle Bremen, Band I: Meisterwerke. Gemälde, Skulpturen und Neue Medien. Bremen 1998, unpag., mit einem Text von Andreas Kreul und ganzseitiger Farbabbildung / Birgit Schwarz: Hitlers Museum. Die Fotoalben „Gemäldegalerie Linz“: Dokumente zum „Führermuseum“. Wien/Köln/Weimar, Böhlau Verlag, 2004, S. 312, Bd. XII (verschollen), Nr. XII/35
Max Liebermann, der wichtigste deutsche Maler seiner Generation, ist 1878 ausdrücklich wegen Wilhelm Leibl nach München übergesiedelt. Für Julius Meier - Graefe, den einzigartigen Kritiker, Gelehrten und Schriftsteller, ist Leibl „der Bildnismaler der neueren Zeit, der größte seit Rembrandt“ gewesen, und sogar van Gogh wusste die Kunst seines Zeitgenossen zu rühmen. Mit der Erinnerung an diese drei Zeugen für den hohen Rang Leibls und eigenem Anschauungsvermögen ist auch das Bauernmädchen zu würdigen. Leibl hat hier seine junge Köchin Theresia Haltmaier porträtiert, als er im oberbayrischen Kutterling lebte, seit 1892. Sie wurde von ihm mehrfach als Modell in Malerei und Zeichnung genutzt, etwa für Küchenszenen, sodaß sie bald „Malresl“ hieß. Nur Modell ist sie hier allerdings nicht gewesen, auch handelt es sich nicht um eine Studie, vielmehr um ein selbständiges Porträt. Das Mädchen ist sehr nahe genommen und als Brustbild gegeben, sitzend, etwas von oben, ein wenig aus der Vorderansicht gewendet und darüber hinaus den Kopf leicht geneigt. Diese Neigung verstärkt die ernste, sogar traurige Miene, aber die Haare sind straff nach hinten gezogen, das Halstuch energisch geknotet, die Unterlippe mit einem Anflug von Trotz vorgeschoben, sodaß nicht nur ein einziger Charakterzug zur Wirkung kommt, sondern letztlich ein komplexes Verhältnis aus Empfindsamkeit und Willensstärke entsteht. „Von jeher war mein einziges Streben und wird es auch künftig bleiben“, hat Leibl an den Freund und Biographen Julius Mayr über seine Menschendarstellung geschrieben, „auf die Feinheiten, welche nur die Natur bietet, so genau wie möglich einzugehen und sehe darin auch nur den einzigen Weg, welcher der Kunst würdig ist.“
Wilhelm Leibl, geboren in Köln 1844 und gestorben 1900 nach Jahren in München, Paris und wechselnden Orten in Oberbayern, hat das Gemälde verhältnismäßig spät geschaffen. Das „Bildnis der Mina Gedon“, die „Drei Frauen in der Kirche“, die sogenannten „Dorfpolitiker“ und die „Wildschützen“ lagen bereits zurück. Schon früh hat Leibl Anerkennung von Courbet wie überhaupt in Paris, aber auch von deutschen Zeitgenossen erhalten, von denen einige den Leibl-Kreis bildeten. Man wußte, hier zeigt sich ein Künstler von hohem Rang, der die Konventionen der Zeit beiseite ließ und aus enger Beziehung zur Natur die Menschen im Reichtum ihrer Individualität darzustellen vermochte – ganz sachlich. Solche aus dem unmittelbaren Verhältnis zur Natur gewonnene Sachlichkeit war seit der Mitte des Jahrhunderts in Europa langsam zur Wirkung gekommen und wurde dann folgenreich über das Jahrhundert hinaus. Es ist eine neue bürgerliche Kunst in der Nachfolge der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Wilhelm Leibl ist einer ihrer bedeutendsten Vertreter.
Das holländische Erbe sieht man dem Bauernmädchen nicht nur in der Auffassung an, sondern auch in der Malweise. In großzügigem Pinselduktus sind der grünblaue Hintergrund, die graue Bluse und das weiße Halstuch gemalt, sodaß man an Frans Hals erinnert wird, aber die kleinteiliger gesetzten Striche des Borstenpinsels im Gesicht und dessen plastische Modellierung durch Licht wie Schatten lassen an manche Werke Rembrandts denken. Mit dessen Menschen haben die Menschen Leibls auch den ernsten Ausdruck gemein. Beide Holländer hat der Nachfahre sehr geschätzt, ohne daß er in solcher Wertschätzung zum bloßen Nachahmer geworden wäre. Ihm sind die jüngeren Tendenzen ebenfalls nicht verborgen geblieben, die sich im Verzicht auf Erdfarben und in einer lichteren Palette zeigten. Der-gleichen macht sich in der Kunst Leibls seit etwa 1890 bemerkbar und ist dem Bauernmädchen in der Farbigkeit selbst dunkler Partien wie im leuchtend-frischen Inkarnat des Gesichtes anzusehen. So haben wir es hier insgesamt mit einem charakteristischen, reichen und schönen Werk der Bildniskunst von Wilhelm Leibl zu tun, zugleich mit einem der verhältnismäßig seltenen Porträts aus der Spätzeit.
Christian Lenz, München
Wilhelm Leibl (Cologne 1844 – 1900 Würzburg)
„BAUERNMÄDCHEN MIT WEISSEM HALSTUCH“. 1897
Oil on mahogany. 37 x 29 cm ( 14 ⅝ x 11 ⅜ in.). Signed and dated upper right: W. Leibl 97.
Waldmann 242.–
[3046]
Provenienz: German Kunstverein, Berlin (1897 acquired and raffled) / Dr. Alexander Lewin, Guben (at the latest 1930 acquired, a Verkauf over E. Litthauer, Berlin, at the Galerie Heinemann, Munich, in the April/May 1938 kam not zustande) / German Reich (at the latest in the Frühjahr 1939 for the „Führer-museum“ in Linz acquired, no. 547) / Central Collecting Point (1945 übernommen, Property Card mü 11219) / Federal Republic Germany (1952 treuhänderisch from the Restbestand of the CCP received, 1966 as long-term loan at the Kunsthalle Bremen transferred; inv. no. 939–1966/21) / heirs of Dr. Alexander Lewin (restituted am 30.9.2009)German Kunstverein, Berlin (acquired 1897 and raffled) / Dr. Alexander Lewin, Guben (acquired 1930 at the latest; a sale proposed for April/May 1938 - via E. Litthauer, Berlin to the Galerie Heinemann, Munich - was not realised) / German Reich (acquired spring 1939 at the latest for the “Führer Museum“ in Linz, no. 547) / Central Collecting Point (entered collecting point 1945, Property Card mü 11219 / Bundesrepublik Deutschland (1952 taken on trust from the remaining stocks of the CCP, 1966 transferred to the Kunsthalle Bremen on a long-term loan; inv. no. 939-1966/21 / Heirs of Dr. Alexander Lewin (restituted 30.09.2009)
Ausstellung: Wilhelm Leibl und sein Kreis [...]. Munich, Städtische Galerie im Lenbachhaus, 1974, cat. no. 38, with full-page illustration / Wilhelm Leibl zum 150. Geburtstag. Munich, Neue Pinakothek, and Cologne, Wallraf-Richartz-Museum, 1994, p. 484, cat. no. 162, with full-page colour illustration p. 485 / Die Kunsthalle Bremen zu Gast in Bonn. Meisterwerke aus sechs Jahrhunderten. Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundes-republik Deutschland, 1997/98, p. 71f., colour ill. p. 72
Literatur und Abbildung: Georg Gronau: Leibl. Bielefeld und Leipzig, Verlag von Velhagen & Klasing, 1901 (= Künstler-Monographien, ed. by H. Knackfuß. vol. L), p. 59, ill. 52 ("Bauernmädchen“), and p. 64f. / Emil Waldmann: Wilhelm Leibl. Eine Darstellung seiner Kunst. Gesamtverzeichnis seiner Gemälde. Berlin, Cassirer, 1914, cat. no. 235, ill. 205 / Katalog der Gemälde des 19. und 20. Jahrhunderts in der Kunsthalle Bremen. Prepared. v. Gerhard Gerkens und Ursula Heiderich. Bremen 1973, text volume p. 178, illustration volume ill. 232 / Günter Busch and Jürgen Schultze: Meisterwerke der Kunsthalle Bremen. Bremen 1973, cat. no. 159, with ill. / Günter Busch: Kunsthalle Bremen. Braunschweig 1980 [series "museum“], p. 91, ill. p. 87 / Eberhard Ruhmer: Der Leibl-Kreis und die Reine Malerei. Rosenheim, Rosenheimer Verlagshaus, 1984, p. 109 and p. 401, no. 175, with full-page ill. p. 294 / Siegfried Salzmann (ed.): Kunsthalle Bremen. Eine Auswahl der Hauptwerke. Bremen 1989, p. 61, with colour ill. / Kunsthalle Bremen. Verzeichnis sämtlicher Gemälde. Prepared by Andreas Kreul. Wiesbaden 1994, cat. no. 616 / Wulf Herzogenrath and Ortrud Westheider: Kunsthalle Bremen. Picture Gallery, Print Room and New Media. (Paris?) Musées et Monuments de France, 1998, p. 77, full-page colour ill. p. 76 / Kunsthalle Bremen, vol I: Meisterwerke. Gemälde, Skulpturen und Neue Medien. Bremen 1998, unpag. with a text by Andreas Kreul and full-page colour illustration / Birgit Schwarz: Hitlers Museum. Die Fotoalben „Gemäldegalerie Linz“: Dokumente zum „Führermuseum“. Vienna/Cologne/Weimar, Böhlau Verlag, 2004, p. 312, vol. XII (lost), no. XII/35
Max Liebermann, the most important German painter of his generation, moved to Munich in 1878 expressly on account of Wilhelm Leibl. Julius Meier-Graefe, the singular critic, scholar, and writer, called Leibl the “portraitist of the modern era, the greatest since Rembrandt,” and even van Gogh extolled his contemporary’s work. Let us bear in mind the testimony of these three eminent artists for Leibl’s stature when we appreciate his “Peasant Girl.” Leibl painted this portrait of his young cook Theresia Haltmaier while he was living in Kutterling in Upper Bavaria, where he had moved in 1892. He used her so often as a model for his paintings and drawings, in kitchen scenes, for example, that she soon acquired the name “Malresl” [a fusion of the German verb “to paint” and a common nickname for Theresia]. Here, however, she is no mere model, nor is this painting a study. Rather, it stands on its own as a portrait. The girl is depicted close up as a bust portrait, seated, viewed slightly from above, turned just a little off axis and with her head slightly inclined. This inclination reinforces the serious, even mournful impression of her face, but we also see that her hair is pulled back tightly, her neckerchief vigorously tied, and her lower lip pushed forward with a hint of defiance, so that no single characteristic feature emerges, but rather a complex relationship between sensitivity and strength of will. “It has always been and will always remain the sole object of my striving,” Leibl wrote his friend and biographer Julius Mayr about his portrayal of people, “to explore as precisely as possible those fine details such as only nature can offer, and in my view this is the only approach worthy of art.”
Wilhelm Leibl was born in 1844 in Cologne and died in 1900 after living in Munich, Paris, and various places in Upper Bavaria. He painted this work relatively late in his career, after he had already painted his “Portrait of Mina Gedon”, “Drei Frauen in der Kirche” (Three Women in Church), the so-called “Dorfpolitiker” (The Village Politicians), and “Die Wildschützen” (The Poachers). Leibl won acclaim early on from Courbet and the Parisian art world in general as well as from his German contemporaries, some of whom were part of the Leibl Circle. There was a recognition that he was an artist of great stature who dispensed with the conventions of the age and was capable of depicting the rich individuality of human beings from a position of closeness with nature – very objectively. Leibl exemplified an objectivity derived from a direct connection to nature, which had gained in momentum since the mid-19th century in Europe and then had major consequences for the following century. This was a new, bourgeois art to succeed 17th-century Dutch painting, and Wilhelm Leibl was one of its most important exponents.
The Dutch tradition embodied by the “Peasant Girl” is evident not only in its composition, but in the painting style as well. The blue-green background, the grey blouse, and the white neckerchief are painted in generous brushstrokes and call to mind the works of Frans Hals, while the more delicate strokes of the tip of the bristle brush show greater detail in the face, sculpturally modeled through light and shadow in a way that calls to mind many of Rembrandt’s works. That master’s subjects share their stern expressions with Leibl’s. While Leibl admired both Dutch predecessors – Hals and Rembrandt – he did so without letting his admiration turn to mere imitation. He was also familiar with newer trends, which are reflected in the absence of earth tones and the brighter palette. These are recognizable in Leibl’s art after about 1890 and can also be detected in the varied coloring even of dark sections of this painting as well as in the fresh and luminous complexion of the girl’s face. Thus, this painting is a characteristic, rich, and beautiful example of Wilhelm Leibl’s portraiture as well as one of the relatively few portraits from his late period.
Christian Lenz, Munich
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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