Lot no. 199
Wilhelm Leibl (Köln 1844 – 1900 Würzburg)
Bildnis des Appellationsrats Stenglein. 1871
Öl auf Leinwand. 51,5 × 42 cm ( 20 ¼ × 16 ½ in.). Oben rechts signiert: W. Leibl.
Waldmann 119 ("Bildnis des Apellrats Steinglein").–
[3023]
Provenienz: Kunstsalon Fritz Gurlitt, Berlin / Rudolf Mosse, Berlin (spätestens 1908, bis 1920) / Emilie Mosse, Berlin (1920–1924) / Hans und Felicia Lachmann-Mosse, Berlin (1924–1934) / Fritz Nathan, St. Gallen (um 1936/1946) / Privatsammlung, Schweiz (bis 1987) / Galerie der Stadt Sindelfingen (1987 für die Sammlung Lütze II erworben, 2016 an die Erben nach Rudolf Mosse restituiert)
Ausstellung: Wilhelm Leibl. Gemälde, Zeichnungen, Radierungen. Köln, Wallraf-Richartz-Museum, und Berlin, Preußische Akademie der Künste und Galerie Matthiesen, 1929, Kat.-Nr. 55, Abb. Tf. XXXVIII / Der unbekannte Winterthurer Privatbesitz 1500–1900. Winterthur, Kunstmuseum, 1942, Kat.-Nr. 172, Abb. Tf. XXV / Wilhelm Leibl zum 150. Geburtstag. München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek, und Köln, Wallraf-Richartz-Museum, 1994, Kat.-Nr. 62, mit ganzseitiger Farbabbildung
Literatur und Abbildung: Franz Hermann Meißner: Wilhelm Leibl. In: Deutsche Kunst, II. Jg., Nr. 2, 16.10.1897, S. 21-25, Abb. S. 23 / Katalog der Rudolf Mosse‘schen Kunstsammlung. Berlin 1908, S. 4 (Zimmer VIII, „Männerbildnis“) / Emil Waldmann: Wilhelm Leibl. Eine Darstellung seiner Kunst. Gesamtverzeichnis seiner Gemälde. Berlin, Cassirer, 1914, Kat.-Nr. 107, Abb. 88 / Katalog 2075: Kunstsammlung Rudolf Mosse, Berlin. Berlin, Rudolph Lepke‘s Kunst-Auctions-Haus, 29./30.5.1934, Kat.-Nr. 50, ganzseitige Abb. Tf. 1 („Bildnis des Appellationsrats Stenglein“) / Fritz Nathan: 10 Jahre Tätigkeit in St. Gallen, 1936–1946. St. Gallen 1946, o. S., mit Abbildung / Nationalgalerie Berlin, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz: Verzeichnis der Gemälde und Skulpturen des 19. Jahrhunderts. Berlin 1976, S. 222 (in der Beschreibung des dort verwahrten frontalen „Porträts des Appellationsrates Stenglein [Der Amtmann]“ erwähnt) / Bestandskatalog: Süddeutsche Kunst des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts. Sindelfingen, Galerie der Stadt, Lütze-Museum, 1990, S. 39
Wie Wilhelm Leibl eine Gesichtslandschaft entwirft aus dem brodelnden Gegensatz von Haut und Haar
Der „Appelationsrat Stenglein“ ist längst vergessen, selbst mit den Mitteln der modernen Internet-Suchmaschinen lassen sich keine Spuren zu ihm finden – und doch wird er die Zeiten überdauern, denn der große Wilhelm Leibl hat ihn im Jahre 1871 gemalt. Und dieses Bildnis erzählt bis heute vor allem von der technischen Meisterschaft des Künstlers, seinem psychologischem Blick, seiner meisterhaften Farbbehandlung. Und er hat jenem Appelationsrat zwei Augen gemalt, die einen so eindringlich und durchdringend anschauen, daß man sie nie wieder vergisst.
„Leibl ist kein Landschafts-sondern in erster Linie ein Menschenmaler gewesen“, so schreibt Hermann Beenken, „doch Natur ist für ihn ein Mosaik farbig stofflicher Werte“. In unserem Bildnis ist vor allem der Gegensatz zwischen den Hautpartieen, die Leibl aus einer Hundertschaft von feinen Fleischtonnuancen entwickelt und den Haarpartieen am Kinn und am Kopf. Die Flächigkeit gegen das fein gekräuselte, das Farbige gegen ein schillerndes Meer aus Grau. Darum geht es ihm in diesem Bild – darum auch ist der Hintergrund so schwarz wie der Frack des Justizbeamten. Sie sind nur die Folie, vor dem Leibl das Gesicht zu einem Erprobungsfeld seiner virtuosen Darstellung von Stofflichkeit macht. Im Zentrum das dunkle Rot der Lippen.
Das Bildnis gehört zu den Auftragsportraits, die Leibl 1871 nach seiner Rückkehr aus Paris schuf, wo er entscheidende künstlerische Impulse für sein weiteres Schaffen empfangen hatte. Es steht in einer Reihe mit dem Bildnis des Möbelfabrikanten Pallenberg in Köln und dem des Bürgermeisters Klein aus der Alten Nationalgalerie in Berlin. Während dieses zweiten Münchner Aufenthaltes entstehen wenige Bilder, nur 27 sind verzeichnet zwischen 1871 und 1873, und zwar fast ausschließlich Portraits. Es war eine besonders grüblerische Zeit für den ohnehin vergrübelten Leibl. Im Oktober 1870 war sein Vater gestorben, was den 27jährigen stark bedrückte. Und doch entwickeln die Portraits jener Zeit eine ganz besondere Suggestionskraft, weil sich Leibls Malstil lockert und die Menschen lebendiger werden, die französische Kunst, die er in Paris gesehen hatte, brodelte nun auch unter den Oberflächen seiner Leinwände. Wenn auch natürlich, wie immer bei Leibl, ganz subtil. Und doch ist der Parisaufenthalt sicherlich zwingend notwendig gewesen, damit Leibl diese ungeheure malerische Souveränität erlangen konnte, die aus dem Bildnis des „Appellationsrates Stenglein“ spricht.
Es sind eigentlich weniger diese großbürgerlichen Portraits, für die Leibl berühmt wurde, als vielmehr seine Hinwendungen an die oberbayrische Landbevölkerung, an die Haushaltshilfen und die Jäger und die Frauen in der Kirche, die er fünfzehn, zwanzig Jahre später in Bildnissen von größter Härte und sprödem Realismus erfasste. Seit Holbein hatte eigentlich kein deutscher Maler mehr so sehr Gesichter als Dokumente der Menschheitsgeschichte erfasst, unbarmherzig und zugewandt zugleich. Doch in den Spitzenbildern der frühen 1870er Jahre wie in diesem Bildnis ist die ganze malerische Meisterschaft Leibls bereits enthalten.
Es hat sich eine Studie zum Portrait aus der Sammlung Mosse erhalten, die heute in der Alten Nationalgalerie in Berlin verwahrt wird (Inv Nr. NG 818), die demonstriert, daß Leibl den Dargestellten in mehreren unterschiedlichen Perspektiven festgehalten hat. Die frontale Darstellung der Studie schien Leibl offenbar zu konfrontativ für die endgültige Umsetzung. Unser Bild, das eine geschlossenere Malstruktur als das Bild der Nationalgalerie zeigt, dürfte direkt im Anschluß entstanden sein, wie es auch der Werkverzeichnisautor Emil Waldmann in der zweiten Auflage korrigierte. Der Appellationsrat Stenglein ist im Dreiviertelportrait nach links blickend dargestellt. Es wurde vermutet, daß die veränderte Position des Gesichtes auf einen Einspruch des Dargestellten zurückzuführen sei. Doch da sich dieselbe Verfahrensweise auch für die beiden Portraits der Gräfin Treuberg nachweisen lässt, könnte es auch einen Einblick in die künstlerische Praxis von Leibl gewähren, der offenbar die direkte Frontalperspektive in der Darstellung brauchte, um zu einer für ihn schlüssigen Komposition zu kommen.
Das Foto vom 30. April 1932 aus dem Mosse-Palais ist eines der ganz raren Fotografien, die der Nachwelt einen Eindruck vermitteln von der Hängung in der Sammlung des legendären Rudolf Mosse. Bei einem Empfang von Mosses „Berliner Tagblatt“ zur Welthandels-Woche stehen Geheimrat Heck und Berthold Israel vor Leibls Gemälde „Bildnis des Appellationsrates Stenglein“. Es ist heute unvorstellbar, daß nur zwei Jahre später, also kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, die gesamte Sammlung Mosses in Berlin zwangsversteigert wird – darunter dieses Bild Leibls. Brutaler kann man kaum zeigen, in welcher Geschwindigkeit das jüdische Fundament der deutschen Kultur zu zerstören versucht wurde. Bereits 1933 emigrierten Hans Lachmann- Mosse und Felicia.
Wir zeigen die Abbildung aus dem Versteigerungskatalog von Rudolf Lepke von der Auktion am 24. Mai 1934 ,bei dem der Leibl die „Tafel 1“ darstellt – er war nach dem Kunstverständnis der frühen dreißiger Jahre das bedeutendste Gemälde von Mosses Sammlung und die 10.000 Mark, die es erlöste spiegeln diese Werteinschätzung wider. Es hat fast hundert Jahre gedauert, bis Wilhelm Leibl endlich in den Augen der Kenner wieder denselben Grad an Bedeutung erlangt hat, den ihm Rudolf Mosse einst zugemessen hat.
Florian Illies
Das Gemälde wird im ausdrücklichen Einvernehmen mit den Erben nach Rudolf Mosse angeboten.
Wilhelm Leibl (Cologne 1844 – 1900 Würzburg)
Portrait of Appellationsrat Stenglein. 1871
Oil on canvas. 51,5 × 42 cm ( 20 ¼ × 16 ½ in.). Signed upper right: W. Leibl.
Waldmann 119 ("Bildnis des Apellrats Steinglein").–
[3023]
Provenienz: Kunstsalon Fritz Gurlitt, Berlin / Rudolf Mosse, Berlin (at the latest 1908, until 1920) / Emilie Mosse, Berlin (1920–1924) / Hans and Felicia Lachmann-Mosse, Berlin (1924–1934) / Fritz Nathan, St. Gallen (circa 1936/1946) / private collection, Switzerland (until 1987) / Galerie der Stadt Sindelfingen (1987 acquired for the collection Lütze II, 2016 restituted to the heirs of Rudolf Mosse)
Ausstellung: Wilhelm Leibl. Gemälde, Zeichnungen, Radierungen. Cologne, Wallraf-Richartz-Museum, and Berlin, Preußische Akademie der Künste und Galerie Matthiesen, 1929, cat. no. 55, ill. pl. XXXVIII / Der unbekannte Winterthurer Privatbesitz 1500–1900. Winterthur, Kunstmuseum, 1942, cat. no. 172, ill. pl. XXV / Wilhelm Leibl zum 150. Geburtstag. Munich, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek, and Cologne, Wallraf-Richartz-Museum, 1994, cat. no. 62, with full-page colour illustration
Literatur und Abbildung: Franz Hermann Meissen: Wilhelm Leibl. In: German Kunst, II. Vol., no. 2, 16.10.1897, p. 21-25, ill. p. 23 / catalogue der Rudolf Mosse‘schen Kunstsammlung. Berlin 1908, p. 4 (Zimmer VIII, „Männerbildnis“) / Emil Waldmann: Wilhelm Leibl. Eine image seiner Kunst. Gesamtverzeichnis seiner painting. Berlin, Cassirer, 1914, cat. no. 107, ill. 88 / catalogue 2075: Kunstsammlung Rudolf Mosse, Berlin. Berlin, Rudolph Lepke‘s Kunst-Auctions-house, 29./30.5.1934, cat. no. 50, full-page ill. pl. 1 („Bildnis des Appellationsrats Stenglein“) / Fritz Nathan: 10 Jahre Tätigkeit in St. Gallen, 1936–1946. St. Gallen 1946, o. P., , illustration / Nationalgalerie Berlin, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz: Verzeichnis der painting and Skulpturen des 19. Jahrhunderts. Berlin 1976, p. 222 (in der Beschreibung des dort verwahrten frontalen „Porträts des Appellationsrates Stenglein [Der Amtmann]“ mentioned) / Bestandskatalog: Süddeutsche Kunst des ausgehenden 19. And 20. Jahrhunderts. Sindelfingen, Galerie der Stadt, Lütze-Museum, 1990, p. 39
The painting is offered for sale with the express consent of the heirs of Rudolf Mosse
Pictures credits: Contact organization
Drawings, watercolours and pastels
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